Sonntag, 19. Januar 2020

Einstieg beim Sensortechnik-Spezialisten Aeva Wie VW beim autonomen Fahren aufrüstet

VW-Roboterauto in Hamburg: Der Einstieg bei Aeva soll solche Dachaufbauten überflüssig machen
Christian Charisius / DPA
VW-Roboterauto in Hamburg: Der Einstieg bei Aeva soll solche Dachaufbauten überflüssig machen

Der Chip, um den es Volkswagen geht, hat in etwa die Größe eines halben Zeigefingers und birgt ein großes Versprechen. Er soll jene radträgergroßen Dachaufbauten ersetzen, mit deren Hilfe Roboterautos durch den Verkehr navigieren, und weniger als ein Zehntel bisheriger Systeme kosten.

Das behauptet jedenfalls Aeva, ein von zwei früheren Apple-Ingenieuren gegründetes Start-up, das sich auf Sensoren für selbstfahrende Autos spezialisiert hat. Der von Aeva entwickelte Chip soll auf kleinstem Bauraum einen kompletten Lidar-Sensor enthalten - also jene Laserradartechnologie, mit deren Hilfe selbstfahrende Autos ihre Umwelt im Umkreis von mehreren hundert Metern scannen und ein 3D-Abbild erstellen.

Der Volkswagen-Konzern hat nun über seinen Großaktionär Porsche SE ein "signifikantes Investment" in das 2017 gegründete Start-up aus dem Silicon Valley mit 80 Mitarbeitern getätigt, wie Aeva und Volkswagen nun bekanntgaben.

Über die gezahlte Summe schweigen beide Seiten, dafür sprechen sie umso lieber über die künftigen Aussichten. Aevas Chip sei die "beste Lidar-Lösung auf dem Markt", erklärte VW-Manager Alexander Hitzinger gegenüber der "Financial Times". Das Start-Up habe es geschafft, sämtliche Lidarkomponenten auf einem Chip unterzubringen - damit werde die Sensorentechnik endlich "hoch skalierbar", meint Hitzinger, in schönstem Tech-Sprech.

Bisher verfügbare Lidar-Systeme haben zwei Nachteile: Sie benötigten bislang permanent kreisende Scanner an einem möglichst hohen Punkt der Fahrzeuge, also auf dem Fahrzeugdach. Die Dachaufbauten sehen nicht nur seltsam aus, sie sind auch bislang ziemlich teuer. So gab Googles Selbstfahrtochter Waymo vor zwei Jahren an, dass sie die Kosten pro Lidar-Einheit auf 7500 Dollar gedrückt habe - von zuvor 75.000 Euro.

Volkswagens turbulentes Jahr bei Roboterauto-Kooperationen

Eine ganze Reihe Lidar-Spezialisten wie Velodyne, Luminar oder AEye hat seither angekündigt, dass sie die Kosten für die Bauteile durch Massenherstellung weiter drücken kann. Doch Aevo meint, dass ihr neuer Lidar-Chip weniger als 500 Dollar in der Herstellung kosten soll und sich problemlos neben den Autoscheinwerfern unterbringen lässt. Erstmals eingesetzt werden soll der Aevo-Chip bei Volkswagens geplantem Elektro-Bulli ID.Buzz, der ab 2022 auf den Markt kommen soll.

Volkswagens Deal mit Aeva zeigt auch, wie sich die Wolfsburger beim autonomen Fahren neu ausrichten. Angedeutet hatte sich die Verbindung mit Aeva bereits, denn bereits vor einigen Wochen hatte eine Audi-Tochter eine Partnerschaft mit Aeva bekanntgegeben. Mitte des Jahres hat Volkswagen aber auch einen fliegenden Wechsel bei seiner wichtigsten Roboterauto-Partnern hingelegt: Im Juni beendete Volkswagen seine Partnerschaft mit Aurora Innovation, einem von ehemaligen Google-Roboterautospezialisten gegründeten Unternehmen.

Knapp darauf kündigte Volkswagen an, 2,6 Milliarden Dollar in Argo.AI zu investieren - einem weiteren Selbstfahr-Start-up, zu VWs neuem Partner Ford gehört. Im Oktober lagerte VW seine Selbstfahr-Aktivitäten in eine eigene Tochtergesellschaft namens VW Autonomy aus, die von Hitzinger geleitet wird und sich nur dem autonomen Fahren widmen soll.


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Ein paar Monate zuvor, im August 2019, erwarb Porsche einen Minderheitenanteil am israelischen Tech-Start-up TriEye Technologies, das ebenfalls Sensorentechnologie für das autonome Fahren entwickelt.

"Die vielen kleinen Schritte sind Teil einer Strategie"

Nach dem Schwenk Richtung Elektromobilität, den der neue ID.3 für den Konzern einleiten soll, stellt sich VW nun auch beim autonomen Fahren auf neue Beine. "Das mag nach vielen kleinen Schritten aussehen, doch die hängen miteinander zusammen und sind Teil einer Strategie", erklärte VW-Autonomy-CEO Hitzinger gegenüber dem "Wall Street Journal".

Die war lange Zeit nicht so richtig erkennbar. Zwar testet VW seit gut einem halben Jahr eigene Roboterautos in Hamburg, allerdings fahren nur fünf Wagen durch die Hansestadt. Die Google-Tochter Waymo testet dagegen bereits hunderte Fahrzeuge im Alltag - und drängt nun auch nach Europa. Einst erwägte VW auch, Selbstfahrtechnik in seinen Moia-Shuttles einzubauen, um die Sensoren passiv zu testen. Davon war zuletzt kaum mehr die Rede.

Mit dem neuen Selbstfahr-Partner Argo AI erhalten VWs Roboterauto-Ambitionen aber deutlich mehr Punch, heißt es in der Branche. Insofern passt der Einstieg von Aeva da schon gut ins Bild. Denn wenn der Lidar-Chip hält, was Aeva verspricht, bekommt VW tatsächlich einen kräftigen Kostenvorteil.

Und das könnte dann Selbstfahr-Technik auch bei den Wolfsburgern zum Durchbruch verhelfen. Vielleicht nicht gleich im Robotertaxi-Geschäft - aber zumindest bei Assistenzsystemen, die auf Autobahnen viel besser als jene der Konkurrenz funktionieren und entspanntere Langstreckenfahrten ermöglichen.

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