Hansestadt als Teststrecke für autonome Autos VW macht Hamburg zur Roboterauto-Metropole

Mit solchen hochgerüsteten E-Golf-Fahrzeugen will VW das fahrerlose Fahren in Hamburg testen

Mit solchen hochgerüsteten E-Golf-Fahrzeugen will VW das fahrerlose Fahren in Hamburg testen

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Teststrecke: VW fährt autonom durch Hamburg

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Der Ort der Ankündigung war vergleichsweise klein gewählt, die Nachricht dafür durchaus bedeutsam: Der Volkswagen-Konzern kürt die Hansestadt Hamburg zum Testlabor für Roboterwagen, wie der Autohersteller heute im Hamburger Automuseum Prototyp verkündete. Bislang fährt ein Großteil der weltweit getesteten fahrerlosen Autos in den USA, da vor allem in Kalifornien oder in dafür errichteten Testzentren.

Auf europäischen Straßen waren die Roboterwagen bislang noch eher eine Seltenheit - in Hamburg ändert sich das nun, wenn auch nur in kleinem Umfang. Denn Volkswagen schickt nur fünf mit teurer Scannertechnik und Rechnern aufgerüstete Elektro-Golfs auf einige Hamburger Straßen.

Die Fahrzeuge sind bestückt mit elf Laserscannern, 14 Kameras, Ultraschall- und Radarsensoren, sagte Axel Heinrich, Leiter der VW-Konzernforschung. Allein die Computertechnik nimmt den gesamten Kofferraum des Fahrzeugs ein. Sie verarbeitet bis zu fünf Gigabyte Daten pro Minute. Es wird immer ein Fahrer an Bord sein, um bei Bedarf eingreifen zu können.

Die Testfahrten im Hamburger Alltagsverkehr "suchen seinesgleichen in Europa, wenn nicht sogar in der Welt", frohlockte Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. Denn die Roboterwagen sollen keine Autobahnen entlangfahren, sondern sich auf einem Rundkurs durch die Innenstadt bewegen. Dort müssen die Wagen mit dem Verhalten menschlicher Autofahrer zurechtkommen - aber auch mit Fußgängern, Radfahrern und etwaigen Baustellen.

Hamburg rüstet Ampeln für VW auf

Geplanter Verlauf der Roboterauto-Teststrecke

Geplanter Verlauf der Roboterauto-Teststrecke

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Die Autos fahren zunächst auf einem drei Kilometer langen Teilstück einer neun Kilometer langen Strecke, die Hamburg eigens für Testzwecke definiert hat und mit zusätzlicher Infrastruktur aufrüstet. So können die Ampeln direkt mit den Autos kommunizieren und müssen nicht von Kameras ausgelesen werden. Das Projekt zum autonomen Fahren wird vom Bund mit mehr als zehn Millionen Euro gefördert; der Beitrag des VW-Konzerns ist mindestens ebenso hoch. Die Ergebnisse der Fahrten sollen in die Forschungsprojekte des Konzerns zum autonomen Fahren und zur Optimierung des Individualverkehrs eingehen. Hamburg sei "stolz, dass die Stadt als Erprobungsgrund genutzt wird", erklärte Westhagemann.

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Die wichtigsten Allianzen rund um die Roboterauto-Entwicklung: Die Partner der Autobauer beim autonomen Fahren

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Bislang habe VW autonomes Fahren auf dem Wolfburger Werksgelände getestet, erläutete VWs oberster Konzernforscher. Der Schritt in den realen Stadtverkehr bedeute eine neue Herausforderung. "Da gibt es viel mehr Situationen; mit Radfahrern, mit Fußgängern, Bürgersteigen, schnellen Spurwechseln, Ampeln, schmaleren Fahrspuren", sagte Heinrich. Für Autobahnen, wo alle Fahrzeuge kreuzungsfrei in ähnlicher Geschwindigkeit in die gleiche Richtung fahren, seien autonom fahrende Fahrzeuge einfacher zu entwickeln.

In den USA gehören vor allem im Silicon Valley selbstfahrende Autos im Stadtverkehr zum Alltag. In Kalifornien haben 62 Unternehmen die Erlaubnis, Roboterwagen auf öffentlichen Straßen zu testen. Dazu gehören aus Deutschland VW und Mercedes sowie die Zulieferer Bosch und Continental .

Im Video: Ein mm-Redakteur berichtet über die Fahrt in Googles Roboterauto

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Als besonders weit gilt die Google-Schwesterfirma Waymo, die seit einigen Monaten einen ersten kostenpflichtigen Robotaxi-Service in einem Vorort der Stadt Phoenix im Bundesstaat Arizona betreibt. Er steht zunächst ausgewählten Anwohnern offen und soll mit der Zeit ausgeweitet werden. Waymo testet auch Fahrzeuge ohne Menschen am Steuer, in dem kommerziellen Dienst kommen die Wagen aber noch mit einem Sicherheitsfahrer. Vor der Gründung von Waymo schickte Google bereits vor zehn Jahren seine Roboterwagen auf Testfahrten in Kalifornien.

Hamburger Wetterbedingungen als Härtetest

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Selbstfahrende Autos: Wie weit die Hersteller beim autonomen Fahren sind

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"Waymo und Google haben mehr Testkilometer, aber auch noch einen weiten Weg vor sich", sagte Heinrich. Allerdings hat Waymo bereits hunderte Roboterwagen auf der Straße, während der VW-Konzern nun in Hamburg mit gerade mal fünf Testwagen loslegt.

In den USA bereiten die Autoriesen General Motors (GM) und Ford ebenfalls den Start ihrer Robotaxi-Angebote vor. GM schickt dafür seit Jahren mit dem zugekauften Start-up Cruise selbstfahrende Autos in San Francisco auf die Straße. Ford testet unter anderem in Miami. Daneben arbeiten Dutzende Start-ups in den USA an fahrerlosen Fahrzeugen.

Volkswagen kooperiert bei seinen Roboterwagen-Systemen unter anderem mit dem amerikanischen Start-up Aurora. Es wird vom ehemaligen Leiter von Googles Roboterwagen-Programm, Chris Urmson, geführt. Wie die Volkswagen-Manager aber nun andeuteten, dürfte sich VW bald weitere Kooperationspartner im Bereich autonomes Fahren suchen.

Die Hamburger Wetterbedingungen könnten die Fahrzeuge auf die Probe stellen: Schnee und Glatteis, aber auch starker Regen gelten nach wie vor als eine Herausforderung für die Systeme. "Am Ende sollen die Autos unter allen äußeren Bedingungen fahren, unter denen auch ein Mensch fahren könnte", sagte Helge Neuner, bei der VW-Forschung verantwortlich für autonomes Fahren. "Aber deutlich sicherer." Zunächst werde es jedoch Einschränkungen und Begrenzungen geben.

Warum auf den Autos "Versuchsfahrzeug mit Videoaufzeichnung" steht

Um den Bürgern etwaige Ängste zu nehmen, ist der Stadt und VW auch der Datenschutz ein Anliegen. Denn die Fahrzeuge zeichnen ihre Umgebung unter anderem per Video auf. Stößt der Sicherheitsfahrer an Bord auf ein Problem, drückt er einen Knopf. Dadurch aktiviert er eine 20-sekündige Videoaufzeichnung, erläuterte Heinreich. Diese Daten werden gespeichert. Sollten Passanten allerdings den Eindruck haben, dass sie gefilmt werden, können sie sich bei VW melden und um Löschung der Daten bitten, erläuterte Heinrich. Die Bürger müssten dann allerdings möglichst genau sagen, wann und wo sie glauben, gefilmt worden zu sein.

Damit all dies auch wirklich allen Passanten klar ist, prangt auf dem Testwagen der Schriftzug "Versuchsfahrzeug mit Videoaufzeichung". Damit die Wagen auf dem Rundkurs fahren können, benötigt VW auch hochauflösende Karten der Straßenzüge. Die Erstellung dieser Detailkarten finanziert der Konzern selbst, hieß es bei der Veranstaltung.

Das VW-Versuchsprojekt und die nutzer- und herstelleroffene Teststrecke gehören zu den Vorbereitungen der Hansestadt für den Weltkongress für intelligente Verkehrssysteme (ITS) im Herbst 2021. Hamburg hat dazu rund 50 Einzelprojekte angeschoben und Partnerschaftsverträge mit großen Unternehmen abgeschlossen, darunter VW. Der Konzern ist auch mit dem Elektro-Sammeltaxi Moia in der Hansestadt aktiv, das in der übernächsten Woche seinen kommerziellen Betrieb aufnimmt.

mit Material von dpa-afx
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