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Zweitgrößter Automarkt im Nahen Osten: Die meistproduzierten Autos im Iran

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Auch nach Ende der Sanktionen Warum der Iran für deutsche Autobauer nur ein Mini-Bazar wird

Wolfgang Bernhard handelte schnell. Als am vergangenen Samstag die Sanktionen gegen den Iran gefallen waren, nahm der Chef von Daimlers Lkw-Sparte sogleich den Flieger Richtung Teheran. Wenige Stunden später unterschrieb Bernhard zwei Verträge mit iranischen Kooperationspartnern. Möglichst bald, hoffen die Stuttgarter, können sie wieder Lkws, Achsen und Motoren vor Ort fertigen. Bernhard sieht in dem Land einen großen Nachholbedarf - und will mit dem "hervorragenden Ruf" seiner Lkw in dem Land punkten.

Mit seiner Hoffnung auf gute Geschäfte in dem Land ist er nicht alleine. Der französische Autohersteller Renault strebt nach Aussagen von CEO Carlos Ghosn eine "viel massivere Präsenz" im Iran an. Konkurrent PSA Peugeot Citroën hat angekündigt, wieder groß im iranischen Automarkt mitmischen zu wollen. Audi sieht in dem Land ein "wachsendes Potenzial für Premiummarken". Und der VDA rechnet mit einem hohen Anstieg der Pkw-Importe im Iran.

Das Problem dabei ist bloß: Noch fehlen dafür eine ganze Reihe an Grundvoraussetzungen, Geschäfte mit dem Land bleiben auch nach dem Fall der Wirtschaftssanktionen schwierig. Deutsche Produkte haben in dem Land zwar einen guten Ruf. Doch im Pkw-Bereich fangen die Deutschen von Null an - während einige Konkurrenten auf alte Vertriebs-, Produktions- und Marketingverbindungen bauen können.

Zwar klingt die Ausgangslage für den Automarkt Iran verlockend: Viele der knapp 80 Millionen Einwohner des Landes sind gut ausgebildet, es gibt eine breitere Mittelschicht, der Altersdurchschnitt ist niedrig, die Pro-Kopf-Kaufkraft der Iraner liegt weltweit im oberen Mittelfeld.

Viel Nachholbedarf - und schwierige Investitionsbedingungen

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Nach fünf Jahren Wirtschaftssanktionen, die als Maßnahme gegen das iranische Atomprogramm verhängt wurden, ist der Aufholbedarf groß. Im vergangenen Jahr wurden in dem Land 1,1 Millionen Neuwagen zugelassen. In vier Jahren, prognostiziert die Unternehmensberatung Roland Berger, sollten es bereits 1,8 Millionen Fahrzeuge jährlich sein. Der VDA geht mittelfristig sogar von einem Volumen von rund 3 Millionen Neuzulassungen pro Jahr aus.

Allerdings sind die Rahmenbedingungen für Investoren noch nicht rosig. Zwar hat der Iran durch die Aufhebung der Sanktionen nun Zugriff auf bislang blockierte Gelder in Höhe von dutzenden Milliarden Dollar. Auch ausländische Unternehmen dürfen wieder im Iran tätig werden. Allerdings gibt es gerade bei Finanztransaktionen noch große Hürden. Iranische Geldinstitute waren in den vergangenen fünf Jahren vom internationalen Zahlungsverkehrssystem Swift abgeschnitten. Bis Irans Banken wieder grenzüberschreitende Überweisungen ausführen können, wird es wohl noch einige Zeit dauern.

Die niedrigen Ölpreise sorgen zudem dafür, dass dem darbenden lokalen Finanzsektor nur wenig Liquidität zur Verfügung steht. Hält sich der Iran nicht an das im Sommer vereinbarte Atomabkommen, können die Sanktionen jederzeit zurückkehren. Vier größere iranische Banken stehen selbst nach Aufhebung des Wirtschaftsembargos weiterhin auf der EU-Sanktionsliste. Die USA haben zudem ihre Sanktionen nicht vollständig aufgehoben, sondern nur reduziert. Wenn Geschäftspartner vor Ort Verbindungen zu den Revolutionswächtern haben, drohen nach US-Recht nach wie vor hohe Geldstrafen.

Autohersteller, die vor Ort investieren wollen, müssen also auf der Hut sein. Auch die politische Situation ist eher instabil: Nach wie vor gibt es in dem Land Machtkämpfe zwischen Hardlinern und Reformern. Ende Februar stehen Parlamentswahlen an. Deren Ausgang dürften viele Unternehmen noch abwarten, bevor sie investieren.

Wer die besten Voraussetzungen für einen schnellen Iran-Erfolg mitbringt

Kein Wunder also, dass sich viele Autohersteller auf den zweiten Blick doch noch zurückhaltend zeigen. Renault etwa will laut Ghosn erst investieren, wenn "internationale rechtliche Rahmenbedingungen" für die Wiederaufnahme der Geschäftsbeziehungen geschaffen sind. Der VW-Konzern verfolgt laut eigenen Aussagen die Entwicklung und prüft mögliche Optionen. Und bei BMW heißt es vorsichtig, dass ein Marktanstieg von den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen abhänge. Begeisterung klingt anders.

Die besten Voraussetzungen für einen schnelle Wiederbelebung des Iran-Geschäfts bringen die französischen Autohersteller Peugeot und Renault mit. Beide Autohersteller waren vor Verhängung des Embargos im großen Stil im Iran engagiert und arbeiteten in Joint-Ventures mit den beiden größten lokalen Autoproduzenten Iran Khodro und Saipa zusammen.

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Die Joint-Ventures gaben die Franzosen im Jahr 2011 wegen der Sanktionen auf. Iran Khodro und Saipa fertigten jedoch ältere Modelle der Franzosen weiterhin in Lizenz - und leiteten daraus auch eigene Modelle für ihre Marken ab. Im vergangenen iranischen Kalenderjahr (März 2014 bis März 2015) haben die beiden iranischen Hersteller laut Eigenangaben rund eine Million Autos produziert.

Franzosen weht ein härterer Wind entgegen

Allerdings haben die beiden lokalen Marken in den letzten Jahren Konkurrenz vom chinesischen Hersteller Chery bekommen, der auch während der Sanktionszeiten im Land blieb. Bei ihrer Rückkehr in den Iran sehen sich westliche Autohersteller nicht nur dem neuen Billigkonkurrenten Chery gegenüber, sie müssen sich auch auf härtere Forderungen der Iraner einstellen. Denn Teheran drängt auf Investitionen in Fabriken und Technologietransfer.

Vor den Sanktionen hatten sich die Mullahs jahrelang mit bloßem Lizenzbau begnügt. Dabei lieferten die Franzosen den Großteil der benötigten Teile, im Iran wurden die Autos dann mehr oder weniger nur mehr zusammengeschraubt.

Die besten Karten für schnelle Erfolge in dem Land hat Renault. Durch die Aufhebung der Sanktionen stehen den Franzosen 513 Millionen Euro für Investitionen im Land zur Verfügung, die bislang eingefroren waren. Mit dem Geld kann Renault schnell Teile eines ortsansässigen Autohersteller übernehmen. Renaults Billigmarke Dacia hat zudem jene günstigen Fahrzeuge in der Modellpalette, die sich im Iran in großen Stückzahlen verkaufen lassen.

Im PSA-Verbund fehlen solche Modelle ebenso wie im Volkswagen-Konzern. PSA versucht es deshalb erstmal Richtung Oberklasse - und eröffnet demnächst in Teheran ein Geschäft der Citroën Edel-Marke DS. VWs Nobeltochter Audi hofft zwar auf einen sich entwickelnden Luxusmarkt, hat sich aber noch keinen autorisierten Importeur im Iran gesucht. Auch Daimlers geplante Lkw-Fertigung im Iran ist längst noch nicht in trockenen Tüchern: Denn die von Nutzfahrzeug-Chef Bernhard unterzeichneten Verträge waren Absichtserklärungen.

Immerhin hat Daimler vor der Verhängung der Sanktionen schon mal 10.000 Nutzfahrzeuge in den Iran geliefert. Im Pkw-Geschäft waren die Deutschen im Iran auch in der Vergangenheit nicht besonders stark: Den Höchststand an Auto-Exporten in den Golf-Staat erreichten die deutschen Autohersteller im Jahr 2005 - mit 2500 Fahrzeugen.