Insolvenz des größten Hamburger Autohauses Wichert Warum VW-Händler über Leasing-Diesel und E-Autos stürzen

Der größte Hamburger VW-Händler Wichert ist insolvent. Doch er ist nicht der einzige Händler mit Problemen.
VW-Logo bei einem Händler

VW-Logo bei einem Händler

Foto: David Gray/ REUTERS

Der größte Hamburger VW-Händler Auto Wichert ist insolvent. Das Unternehmen mit 23 Standorten in Norddeutschland und 1400 Mitarbeitern reichte vor kurzem beim Handelsgericht Hamburg Mitte einen Insolvenzantrag ein.

Die Zahlungsunfähigkeit des norddeutschen Autohandelsriesen ist aber beileibe kein Einzelfall unter den Autohäusern. In letzter Zeit ereilte mehrere deutsche VW-Händler das gleiche Schicksal. In Hamburg etwa rutschte der VW-Handelsgruppe Willy Tiedtke im Oktober 2018 in die Zahlungsunfähigkeit- nach 83 Jahren im Autohandels-Geschäft. In Bottrop musste der letzte kleine VW-Händler vor Ort, die Firma Verstege & Lux, im Februar 2019 die Insolvenz bekanntgeben. Ende 2017 erwischte es die westfälischen Max Moritz-Autohäuser, die zum Reich der Autohandelsgruppe Weller gehörten.

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Die Wellergruppe, Deutschlands fünftgrößter Autohändler mit rund 34.300 verkauften Neu- und Gebrauchtwagen im Jahr 2018, hat ihre Max-Moritz-Autohäuser letztlich an mehrere Investoren verkauft. Die Standorte des Traditions-Autohauses Tiedtke wurde von der nun insolventen Auto Wichert-Gruppe übernommen. Natürlich gab es je nach Standort und Gruppe unterschiedliche Gemengelagen, die letztlich zur Zahlungsunfähigkeit führten.

Doch mit einem Problem kämpften sämtliche ins Trudeln geratene VW-Autohäuser: Den gesunkenen Restwerten für gebrauchte VW-Dieselfahrzeuge. Denn die schlagen auf eine besondere Art und Weise ins Kontor - bei den Leasingfahrzeugen nämlich, die viele Autohändler in den vergangenen Jahren liebend gerne angeboten haben.

Diesel-Skandal erweist sich für Autohändler als Bumerang

Bei Privat- und Firmenkunden wird das Leasen von Fahrzeugen immer beliebter. Zum einen fällt keine hohe Investition bei Übernahme des Autos an. Zum anderen lassen sich mit einer monatlichen Rate die tatsächlichen Kosten für ein Fahrzeug besser einschätzen. Leasingnehmer müssen sich auch nicht um den Wertverlust ihrer Fahrzeug sorgen oder sich um den Verkauf ihres Gebrauchtwagens kümmern. Nach Ende der Laufzeit des Leasing-Vertrages geht das Auto meist an die Leasinggesellschaft zurück. Manche Leasingverträge bieten auch eine Kaufoption, der Leasingnehmer kann seinen Wagen dann am Ende der Leasinglaufzeit zu einem bestimmten Preis kaufen und behalten.

Das klappt bei normalen Bedingungen für beide Seiten gut, weil der Wagen den von der Leasinggesellschaft vorher berechneten Wert verloren hat. Schwierig wird es nur dann, wenn die Kalkulation nicht mehr stimmt, weil die geleasten Fahrzeuge deutlich mehr an Wert verloren haben als in der Leasingkalkulation vorgesehen.

Das ist bei Dieselfahrzeugen, speziell jenen von VW, schon seit längerem der Fall. Und die Händler müssen das oft ausbaden. Denn die meisten Leasingnehmer geben ihren geleasten VW-Diesel an die Händler zurück, bei denen die schwer verkäuflichen Fahrzeuge dann auf dem Hof stehen - und hohe Kosten verursachen.

Laut Aussagen von Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer müssen Autohändler Wertverluste in Höhe von 20 bis 30 Prozent bei diesen sogenannten Leasingrückläufern hinnehmen. Das belastet die Bilanzen vieler Händler, die mit dem Autoverkauf ohnedies nur kümmerliche Margen erwirtschaften. Dudenhöffer prophezeite bereits vor gut eineinhalb Jahren, dass das Thema Leasing-Rückläufer ordentlich Sprengkraft entfalten werde. Es scheint, als würde er recht behalten.

Der erst seit Anfang des Jahres amtierende Co-Geschäftsführer von Auto Wichert, Bernd Lindemann, wusste wohl um die Probleme seiner Handelsgruppe. Bei seiner Amtsübernahme Anfang Januar erklärte Lindemann gegenüber der Fachzeitschrift "Autohaus" , dass es wichtig sei, dem Restwerteverfall bei Gebrauchtwagen zu begegnen - und nur maßvoll in E-Mobilität zu investieren.

VW-Vertriebschef Stackmann krempelt Händlerverträge um - und warnt vor harten Zeiten

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Denn das ist für die VW-Händler die nächste größere Herausforderung: Da der Wolfsburger Autoriese in den kommenden Monaten mit seiner großen Elektroauto-Offensive startet, sind die Händler nun auf ganz besondere Weise gefordert.

Volkswagen hat dafür sein bisheriges Vertriebsmodell kräftig umgekrempelt: Volkswagens Elektro-Massenmodell ID3 lässt sich nun direkt beim Volkswagen-Konzern online bestellen, die Händler bieten Probefahrten und Kaufberatung an und liefern den Wagen aus. Sie erhalten wie bisher Provision und Bonus, allerdings fällt das Feilschen um den Preis aufgrund der Online-Bestellung weg.

Diese neuen Händlerverträge treten ab April in Kraft, und sie waren durchaus umstritten: VW-Vertriebschef Jürgen Stackmann, der selbst aus einer Autohändler-Familie stammt, hat das neue Modell monatelang mit den Händlerverbänden verhandelt. 

Er schwor die Händler aber bereits auf härtere Zeiten ein: "Die nächsten Jahre werden schwer werden, der Ertrag wird nicht automatisch wachsen", erklärte Stackmann im September auf einem Branchenkongress. Denn der weltweite Abschwung auf den Automärkten und die Umstellung auf Elektroautos werde auch den Autohandel treffen, erklärte Stackmann vor fünf Monaten.

Um die von der EU vorgeschriebenen CO2-Flottenwerte in diesem Jahr zu erreichen, dürfte der Volkswagen-Konzern auch möglichst hohe Absatzzahlen für seine elektrifizierten Modelle fordern. Die Händler werden also Druck bekommen, reine Batterieautos und Plugin-Hybride in den Markt zu drücken - notfalls mit Rabatten.

Handel ist auf Elektroautos eher schlecht vorbereitet

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Besonders gut vorbereitet darauf ist der Handel nicht, wie eine Studie des Automotive Trend Forums vor kurzem offenlegte. Laut einem Bericht der "Automobilwoche"  erklärten 72 Prozent der Umfrageteilnehmer (250 Führungkräfte bei Autoherstellern, Zulieferern und Händlern), dass dem Autohandel die Qualifikation fehle, um E-Autos in größeren Mengen an Kunden zu verkaufen. Bislang liefern Händler und Hersteller auch noch wenig überzeugende Argumente für den Kauf von E-Autos, wie eine Studie des E-Mobilitätsverbands im Herbst 2019 ergab.

Auto Wichert gibt sich dennoch milde zuversichtlich: Der vom Gericht bestellte Restrukturierungsgeschäftsführer Gerrit Hölzle erklärte laut Medienberichten, dass das Geschäft erstmal an allen 23 Standorten fortgeführt wird. Das Wichert-Management wiederum vermeldete, dass die aktuellen Absatzzahlen zufriedenstellend seien und auch im Service die Auftragsbücher gut gefüllt seien. Finanziell hat sich der Hamburger Autoriese allerdings wohl mit seinen Neubau eines Audi-Zentrums in Hamburg-Hammerbrook übernommen. Wichert sucht nun neue Investoren. VW selbst sicherte zu, weiterhin Fahrzeuge an Auto Wichert auszuliefern.

Die kommenden Monate werden aber wohl nicht nur für Auto Wichert schwierig. Denn das Restwerte-Problem bei geleasten Selbstzündern samt anstehender Investitionen für E-Autos dürften wohl noch weitere VW-Händler in Schwierigkeiten bringen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels haben wir Leasing mit Mietkauf gleichgesetzt. Ein Leser hat uns auf die Unterschiede aufmerksam gemacht, wir haben die entsprechenden Passagen angepasst.

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