Montag, 17. Februar 2020

12-Hektar-Testgelände Michigan baut Geisterstadt für selbstfahrende Autos

Entwurf für das Testgelände: Sogar mechanische Radfahrer sollen auf den Straßen unterwegs sein
University of Michigan
Entwurf für das Testgelände: Sogar mechanische Radfahrer sollen auf den Straßen unterwegs sein

Sie besteht aus Kreuzungen, Ampeln und Fußgängerattrappen: In der Nähe der Autostadt Detroit errichtet die Universität Michigan eine 12 Hektar große Geisterstadt. Sie dient einem einzigen Zweck: Die Alltagstauglichkeit von fahrerlosen Autos zu testen.

Hamburg - Es war ein Auftritt mit Signalwirkung: Vergangenen September stellte Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der Automesse IAA ein viel beachtetes Video vor. Es dokumentierte die Fahrt einer S-Klasse-Limousine von Mannheim nach Pforzheim. Der Fahrer des Wagens hatte seine Hände jedoch nicht am Lenkrad, sondern in seinem Schoß. Seine Füße standen neben den Pedalen - denn das Auto lenkte, beschleunigte und bremste von selbst.

Möglich machten das Stereokameras, Radarsensoren, besonders genaue Karten und viel Rechenleistung im Inneren des Forschungsfahrzeugs. Daimler wollte damit beweisen, dass autonomes Fahren auch im Stadtverkehr bereits möglich ist.

Zwar lief der Test nicht völlig reibungslos ab. Fahrzeuge, die in zweiter Reihe parkten, führten das System gelegentlich an seine Grenzen. Auch die einwandfreie Zuordnung von Ampeln zu Fahrspuren klappte nicht immer. Dennoch sorgte der Test in der Branche für Aufregung - und für eine Menge gewagter Ansagen zu selbstständig fahrenden Autos.

Carlos Ghosn, Chef von Nissan und Renault, verspricht etwa autonome Fahrzeuge für das Jahr 2020. Der Internet-Konzern Google stellte vor kurzem den Prototypen eines selbstfahrenden Autos vor. Audi-Chef Rupert Stadler will das pilotierte Fahren, wie er es nennt, Zug um Zug in Serie umsetzen - und lässt in Nevada bereits Roboterautos auf den Straßen herumkurven.

Sichere Umgebung für autonome Testfahrten

Doch der Stadtverkehr stellt die Auto-Visionäre und ihre Forschungsabteilungen vor große Probleme. Denn Computer tun sich schwer damit, plötzlich auftretende Verkehrshindernisse korrekt zu erfassen - und elegant zu umfahren.

Dabei will die Universität Michigan den Autoherstellern nun unter die Arme greifen: Gemeinsam mit dem Verkehrsministerium des Bundesstaates baut die Uni nun ein Testgelände für selbstfahrende Autos auf. Das berichtet das US-Onlinemagazin Business Insider.

In Ann Arbor, rund 50 Kilometer von der Autostadt Detroit entfernt, entsteht auf einem 12 Hektar großen Gelände eine künstliche Teststadt. Sie dient einem einzigen Zweck: Auf dem Gelände sollen autonom fahrende und vernetzte Autos in einer sicheren Umgebung an ihre Grenzen geführt werden.

Auf dem Gelände sollen die "weite Bandbreite an Schwierigkeiten simuliert werden, auf die Fahrzeuge in städtischen Umgebungen stoßen", heißt es auf der Website des Projekts. Dazu lassen die Forscher rund fünf Kilometer Straßen mit verschiedenen Kreuzungsarten, Straßenmarkierungen und Ampeln aufbauen. Auf dem Gelände werden auch Bürgersteige, Sitzbänke, Straßenbeleuchtungen und Gebäudeattrappen zu finden sein. Zusätzlich bauen die Forscher typische Stadt-Hindernisse ein. Baustellenmarkierungen gehören ebenso dazu wie Hydranten - und offenbar auch Fußgängerattrappen, die bei Rot über die Ampel gehen.

Bis zum Herbst soll das Testgelände fertiggestellt sein. Welche Autohersteller das Gelände für ihre Tests nutzen wollen, ist noch nicht bekannt. Doch die räumliche Nähe zu Detroit lässt vermuten, dass bald Forschungsautos von General Motors, Ford und Chrysler auf dem Gelände herumkurven werden. Dass Daimler in Kürze seinen S-Klasse-Prototypen zur Konkurrenz in die USA schickt, darf jedoch bezweifelt werden.

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