Studie warnt vor harter Marktbereinigung "Autobranche wird dieses Jahr keine Gewinne erzielen"

Die wichtigste Industrie in Deutschland hatte schon vor der Corona-Krise hart zu kämpfen. Eine neue Studie zeigt: Für die Autobauer ist ein Markt von der Größe Europas über Nacht verschwunden.
VW-Neuwagen im Werk Zwickau Mitte März 2020, kurz vor der Werksstilllegung.

VW-Neuwagen im Werk Zwickau Mitte März 2020, kurz vor der Werksstilllegung.

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Wochenlang lagen Autowerke brach, den schnellen Wiederanlauf hemmen strenge Hygienevorschriften und eine eher maue Nachfrage: Deutschlands umsatzstärkstem Industriezweig, der Automobilbranche, macht die Corona-Pandemie schwer zu schaffen. Schon vor dem Lockdown lief es in der Autobranche nicht mehr rund: Die großen Automärkte China und USA schwächelten, auch in Europa zeichnete sich ein Ende des jahrelangen Booms ab.

Doch die Corona-Krise wirkt für die Branche als Brandbeschleuniger, wie eine neue Studie von AlixPartners zeigt. In ihrem "Global Automotive Outlook 2020" analysiert die Unternehmensberatung, was auf die Autobranche in den kommenden Monaten zukommt.

Die Aussichten fallen düster aus: Die weltweiten Verkaufszahlen dürften dieses Jahr um 20 Millionen unter denen des Vorjahres liegen. Es ist so, "als wäre ein Markt von der Größe Europas über Nacht verschwunden", beschreiben sie es in der Studie, die manager magazin vorliegt. All das dürfte zu Übernahmen und einer knallharten Auslese führen, warnen die Berater. Zur Gruppe der Überlebenden dürfte laut den Beratern auch der Elektroautobauer Tesla gehören - der trotz aller Probleme zuletzt an den deutschen Autobauern vorbeizog .

Im vergangenen Jahr lag der weltweite Pkw-Absatz bei 89,5 Millionen Fahrzeugen. Da waren die guten Jahre ohnedies bereits vorüber, die Branche befand sich nach 94 Millionen verkauften Pkw 2017 bereits in einer Abschwungsphase. Nun geht es aber noch viel deutlicher nach unten.

In diesem Jahr bricht der Absatz auf weltweit nur 70,5 Millionen Autos ein, prognostizieren die Berater. Und das ist ein optimistischeres Szenario als noch vor wenigen Wochen, meint Elmar Kades, Leiter der Autosparte bei AlixPartners. Am Anfang der Corona-Krise habe man noch mit weltweit 66 Millionen verkauften Fahrzeugen für 2020 gerechnet.

Europa mit stärkstem Markteinbruch - und es wird nicht schnell besser

Ein Grund dafür: "Chinesen und Amerikaner sind in ihren Prognosen etwas positiver geworden. In den USA sind die Auftragseingänge besser als gedacht", so Kades. In China kam die Produktion nach den Corona-Shutdowns im Februar und März laut Kades vergleichsweise schnell zurück, deshalb gehen die Berater in China, aber auch in den USA von einem vergleichsweise kurzen Einbruch aus.

In China müssen die Autobauer 2020 einen Verkaufsrückgang von knapp 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verkraften, das Absatzniveau von 2019 wird nach Ansicht der Studienautoren allerdings bereits 2022 wieder erreicht.

In den USA gehen die Autoverkäufe demnach von 17,1 Millionen Fahrzeugen auf 13,6 Millionen Fahrzeuge in diesem Jahr zurück, also um 20 Prozent. Im kommenden Jahr, prognostiziert AlixPartners, steigt der US-Autoabsatz aber schnell wieder auf 15,3 Millionen Pkw und Pick-ups.

Noch härter ist die Situation in Europa: Hier stürzt der Absatz von zuletzt 20,6 Millionen Fahrzeugen auf nur mehr 14,1 Millionen Fahrzeuge in diesem Jahr ab - ein Einbruch um satte 32 Prozent. 2021 werden es dann knapp 17 Millionen Fahrzeuge sein. Das Vor-Krisen-Niveau dürfte hier erst in fünf Jahren wieder erreicht werden.

Die Folge all dessen werde ein "Darwinismus" in der Branche sein, meinen die Berater. "Nur die finanz- und innovationsstarken Hersteller und Zulieferer überstehen die bevorstehende Marktbereinigung."

Autobranche muss Personaleinsatz um über 15 Prozent senken, warnen die Berater

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In den kommenden Jahren werden die Autobauer und Zulieferer kräftig sparen müssen, meint Kades. Sie müssen weniger, aber dafür margenträchtigere Modelle anbieten sowie Investitionen sehr genau überdenken. Und sie werden wohl auch beim Personal Einschnitte machen. "Ich denke, dass die Autoindustrie den Personaleinsatz um über 15 Prozent nach unten fahren muss, um den Break-Even-Punkt weiter abzusenken", so Kades. Ein Sechstel aller Stellen in der Autobranche gelten laut den Beratern also als gefährdet.

Eine Reduzierung auf bis zu zehn größere Autohersteller sei möglich, "mit Tesla auf dem Weg in diese Gruppe". Die deutschen Autobauer dürften zu den Überlebenden gehören, meint Kades: "Bei der Elektrifizierung und der Software gibt es zwar heftige Geburtswehen, aber sie sind stark genug, es zu schaffen."

Insgesamt, meint Kades, wirkt die Corona-Krise auf die Autobranche wie ein Brandbeschleuniger. Die Renditen waren wegen der Investitionen in neue Technologien schon seit Jahren rückläufig. "Die Autobranche insgesamt wird dieses Jahr wohl keine Gewinne erzielen", prognostiziert Kades.

Nach aktuellem Stand werden die meisten Hersteller die CO2-Ziele für 2021 verfehlen, Strafzahlungen drohten. Die bis 2024 angekündigten Investitionen in Elektromobilität in Höhe von 234 Milliarden Dollar dürften angesichts der Umsatzeinbrüche reduziert oder verschoben werden.

Asiaten werden bei E-Autos zur echten Konkurrenz für Deutsche

"Jetzt ist die Zeit, alles infrage zu stellen", die Modellvielfalt zu reduzieren und die Transformation zu beschleunigen, sagt Kades. Der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge werde 2025 weltweit 12 Prozent betragen: in Europa 20 Prozent, in China 18 und in den USA 8 Prozent.

Allerdings dürfte bei Elektroautos nicht nur Tesla den deutschen Herstellern das Leben schwer machen, meint der Autobranchenexperte. Beim Marktstart von E-Autos deutscher Hersteller "haben wir in den vergangenen zwei Jahren zu viele Verzögerungen gesehen", kritisiert Kades.

Asiatische Autobauer haben das zuletzt besser hinbekommen als die Deutschen. So ist etwa Hyundai mit der Elektrifizierung der Fahrzeuge sehr gut vorangekommen, auch in Bezug auf Reichweite. Anders als viele deutsche Hoffnungsträger kann man E-Autos aus Korea kaufen, ohne monatelang auf die Auslieferung zu warten.

Auch bei diesem Thema bleibt für die deutschen Autobauer also noch viel zu tun.

mit Material von dpa-afx
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