Donnerstag, 22. August 2019

Autohandel kämpft mit Digitalisierung Jeder achte Autokäufer ordert bereits online

Neuwagen in einem Autohaus: Der Besuch im Glaspalast wird seltener, jeder achte Neuwagenkäufer ordert schon online

Für Autokäufer ist es längst Usus, für viele Autohändler nach wie vor eine große Herausforderung: Das Internet spielt beim Neuwagenkauf schon lange eine wichtige Rolle. So gut wie alle Neuwagenkäufer informieren sich bereits vorab online über Ausstattungsmerkmale und Preise, bevor sie einen Händler kontaktieren. Bei Auto-Onlineportalen gibt es aktuell viel Bewegung - Scout24 etwa kann sich trotz guter Zahlen eine Trennung von seiner Gebrauchtwagenbörse Autoscout24 vorstellen. Und eine Reihe junger Start-Ups krempelt gerade den Online-Verkauf für Neuwagen um.

Die vielen Online-Angebote machen Autopreise transparenter - und schrauben die Erwartungen an guten Service bereits beim Kaufentscheidungsprozess höher. Lange verkündeten Autohändler-Verbände, dass Neuwagenkäufer kaum ein Fahrzeug ohne ausführliche Beratung beim Händler kaufen würden. Eine Auswertung der Deutsche Automobil-Treuhand (DAT) zeigt nun, dass dies immer weniger zutrifft.

Die Vereinigung ist in der Branche für den DAT-Report bekannt, der seit 1974 erhebt, wie sich Konsumenten beim Gebraucht- und Neuwagenkauf verhalten und was sie sich wünschen. Nun hat die DAT einige Daten ihres Reports nochmals genauer ausgewertet - und zwar hinsichtlich all jener Autokäufer, die 2018 ihren Neuwagen auf einem Internetportal gefunden und erworben haben.

Vier Fünftel aller Neuwagenkäufer (81 Prozent) haben dabei im Internet nach Preisen und Modellen gesucht, 56 Prozent steuerten dabei auch Neuwagenportale an. Und ein Viertel all dieser Neuwagenportalbesucher wurde dort dann auch fündig. Laut DAT haben sie also auf einem Neuwagenportal ihr neues Fahrzeug gefunden, wurden dann an einen Vertragshändler vermittelt und kauften dann auch dort.

Online-Käufer schauen mehr auf den Preis ...

Etwas anders ausgedrückt: Von allen Neuwagenkäufern zusammengenommen kauften 12 Prozent ihren Pkw im Internet - also in etwa jeder Achte. Die DAT hat aus ihren Daten auch ermittelt, was Internet-Neuwagenkäufern im Vergleich zu klassischen Neuwagenkäufern besonders wichtig ist. Bei beiden Käufergruppen steht die Zuverlässigkeit an oberster Stelle. Danach folgt bei den onlineaffinen Verbrauchern jedoch der Anschaffungspreis und der Kraftstoffverbrauch, während bei der Gesamtheit aller Neuwagenkäufer das Aussehen und Design an zweiter Stelle steht, gefolgt vom Anschaffungspreis.

Wenig überraschend zeigten sich Internet-Neuwagenkäufer flexibler bei der Neuwagenwahl als die Gesamtheit aller Neuwagenkäufer. Gute 80 Prozent der Online-Käufer erwarben ihren Neuwagen bei einem anderen Händler als dem ursprünglich geplanten, in der Gesamtheit aller Neuwagenkäufer war das nur bei 31 Prozent der Fall. Die Internet-Autokäufer greifen zudem häufiger zu Fahrzeugen der Importeure, also zu Marken, die ihre Autos außerhalb Deutschlands fertigen lassen. Deutsche Luxusmarken leisten sich nur 10 Prozent der Online-Käufer, in der Gesamtheit aller Neuwagen-Erwerber sind es immerhin gut ein Viertel.

Kein Wunder also, dass Internet-Käufer weniger Geld für ihren Neuwagen ausgeben: Sie zahlen im Schnitt knapp 27.000 Euro für ihren Neuwagen, die Gesamtheit aller Neufahrzeugkäufer kommt dagegen auf einen Durchschnittspreis von etwas mehr als 31.000 Euro.

... doch die Autohändler überlassen dritten das Online-Neuwagengeschäft

Neuwagenportale im Internet, so resümiert der DAT, bieten "für besonders preissensible Käufergruppen eine Lösung". Allerdings bereiten "Best-Preis-Plattformen" dem Autohandel naturgemäß Schmerzen", warnt der Verband. Denn dort schlagen nicht nur Autovermieter, Hersteller oder Importeure ihre Fahrzeuge los, sondern auch Händler, die Neuwagen im großen Stil verramschen und fast vollständig auf ihre Margen verzichten. Das entziehe "ihren Kollegen die notwendigen Deckungsbeiträge gleich mit", wettert DAT-Geschäftsführer Jens Nietzschmann.

Er plädiert für die Schaffung einer fabrikatsübergreifenden Plattform, möglicherweise unter der Ägide des Zentralverbands des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes.

Solche Pläne und Ankündigungen gibt es bereits seit Jahren - doch passiert ist bisher nichts, wohl auch weil sich die Verbandsmitglieder bislang kaum auf ein schlagkräftiges Vorgehen einigen konnten. Stattdessen versuchen Dritte das Thema in die Hand zu nehmen, nicht immer mit Erfolg: Der Gebrauchtwagen-Riese Mobile.de etwa hatte große Pläne für seinen Neuwagen-Bereich, hat diesen aber zuletzt stark zurückgefahren. Autoscout24 ist im Neuwagen-Verkauf auch noch nicht zur richtig großen Nummer mutiert. Dessen Konzernmutter Scout24 legt demnächst Zahlen vor - und hat den aktivistischen Investor Elliott im Nacken.

Gut unterwegs scheint dagegen die Neuwagen-Plattform Carwow zu sein: Das Neuwagenportal hat vor kurzem eine Finanzierungsrunde über 28 Millionen Euro abgeschlossen und zählt nun Daimler zu seinen Hauptinvestoren. Die Millionen für Carwow machen aber erneut eines deutlich: Auch im Jahr 2019 haben viele deutsche Autohändler nach wie vor keine glaubwürdige Digitalisierungsstrategie. Denn sonst würden sie die Neuwagen-Vermittlung via Internet kaum einem Start-up überlassen müssen.

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