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Mobile Zukunft: Wie wir in Zukunft fahren

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Autoindustrie Sind die fetten Jahre vorbei?

Amerika gilt als das Autoland schlechthin: Doch selbst in Heimatland von Drive-In-Restaurants, Autokinos und Route 66 fahren die Leute immer weniger. Der Zenit sei überschritten, meinen Experten. Kommt nach Peak-Oil jetzt Peak-Car?

Zeitenwechsel in den USA: Das Auto, Inbegriff von Mobilität und Freiheit, spielt im "Land of the Free" eine schrumpfende Rolle. Mittlerweile gehören zum durchschnittlichen US-Haushalt weniger als zwei Autos. Fast undenkbar in einem Land, in dem der Zweit- und der Drittwagen lange zur Standardausstattung gehörten.

Und die Leute legen immer weniger Strecken mit dem Auto zurück. Seit 2004 ist die Entfernung, die ein durchschnittlicher Amerikaner pro Monat zurückliegt, kontinuierlich gesunken, wie das US-Magazin "The Atlantic"  kürzlich berichtete.

Nach einem Höchststand im Jahr 2004 sind es aktuell nur noch rund 820 Meilen - soviel wie zuletzt in den 90er Jahren, wie eine Studie der Verkehrsforscher Don Pickrell und David Pace vom staatlichen Volpe-Institut ergab. Lediglich Senioren und Frauen ab Mitte 30 sind heutzutage fahrfreudiger als vor zehn Jahren.

Die Statistik lässt wenig Raum für Zweifel: Was die Verbreitung und Nutzung angeht, hat das Auto in den USA seinen Zenit überschritten. Und auch die Zahl junger Menschen, die die Führerscheinprüfung ablegen, ist den Verkehrsforschern zufolge im Sinkflug.

Gründe für den Rückgang der Fahrbegeisterung gibt es viele. Den größten Effekt dürfte Forscher zufolge die Tatsche haben, dass die Babyboomer - die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1946 und 1964 - das fahrintensive Alter zwischen 45 und 55 allmählich verlassen.

Alternativen zum Auto werden immer attraktiver

Und es kommen weniger Autofahrer nach: Gerade für junge Leute wird es immer schwieriger, ein eigenes Auto zu finanzieren. Immer mehr von ihnen müssen nach Abschluss der Ausbildung erst einmal teure Bildungsdarlehen zurückzahlen. Da sind die 31.000 Dollar, die ein Neuwagen laut dem Center for Automotive Research in Ann Abor durchschnittlich kostet, für viele unerschwinglich.

Für viele hat das Auto aber auch einfach an Bedeutung eingebüßt: "Die Vorstellung, dass ein Auto Freiheit bedeutet, gehört - glaube ich - der Vergangenheit an", sagt die Mobilitätsverhaltensforscherin NancyMcGuckin. Offenbar sei es vielen jungen Leuten heute einfach nicht mehr so wichtig, welches Auto sie fahren.

Und gerade in Großstädten gibt es immer mehr Alternativen. Vom Öffentlichen Nahverkehr über Mietwagenkonzepte und die stetig steigende Zahl von Fahrdiensten bis hin zu weitverbreiteten Mietfahrrädern, wie sie sich derzeit in Europa durchsetzen.

Facebook statt Cruisen

Glaubt man dem Verkehrsforscher Michael Sivak von der Uni Michigan, könnten auch das Internet und soziale Netwerke für einen Teil der Verluste des Verkehrsmittels Auto verantwortlich sein: Denn die sinkende Begeisterung junger Leute für den Führerschein war nicht nur in den USA zu beobachten, sondern auch in anderen wohlhabenden Staaten mit einer hohen Internetnutzungsrate.

Auch in Deutschland ist eine sinkende Fahrbegeisterung zu beobachten. Die Zahl der Menschen, die in Deutschland einen Führerschein machen, ist seit Jahren rückläufig. 2004 erreichte sie mit 1,76 Millionen ihren Höchststand. 2012 waren es nur noch 1,34 Millionen. Mittlerweile besitzen nur noch 70 Prozent der volljährigen Deutschen einen Führerschein. Deutlich weniger als noch zur Jahrtausendwende, wo es rund 90 Prozent waren.

Dabei spielt das Auto immer noch eine große Rolle in Deutschland - allerdings eine schwindende. Noch haben 77 Prozent aller Haushalte einen Wagen. Doch dieser Anteil ist seit 2008 nicht mehr gestiegen. Und der Fahrzeugbestand in Deutschland ist mit 52,3 Millionen derzeit leicht rückläufig.

Neuwagenkäufer sind im Durchschnitt 52 Jahre alt

Einen fabrikneu gekauften Wagen besitzt aktuell sogar nur noch rund jeder dritte Haushalt, ein Anteil, der mit der Jugend der Bewohner sinkt. Sind die Haushaltsmitglieder zwischen 25 und 30 Jahren alt, ist es weniger als jeder fünfte. Sind sie im Seniorenalter, liegt der Anteil der Neuwagenbesitzer immerhin bei 43 Prozent.

52,4 Jahre ist der durchschnittliche Neuwagenkäufer mittlerweile alt, wie kürzlich eine Untersuchung des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen ergab. 1995 waren es noch 46,1 Jahre. "Das muss man sich mal vorstellen", sagt CAR-Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. "Wenn gerade ein 25-Jähriger einen Wagen gekauft hat, muss statistisch gesehen als nächstes ein 80-Jähriger durch die Tür kommen."

Auch die Preise rund ums Auto sind laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen zehn Jahren um fast 30 Prozent gestiegen - fast doppelt so stark wie die Verbraucherpreise insgesamt.

Peak-Car auch in Deutschland offenbar erreicht

Das alles lässt Forscher zu dem Schluss kommen, dass auch in Deutschland die Autoindutrie ihren Zenit überschritten hat. "Wir gehen davon aus, dass Peak-Car in Deutschland erreicht ist, sagt der Schweizer Mobilitätsforscher Lars Thomsen "Und dass das auch europaweit gilt."

Und CAR-Chef Dudenhöffer geht sogar noch weiter: "Peak-Car haben wir seit zehn Jahren", sagt er: "Das ist ein schleichender Prozess." Der deutsche Markt sei längst gesättigt: "95 Prozent der Autos die gekauft werden, ersetzen mittlerweile ein altes Modell."

Aktionen wie der Abwrackprämie sorgten zwar immer mal wieder für statistische Ausreißer, sagt Dudenhöffer. Aber die Tendenz ist klar. Entsprechend dürfte nach seinen Hochrechnungen die Zahl der verkauften Fahrzeug weiter sinken. Von 3,2 Millionen Pkw im Jahr 201 auf rund 2,9 Millionen 2020.

Besonders für junge Leute seien Autos einfach nicht mehr so wichtig, ergänzt Mobilitätsforscher Thomsen. Und das sei keine Frage des Geldbeutels. "Viele Berufsanfänger sind einfach nicht mehr scharf auf Firmenwagen, sie wollen lieber eine Woche Urlaub im Jahr mehr."

Autos nutzen statt besitzen

Das bedeute aber noch lange nicht, dass Autos als Verkehrsmittel ausgedient haben - statt dessen gebe es Veränderungen in der Besitzstruktur. Vor allem der jüngeren Generation gehe es nicht mehr darum, etwas zu besitzen, sondern Zugang dazu zu haben, ist Thomsen überzeugt. "Die Freiheit liegt darin, das Verkehrsmittel für die jeweilige Gelegenheit individuell zu wählen."

Die Zukunft sieht er daher vor allem in Großstädten in Mobilitätflatrates, Carsharingmodellen und so etwas wie Markenclubs, über die die Autohersteller ihren Kunden das für den jeweiligen Anlass passende Gefährt zur Verfügung stellen können. Vom SUV für den Skiurlaub bis zum Kleinwagen für den Stadtverkehr.

Weltweit wird sich - den aktuellen Entwicklungen in Europa und den USA zum Trotz - am Trend zum Automobil auf längere Zeit allerdings wohl wenig ändern, gibt Dudenhöffer zu bedenken. Dafür sei der europäische Markt einfach zu unbedeutend - und das Wachstum in den Schwellenländern, insbesondere im Automarkt China, zu stark. "Wenn man über die Automobilindsutrie spricht, muss man global sprechen, sagt er. "Und da sind wir von Peak-Car noch mindestens 50 Jahre entfernt."

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