So wird der Automarkt Kaufrausch 2016 - trotz VW-Skandals

Von Ulrich Winzen
Für die These, der VW-Abgasskandal schade dem Autoabsatz im Allgemeinen und dem von Volkswagen im Besonderen, gibt es keine stichhaltigen Belege

Für die These, der VW-Abgasskandal schade dem Autoabsatz im Allgemeinen und dem von Volkswagen im Besonderen, gibt es keine stichhaltigen Belege

Foto: DPA

Das ausklingende Jahr 2015 war ein gutes für die Automobilindustrie - VW-Skandal hin oder her. Natürlich sind die Volkswagen-Zahlen derzeit besonders interessant. Jeder fragt sich, welche Auswirkungen die Abgasmanipulationen auf den Absatz der Wolfsburger haben - und viele finden vermeintliche Belege dafür: VW  steigert die Neuzulassungen in Europa um 2,2 Prozent, der Markt wächst aber um fast 13 Prozent. Warum? Abgasskandal! Der VW-Absatz in Großbritannien fällt im Oktober um 10, im November sogar um 20 Prozent. Wenn das kein Beweis ist. Dass die Wolfsburger in Italien deutlich mehr Autos verkauften und schneller wuchsen als die Konkurrenz, fand eher weniger Beachtung.

Einfluss des Abgasskandals nicht erkennbar

Was lernen wir daraus? Erstens: Alle genannten Zahlen stimmen. Zweitens: Mit der richtigen Auswahl der Zahlen kann man beinahe jede These belegen. Stimmen muss sie deswegen trotzdem nicht. Für die schwache Volkswagen-Performace in manchen Märkten gibt es viele Gründe, eine mögliche Kundenzurückhaltung wegen der Manipulationen ist nur eine denkbare Erklärung. Eine andere ist, dass mit Polo, Tiguan und Golf absatzstarke Modelle 2016 zur Erneuerung anstehen beziehungsweise überarbeitet werden. In solchen Fällen gehen die Verkaufszahlen der Vorgängermodelle grundsätzlich zurück.

Ulrich Winzen
Foto: Winzen

Ulrich Winzen blickt auf eine 25-jährige Erfahrung im Bereich der Analyse und Prognose für die Automobilindustrie zurück. Seit 2015 analysiert und prognostiziert er als freier Automobilmarktanalyst regelmäßig die Entwicklungen auf den Automobilmärkten. Außerdem ist er Partner der Unternehmensberatung meos automotive consulting. www.meos.info 

Klar ist: Die Marke VW schwächelt im Moment. Aber dies als eindeutige Auswirkung des Abgasskandals zu interpretieren, wäre verfrüht und sachlich falsch.

Ein genauerer Blick auf die Zahlen belegt das: Im November 2014 erreichte VW in Westeuropa mit 13,7 Prozent den zweithöchsten Marktanteil des vergangenen Jahres. Somit ist der vergleichsweise geringe Zuwachs im November 2015 auch dem hohen Niveau des Vorjahres geschuldet. Bereits seit August - also vor Bekanntwerden des Abgasskandals - lagen die Marktanteile deutlich unter denen des Vorjahrs. Der Wert im November lag mit 12,4 Prozent sogar leicht über dem der Vormonate. Auch der in der Tat dramatische Einbruch in Großbritannien lässt sich nur schwer mit manipulierten Dieselmotoren erklären: Der Absatz von Dieselfahrzeugen auf der Insel war im fraglichen Zeitraum nämlich sogar auf einen Anteil von mehr als 51 Prozent gestiegen - bei VW ebenso wie bei der Konkurrenz.

Bereits seit August 2015 liegen die Marktanteile deutlich unter Vorjahr

Bereits seit August 2015 liegen die Marktanteile deutlich unter Vorjahr

Foto: meos

In Deutschland verkauft VW sogar mehr Dieselautos

In Deutschland hat die Marke Volkswagen im November zwar 2 Prozent verloren - insbesondere bei den auslaufenden Modellen Polo, Golf und Tiguan -, während der Gesamtmarkt um 9 Prozent zulegte. Doch auch hier muss das Vorjahresniveau betrachtet werden: 2014 erreichte VW im November den höchsten Marktanteil des gesamten Jahres. Und wie in Großbritannien stiegen auch in Deutschland die Dieselzulassungen.

Stichhaltige Belege für einen nachhaltigen Imageschaden durch die Abgasmanipulationen sind das alles nicht. Und selbst wenn die VW-Zahlen in den kommenden Monaten weiter zurückgehen sollten, dürfte es kaum einen Ansteckungseffekt für den Gesamtmarkt geben. Dafür sind die Aussichten für 2016 einfach zu gut - auch wenn sich die meisten Kommentatoren noch zurückhaltend geben.

Das war vor einem Jahr auch nicht anders. Die Prognosen schwankten zwischen 2,95 Millionen (ein Rückgang!) und gut drei Millionen verkaufter Fahrzeuge (plus ein Prozent) in Deutschland. Am Jahresende werden es wohl 3,2 Millionen Neuzulassungen sein - ein Plus von 5,4 Prozent. Für Westeuropa wird es wohl eine Steigerung um 8 Prozent geben, zwei waren Anfang des Jahres erwartet worden.

Noch viel Nachholbedarf

Für 2016 ist ein ähnlicher Effekt zu erwarten, denn das Marktniveau liegt trotz der aktuellen Wachstumsraten noch rund 10 Prozent unter dem durchschnittlichen Vorkrisenniveau der Jahre 2000 bis 2007. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Wirtschaftskrise 2008/2009 strukturellen Einfluss auf das Niveau der Pkw-Nachfrage hatte und das neue zu erreichende Durchschnittsniveau tiefer liegt, gibt es hier noch viel Luft nach oben. Die Absatzverluste der vergangen Jahre in Höhe von mehr als 5,5 Millionen Neuzulassungen sind noch nicht annähernd kompensiert.

Westeuropa hat Ende 2015 bis auf 300.000 Neuzulassungen das neue Normalniveau wieder erreicht, es besteht aber ein Nachholbedarf von von über 5,6 Millionen Neuzulassungen

Westeuropa hat Ende 2015 bis auf 300.000 Neuzulassungen das neue Normalniveau wieder erreicht, es besteht aber ein Nachholbedarf von von über 5,6 Millionen Neuzulassungen

Foto: meos

Nicht die Wachstumsraten sind also die relevante Kennziffer, sondern der aufgestaute Nachholbedarf. Und hier gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den EU-Ländern. Einige haben ihr neues Durchschnittsniveau bereits erreicht und auch die Verluste der vergangenen Jahre fast wieder ausgeglichen. Großbritannien zum Beispiel wird 2015 ein Rekordergebnis erreichen, weshalb dort zu Recht mit rückläufigen Neuzulassungen in den kommenden Jahren zu rechnen ist. Andere Länder, insbesondere Italien, haben einen Nachholbedarf, der auch bis 2020 nicht aufgeholt sein wird. Daraus werden in den nächsten Jahren deutliche Zuwächse resultieren.

Für Deutschland ist zu erwarten, dass das Durchschnittsniveau von 3,3 Millionen Neuzulassungen vor der Krise auf 3,2 Millionen sinken wird, was mit den Zulassungen 2015 bereits wieder erreicht worden ist. Da 2009 die Verschrottungsprämie mit ihren 3,8 Millionen Neuzulassungen einen großen Teil des Ersatzbedarfs vorweggenommen hat, ist der verbleibende Nachholbedarf Ende 2015 nur noch vergleichsweise gering. So werden hierzulande zwar bis 2017 steigende Zulassungen zu erwarten sein, der Druck ist aber wesentlich geringer als etwa in Italien.

Italien hat aktuell das Normalniveau noch nicht erreicht Großbritannien liegt über dem Normalniveau und baut bereits den Nachholbedarf ab Deutschland hat 2015 das Normalniveau erreicht und wird in den nächsten Jahren den Nachholbedarf abbauen

Italien hat aktuell das Normalniveau noch nicht erreicht Großbritannien liegt über dem Normalniveau und baut bereits den Nachholbedarf ab Deutschland hat 2015 das Normalniveau erreicht und wird in den nächsten Jahren den Nachholbedarf abbauen

Foto: meos

Im Unterschied zu 2015 wo alle Länder mehr oder weniger starke Zuwächse verzeichnen konnten, werden sich in Zukunft die einzelnen Länder heterogener entwickeln. In Summe aber gibt es aufgrund des aufgestauten Nachholbedarfs keinen Grund daran zu zweifeln, dass sich die Neuzulassungen in Westeuropa bis 2020 durchgehend positiv entwickeln werden. Daran wird auch der Abgasskandal bei Volkswagen nicht ändern.