Aus fürs Opelwerk Bochum fährt die letzte Schicht

In der Nacht ist in Bochum der letzte Opel vom Band gelaufen, mehr als 3000 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Manche gehen mit großzügigen Abfindungen - manche mit fast leeren Händen.
Opel-Werk in Bochum: Mehrere Tausend Mitarbeiter verlieren ihren Job

Opel-Werk in Bochum: Mehrere Tausend Mitarbeiter verlieren ihren Job

Foto: AFP

Bochum - Luidger Wolterhoff ist keiner, der sich zu Sentimentalitäten hinreißen lässt, zumindest nicht, wenn es mit seinem Beruf zu tun hat. Betroffenheitslyrik vermeidet der studierte Theologe, wenn er seine Aufgaben als Leiter der Bochumer Arbeitsagentur beschreibt. "Was hilft es, wenn man verpassten Chancen nachweint", sagt er. "Besser, man analysiert das Problem und richtet dann den Blick nach vorn."

In den vergangenen Monaten jedoch ist Wolterhoff des Öfteren mit Bauchgrimmen nach Hause gegangen, genauso wie seine Mitarbeiter von der Arbeitsagentur. Es war nach jenen Tagen, an denen sie Sprechstunde im Opelwerk hielten und ihnen Arbeiter von ihren Zukunftsängsten erzählten. Die einen kaschierten ihre Verzweiflung mit Angriffslust, andere mit Einsilbigkeit, viele aber hatten Tränen in den Augen. "Einige der Gespräche gingen einem doch sehr nahe", erinnert sich Wolterhoff.

Die Schließung des zweitgrößten Opel-Standorts in Deutschland hat bereits tiefe Spuren in Bochum hinterlassen. Mehr als zehn Jahre hatten die Mitarbeiter um ihr Werk gekämpft - mit Verhandlungen und Zugeständnissen bei Lohn und Arbeitszeit, mit Protestaktionen und Streiks und am Ende sogar mit dem Gang vor Gericht. Am Freitag nun ist der Kampf endgültig zu Ende: Mit dem Ende der Tagschicht werden die letzten Maschinen abgestellt. Viele davon sind bereits verkauft und werden in den kommenden Wochen abgebaut.

Was die Opelaner als Abfindung bekommen

Die Opel-Mutter General Motors gibt viel Geld aus, um den Absturz abzufedern. Insgesamt rund 550 Millionen Euro für Abfindungen, die je nach Rechnung durchschnittlich 125.000 (IG-Metall) oder 140.000 Euro (Konzern) betragen, und großzügige Vorruhestandsregelungen. Wer 55 und älter ist, kann mit 80 Prozent des letzten Nettoverdienstes bis zum Vorruhestand nach Hause gehen, muss anschließend aber deutliche Rentenabschläge in Kauf nehmen. 800 Leute könnten davon profitieren, sagt ein Opel-Sprecher.

Den Übriggebliebenen gewährt eine Transfergesellschaft noch zwei, in Härtefällen drei Jahre Gnadenfrist: Das Gehalt schrumpft nach Auslaufen der Kündigungsfrist auf 80 Prozent des letzten Gehalts, inklusive aller Zulagen - den Betrag teilen sich die Arbeitsagentur und Opel.

Damit ergeht es den Opelanern allerdings immer noch deutlich besser als den Kollegen von Johnson Controls, die Autositze für die Zafiras montierten und nun nach der Werksschließung auch ihren Job verlieren. Ihre Abfindung beträgt durchschnittlich 18.000 Euro. Für viele Beschäftigte dürfte zudem die Suche nach einem neuen Job schwierig werden. 60 bis 70 Prozent sind Ungelernte, viele andere haben keine typischen Berufe aus der Metall- oder Elektroindustrie.

Die Opel-Leute bringen dagegen für einen Neustart sogar gute Voraussetzungen mit - zumindest auf dem Papier. Fast alle haben eine Ausbildung absolviert - zum Schlosser, Elektriker oder Werkzeugmacher. Berufe, die auf dem Arbeitsmarkt immer noch gefragt sind. Die meisten stehen allerdings schon seit Jahrzehnten am Band und können mit dem Wissen von damals nicht mehr viel anfangen. Sie werden die Zeit in der Transfergesellschaft nutzen müssen, um noch einmal das Lernen zu lernen.

"Die Werksschließung hat die Menschen zutiefst verunsichert"

Besonders die Älteren werden sich schwertun, fürchtet Wolterhoff - und diejenigen, die unbedingt in der Gegend bleiben wollen. "Der Arbeitsmarkt ist nicht wie in Süddeutschland". Natürlich gebe es Angebote, "aber von dem viel beschworenen Facharbeitermangel ist im Ruhrgebiet nicht viel zu spüren".

Wie ernst die Lage ist, lässt sich auch an einer Zahl ablesen: Bis Ende November hat Wolterhoffs Team ganze 65 Opelaner an neue Arbeitgeber vermittelt, weitere 17 haben einen Vertrag in der Tasche, der Anfang 2015 beginnt.

"Nach sechs bis neun Monaten dürften die Chancen sinken"

Wolterhoff hat für den zähen Beginn eine einleuchtende Erklärung. "Die Werksschließung hat die Menschen zutiefst verunsichert". Viele wechselten deshalb lieber zunächst in die Transfergesellschaft, um anschließend mit deren Rückendeckung auf Jobsuche zu gehen. "In der Regel gelingt der Neuanfang nur mit einer Probezeit oder der Vertrag ist befristet", erklärt der Arbeitsvermittler. Die Sicherheit, die die Transfergesellschaft biete, sei den Betroffenen sehr wichtig. Denn dort kann jeder einen neuen Job antreten, wird dabei aber bis zu sechs Monate weiterhin von der Arbeitsagentur und Opel bezahlt - sollte er in der Probezeit scheitern, kann er in besonderen Fällen sogar wieder zurück.

Insgesamt werden wohl rund 2500 der 3300 Mitarbeiter in die Transfergesellschaft wechseln, schätzt ein Mitglied des Betriebsrats. 700 dürften im Ersatzteilzentrum unterkommen, das auf dem Werksgelände bleibt, andere in einem Paketzentrum, das die Post-Tochter DHL bis 2016 auf dem Werksgelände 2016 ansiedeln will. Finanziell, so viel ist jetzt schon klar, werden beide Optionen einen Abstieg bedeuten.

Doch wer bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts gefunden hat, für den ist ein Lohnabschlag ohnehin das geringste Problem. "Nach sechs bis neun Monaten dürften die Chancen rapide sinken, einen qualifizierten Anschluss-Job zu finden", fürchtet Wolterhoff. "Einige Wochen für Qualifizierungsmaßnahmen plus einige Tage Bewerbungstraining, dann muss die Suche spätestens beginnen".

Keine Option ist es jedenfalls, auf die "Perspektive Bochum 2022" zu hoffen. Die von der Landesregierung und GM ins Leben gerufene Entwicklungsgesellschaft soll neue Unternehmen auf das alte Fabrikgelände locken - Industrie- oder Handwerksbetriebe, oder Ausgründungen der Bochumer Universität. Doch wie der etwas sperrige Name schon sagt: Eine Perspektive bietet das Projekt allenfalls für die Kinder der Opelaner - wenn die dann noch in der Gegend wohnen.

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