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US-Elektroauto-Pionier: 6 Schicksalsmonate für Tesla

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Heftige Diskussionen nach Autopilot-Unfall Warum Teslas Technik-Story Risse bekommt

Etwas ist ungewöhnlich an den jüngsten Vorfällen rund um Tesla: Tesla-Chef Elon Musk und seine Presseleute verlieren ziemlich häufig und ziemlich öffentlich ihre Contenance. Vor knapp einem Monat lieferten sich die Kalifornier eine verbale Schlammschlacht mit einem US-Autoblogger, der über mögliche Defekte bei der Radaufhängung des Model S berichtete. Nun bezeichnete Elon Musk einen Artikel des renommierten US-Wirtschaftsmagazins "Fortune" via Twitter als "bullshit", also als Schwachsinn.

Musks Nerven liegen wohl ziemlich blank, wenn er sich öffentlich auf ein solches Niveau begibt. Tatsächlich ist Tesla ziemlich Druck. Seit das Unternehmen bekannt gab, dass ein Tesla-Fahrer mit eingeschaltetem Autopilot tödlich verunglückte, ist Tesla unter heftigen Beschuss geraten. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, dass dessen Selbstlenk-Funktionen eben längst noch nicht so fortgeschritten sind, wie von Tesla selbst suggeriert.

Der Zulieferer Mobileye, dessen Kamerasystem Tesla für seinen Autopiloten braucht, sah sich jüngst zu einer Klarstellung veranlasst: Mobileyes Systeme könnten seitlich kreuzende Fahrzeuge noch nicht erkennen, das sei erst ab 2018 vorgesehen. Tesla wiederum argumentiert, dass seine Fahrzeuge mit eingeschaltetem Autopilot statistisch sicherer seien als menschliche Fahrer. Das mag inhaltlich richtig sein, klingt aber bei einem Todesopfer und weiter eingeräumten Unfällen in der jüngsten Debatte doch zynisch.

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Vergessen wird bei der hitzigen Diskussion, dass Tesla seinen "Autopiloten" zwar als so genannte Beta-Version auf seine Kunden loslässt. Das verärgert vor allem die sicherheitsbewussten, perfektionistischen deutschen Autohersteller. Denn sie haben einen Ruf zu verlieren und können ihren Kunden daher nur ausgereifte, gründlich getestete Systeme anbieten.

Doch mittlerweile weist Tesla auf die Grenzen des Systems hin: Registriert der Autopilot mehrere Sekunden lang keine Lenkbewegung, gehen Warnleuchten und Warnpiepser an. Bei der Einrichtung des Systems wird der Fahrer deutlich darauf hingewiesen, dass er auch bei aktiviertem Autopilot aufmerksam das Straßengeschehen verfolgen muss.

Das war zur Einführung des Autopiloten noch etwas anders. Da erklärte Musk noch, dass Tesla nicht unbedingt dazu rate, die Hände vom Steuer zu nehmen. Es kam, wie es kommen musste: Auf Youtube luden Tesla-Fahrer etwa Videos hoch, in denen sie bei voller Fahrt auf die Rückbank kletterten, während der Autopilot lenkte.

Das zwang Tesla zurückzurudern. Per drahtlos eingespieltem Update versuchten die Kalifornier solche Exzesse zu verhindern, indem nun eben nach mehreren Sekunden Warnleuchten und Warnpiepser angehen.

Musks Taktik - groß ankündigen, später schrittweise zurücknehmen

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Dieser Schritt war typisch für die Strategie von Musk. Denn seine Fans zieht er zunächst mit gewagten Prognosen in seinen Bann. So soll Tesla Motors in Rekordzeit den ganz großen Autoherstellern Paroli bieten, selbstfahrende Autos auf den Markt bringen und insgesamt die Welt vom stinkenden Joch der Verbrennungsmotoren befreien.

Auf die vollmundigen Ankündigungen folgen dann aber Monate später oft Relativierungen. So war es bei den ehrgeizigen Produktions- und Auslieferungszielen, die Musk und seine Mannen mehrfach nach unten korrigieren mussten. So war es beim "Autopiloten", der zwar einen wohl klingenden Namen hat, aber technisch kaum mehr kann als die bereits verfügbaren Systeme von Mercedes-Benz, BMW und Audi.

Vielleicht bleibt Musk aber auch nichts anderes übrig, als im beinharten Konkurrenzkampf gegen die deutschen Hersteller große Töne zu spucken. Jahrelang konnte er mit einem dicken Pfund wuchern: Der Reichweite, die bei den Tesla-Elektroautos mehr als doppelt so hoch lag wie bei der Konkurrenz. Diesen technischen Vorsprung wird Tesla in den nächsten Jahren einbüßen, wie auch Musk weiß.

Beim autonomen Fahren ist Tesla nicht weiter als die Konkurrenz

Deshalb hat er sich nun das autonome Fahren als nächstes Verkaufsargument für sein Unternehmen auserkoren. Das Problem dabei ist nur: Die großen Autohersteller forschen seit Jahrzehnten an der Technologie dazu, Tesla erst seit einigen Jahren. Die dafür notwendigen Sensoren und deren Zusammenspiel werden von Zulieferern entwickelt, sämtliche Autohersteller kaufen bei den gleichen Zulieferern ein.

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Damit sind alle auf einem ähnlichen technischen Stand. Musk will seinen Käufern aber etwas Besonderes bieten. Das gelang Tesla bisher nur, indem es einige der Einschränkungen für die Assistenzsysteme aufhob.

Technisch vorn hat Tesla die Nase dabei nur bei einer einzigen Funktionalität: Dem flächendeckenden Nachrüsten von Funktionen via Mobilfunk-Update, das die Konkurrenz so nicht beherrscht. Das lässt sich dafür nützen, schnell Verbesserungen einzuführen - oder eben wieder Beschränkungen zu setzen, die zuvor bewusst gelockert wurden.

Die heftigen Diskussionen um den Autopilot-Unfall zeigen jedenfalls, dass die von Tesla gesponnene Story vom technisch fortschrittlichsten Autoproduzenten erste Risse bekommt. Nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch ausreichend sicher.