Montag, 17. Februar 2020

Automesse Detroit Warum die Autobranche auf Partymodus schaltet

US-Autoverkäufe 2014: Das sind Amerikas Auto-Bestseller
Ford

Das Messezentrum ist renoviert, Sprit ist billig, Absatzzahlen steigen: Auf der Detroiter Automesse haben GM, Ford und Chrysler Grund zum Feiern. Das Comeback der "Big Three" setzt die deutschen Hersteller unter Zugzwang.

Hamburg - Eine sandfarbene Steinfassade, die an übereinandergeschachtelte Rubiks-Würfel erinnert, umgeben von Straßen, die teils tiefe Risse aufweisen: Als Ausbund an Eleganz geht das Cobo Convention Center nicht durch. Auch innen war das riesige Veranstaltungszentrum in Detroit bis vor kurzem nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

Das hat sich Anfang vergangenen Jahres geändert: Da konnten die Besucher erstmals in komplett neu gestalteten Tagungsräumen fachsimpeln - und Amerikas wichtigste Automesse durch ein 25 Meter hohes, lichtdurchflutetes Atrium betreten. Mehr als eine Viertelmilliarde Dollar steckt Detroit in die Renovierung der 67.000 Quadratmeter großen Räumlichkeiten.

Das Timing passt perfekt zur aktuellen Stimmung in der US-Autobranche. Denn der US-Automarkt erstrahlt derzeit ebenso wie das Cobo Convention Center in neuem Glanz. Entsprechend gut wird die Laune sein, wenn die North American International Auto Show (NAIAS), wie die Detroiter Automesse offiziell heißt, heute ihre Pforten öffnet.

"Im Jahr 2009 fühlte man, dass die Stimmung gedrückt war", sagte Detroits Bürgermeister Mike Muggan vor kurzem über die Messe, die bis 27. Januar dauert. "Diesmal sind die Leute richtig aufgeregt".

Mitfeiern beim großen US-Kräftemessen der Autobranche werden dabei die drei deutschen Premiummarken. Nur die VW-Manager müssen in den USA weiter die Ärmel hochkrempeln: Zwar verkaufte Volkswagen weltweit im Jahr 2014 erstmals mehr als zehn Millionen Fahrzeuge - doch die Verkaufszahlen ihrer Kernmarke auf dem USA bieten trotz der globalen Krafmeierei wenig Grund zum Feiern.

US-Autobranche "so stark wie seit Jahren nicht mehr"

Der US-Markt bleibt für den Volkswagen-Konzern eine Problemzone - obwohl der Autoabsatz in der weltgrößten Volkswirtschaft im vergangenen Jahr kräftig zulegte. Rund 16,5 Millionen Neuwagen wurden von Januar bis Dezember in den USA verkauft, zeigen Berechnungen der Fachzeitschrift Automotive News, um 6 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Verkaufszahlen auf dem Gesamtmarkt stiegen bereits das fünfte Jahr in Folge, nachdem sie während der Rezession 2009 auf ein 27-Jahres-Tief gefallen waren.

GM, Ford und Chrysler beim Marktanteil vorn - schwere Pick-ups gefragt

Die drei großen US-Autohersteller General Motors Börsen-Chart zeigen (18,2 Prozent Marktanteil), Ford Börsen-Chart zeigen (14,6 Prozent) und Chrysler (12,8 Prozent) haben bei den Neuverkäufen ihren Marktanteil in dem wachsenden US-Markt auf 45,6 Prozent ausgebaut. Lediglich Toyota Börsen-Chart zeigen (14,3 Prozent Marktanteil) kann mit ihnen in der Spitzengruppe mithalten.

Die deutschen Hersteller sind gegenüber diesen Zahlen abgeschlagen: BMW kommt auf 2,8 Prozent Marktanteil, Mercedes auf 2,5, Volkswagen auf 2,3 und Audi auf 1,3 Prozent Marktanteil. Die auf Grund der niedrigen Spritpreise wieder wachsende Vorliebe der Amerikaner für große, spritschluckende Wagen stellt die deutschen Hersteller zudem vor neue Herausforderungen: Das mit Abstand beliebteste Auto in den USA bleibt der schwere Pick-up F-150 von Ford, gefolgt von den Pick-ups der US-Konkurrenten GM (Silverado) und Dodge Ram (Chrysler).

Die Hersteller wollen weiter vom Aufschwung profitieren, in Detroit erwarten die Veranstalter 40 bis 50 Premieren. "Die Kauflaune ist groß, Produktion und Verkäufe ziehen weiter an, die Branche ist so stark wie seit Jahren nicht mehr", sagt Messechef Scott LaRiche. Niedrige Zinsen erleichtern die Finanzierung, die Wirtschaftslage ist gut, und ein kräftiger Rückgang der Spritpreise schob die Nachfrage zuletzt noch weiter an.

Die USA sind wieder Wachstumslokomotive der Autobranche, urteilt der deutsche Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR-Center Automotive Research der Universität Duisburg Essen. "Der Optimismus in den Markt USA war schon lange nicht mehr so groß wie Anfang 2015", urteilt Dudenhöffer - und das wiedererstarkte Selbstbewusstsein spiegelt sich auch in den Messe-Highlights der deutschen Autohersteller wider.

Mercedes und Audi mit SUV und Crossover-Modellen

Einen Blick in die automobile Zukunft haben die großen Hersteller bereits auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas gegeben, in Detroit steht Handfesteres im Rampenlicht. BMW zeigt PS-starke Sportwagen und Limousinen, Audi präsentiert die 2. Generation seines SUVs Q7, Mercedes rollt sein Crossover-Fahrzeug GLE Coupé auf die Bühne. Mehr zu den Premieren erfahren Sie in der Bildergalerie.

VW leidet unter eigenen Versäumnissen

Die drei großen deutschen Premiumhersteller haben im vergangenen Jahr kräftig zugelegt: Zwischen 7 und 15 Prozent betrug das Absatzwachstum je Marke in den USA. Mit den Neuvorstellungen sind sie gut im Markt positioniert - anders als die Kernmarke von Europas größtem Autohersteller Volkswagen. Denn VW kommt trotz der Neuwagen-Kauflust der Amerikaner nicht vom Fleck. Im vergangenen Jahr gingen die US-Verkaufszahlen von VW sogar um 10 Prozent auf 366.000 Pkw zurück.

Michael Horn, seit einem Jahr Chef von VW in den USA, konnte keine Wunder bewirken. Denn die Versäumnisse der Wolfsburger in den USA sind hausgemacht: VW hat seine Modelle später als die Konkurrenz überarbeitet, im US-Portfolio klaffen große Lücken, und die Markenpositionierung ist nicht eindeutig.

Mit den eigens für US-Verhältnisse abgespeckten Limousinen Passat und Jetta zielt VW auf eher preisbewusste Kunden im Massenmarkt, der Kompakt-SUV Tiguan soll eine Liga höher gegen den BMW X1 antreten, das Gelände-Dickschiff Touareg gleich in der Oberklasse mitmischen.

Preiswerte große SUVs und Crossover-Modelle bietet VW in den USA gar nicht an, dabei sind diese beiden Segmente zuletzt besonders stark gewachsen. Erst 2016 kommt ein geräumiger und günstiger VW-Geländewagen auf den US-Markt. Flankiert wird er möglicherweise von einem Fünfsitzer, dessen Konzept VW laut Medienberichten in Detroit vorstellen könnte.

Die Schwächen versucht VW mit erstmal mit frecher Werbung zu überdecken. Am Detroiter Cobo Center prangt ein Plakat, in dem VW die "Big Three" genannten großen US-Autohersteller auf die "Big Four" hinweist. Das sind in Volkswagen-Lesart die vier Antriebsvarianten des Golf.

Doch in den US-Autohäusern dürfte diese Botschaft wohl kaum ankommen. Denn dort sind Kompaktwagen wie der Golf Absatz-Winzlinge im Vergleich zu all den Pickups, SUVS und Crossover-Modellen, die die Konkurrenz anbietet. Und bei den niedrigen Benzinpreisen wird das auch noch so bleiben.

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