Freitag, 20. September 2019

VW, Daimler erweitern Kooperationen mit IT-Riesen Wie sich Microsoft deutschen Autobauern andient

Microsoft-Deutschland-Zentrale in München

Erst Daimler, nun Volkswagen: Der IT-Riese Microsoft intensiviert seine Zusammenarbeit mit deutschen Autoherstellern bei Clouddiensten. Diese Kooperationen sollen die Vernetzung von Fahrzeugen voranbringen. Auto-Topmanager geben unverblümt zu, dass sie bei Software noch einen langen Weg vor sich haben - und zählen da auch auf Hilfe des IT-Riesen.

Vor kurzem hatte Daimler mit Microsoft eine stärkere Zusammenarbeit bei Clouddiensten vereinbart, nun verkündete der weltgrößte Autohersteller Volkswagen Ähnliches: Die Wolfsburger werden mit Microsoft künftig umfangreicher als bislang geplant bei Clouddiensten aus dem Internet kooperieren.

Die auf Microsoft-Technik beruhende Volkswagen Automotive Cloud wird künftig nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und in China angeboten, wie Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess und Microsoft-Chef Satya Nadella in Berlin ankündigten,

Volkswagen will künftige Auto-Generationen - vor allem die vollelektrische Modellfamilie ID - voll vernetzen und seinen Kunden digitale Mehrwertdienste anbieten. Der ID werde das erste Fahrzeug sein, das die Automotive Cloud nutze. "2020 wird er in Europa auf den Markt kommen. Im gleichen Jahr startet in China die Produktion", sagte VW -Chef Diess. In den USA werde ein Mitglied der ID-Familie von 2022 an vom Band rollen.

Bei ihren ersten Projekten für vernetzte Fahrzeugdienste wollen sich VW und Microsoft - wenig überraschend - auf Kommunikations- und Navigationslösungen sowie auf personalisierte Dienste fokussieren. Volkswagen hat sich für Microsoft entschieden, weil der Software-Konzern nicht mit VW um die Aufmerksamkeit des Fahrers buhle, erklärte Diess.

In dem via Internet übertragenen Gespräch mit Nadella erläuterte der VW-Chef auch die großen Herausforderungen, vor denen sein Konzern stehe. VW entwickle sich zu einer Software-Firma. "Das ist aber ein langer Weg", gab Diess zu. "Unsere Software-Fähigkeiten sind noch begrenzt, das ändert sich aber gerade." Volkswagen müsse zusätzliche Software-Kapazitäten schnell aufbauen. "Bei der Hardware sind wir schon ziemlich gut und spielen international in der ersten Liga. Die spannende Frage wird sein, ob wir bei der Software-Entwicklung auch so gut werden."

Umfassende Software-Updates sind für VW eine "ganz neue Welt"

Vor zwei Tagen hatte Daimler-Chef Dieter Zetsche in einer Podiumsdiskussion mit Nadella einen ähnlich warnenden Ton für die Autobranche angeschlagen. Die Branche werde in zehn Jahren völlig anders aussehen, es werde eine Reihe völlig neuer Wettbewerber geben. "Wenn wir weiterhin nur das tun, was wir so gut gemacht haben, sind wir erledigt", warnte Zetsche. Es sei kein Naturgesetzt, dass Daimler ewig bestehe.

Diess gab nun gegenüber Nadella auch einen Einblick, vor welchen großen Schwierigkeiten Volkswagen in Zukunft stehe. So werde der Autobauer in Zukunft auch umfassende Software-Updates für die Fahrzeuge mit neuen Funktionen anbieten. "Das ist aber eine ganz neue Welt für uns," so Diess. Der Konzern muss dafür ein System entwerfen, dass tägliche oder sogar stündliche Updates verträgt.

Microsoft könne VW dabei viel helfen - auch weil der IT-Konzern bereits selbst eine starke Veränderung durchgemacht habe. In der Smartphone-Welt bräuchten die Hersteller manchmal mehrere Anläufe, bis ein Update richtig funktioniere. "Das können wir uns nicht leisten", so Diess.

Nadella sagte, Microsoft könne viel von der Automobil-Branche lernen, beispielsweise wenn es um den Betrieb von kritischen Systemen gehe. "Unternehmen wie Volkswagen können aber auch von der Software-Branche lernen, etwa was beispielsweise das Tempo der Veränderungen angeht."

Microsofts Auto-Dienste unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt von Wettbewerbern wie etwa Android Auto oder Apple Car Play, hob Nardella hervor. Sein Unternehmen biete eine Plattform, auf der andere ohne Abhängigkeiten aufbauen sollten. "Ich will, dass unsere Partner mit unserer Hilfe unabhängig von Microsoft werden", so Nardella.

Dazu passt ja auch, dass Microsoft für Volkswagen kein Exklusivpartner ist. Die Wolfsburger kooperieren bei ihren Digitalisierungsplänen auch mit dem deutschen Spezialisten Diconium. Außerdem hat VW vom schwedischen Rivalen Volvo die Mehrheit am Telematikspezialisten WirelessCar übernommen. Der Automobilhersteller Audi , der zum VW-Konzern gehört, ist außerdem am Berliner Navigationsspezialisten Here beteiligt.

Neben Microsoft drängt mit Google ein weiterer klassischer Player der IT-Industrie in den Automobil-Markt. Apple wurden auch lange Zeit Pläne nachgesagt, massiv in die Automobil-Welt einzusteigen. Der iPhone-Hersteller hat sein "Project Titan" zuletzt aber wieder zurückgefahren.

wed/dpa-afx

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