Freitag, 22. November 2019

Autobauer wird 100 Aus Citroën wird Zitrön - wenn Franzosen ihre Identität verraten

Leichter auszusprechen: Per Video verkündet Citroën die eigene Umbenennung in Zitrön
youtube/CITROËN Deutschland
Leichter auszusprechen: Per Video verkündet Citroën die eigene Umbenennung in Zitrön

Es ist wirklich schlimm, die Anbiederung der Unternehmen an ihre Kunden kennt offenbar keine Grenzen mehr. Für Umsatz und Gewinn, so scheint es, schrecken die Firmenentscheider heute vor nichts zurück - nicht mal vor Selbstverrat!

Vor einiger Zeit machte bereits der Notizbuchhersteller Moleskine von sich reden. Der Name gibt schließlich Rätsel auf: Moleskine - wie spricht man das eigentlich richtig aus? Moleskiene? Moleskien? Vielleicht gar Moleskein? Legionen von Dichtern und Literaten (sowie solche, die es gerne wären) würden ihre Ergüsse vermutlich gerne in jenen Büchlein italienischer Herkunft verewigen - doch sie können sich keins davon kaufen, weil sie den Namen nicht richtig sagen können.

Das oder etwas ähnliches müssen sich die Verantwortlichen in Mailand, wo das Unternehmen seinen Hauptsitz hat, gedacht haben, als sie beschlossen, eine Lösung bekannt zu geben: Es sei völlig gleichgültig, wie Moleskine ausgesprochen werde, hieß es damals in scheinbar salomonischer Weisheit - jede Variante sei korrekt.

Im Klartext sagten die Moleskine-Manager damit ja nichts anderes als: Sprechen Sie unseren Firmennamen doch aus, wie Sie wollen, ist uns völlig schnuppe - Hauptsache, Sie kaufen unser Zeug! Noch mehr Selbstverleugnung geht wohl kaum.


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Irrtum. Jetzt kommt Citroën, der französische Autoproduzent mit den beiden komischen Punkten über dem "e". Pünktlich zum 100-jährigen Firmenbestehen ließ der Konzern eine regelrechte Marketing-Bombe hochgehen: In Deutschland, so heißt es in einem fünfminütigen Video im Internet, heiße Citroën von nun an Zitrön, also mit klarem "Z" am Anfang und ohne die beiden komischen Punkte über dem "e". 100 Jahre lang hätten sich die Menschen hierzulande daran versucht, den Firmennamen richtig auszusprechen, begründet Deutschland-Geschäftsführer Wolfgang Schlimme die Maßnahme in dem Film. Das werde sich nun ändern.

Dazu muss man wissen: Citroën ist nicht irgendein willkürlich gewählter Unternehmensname wie, sagen wir, Volkswagen oder Tesla, also mehr oder weniger austauschbar und ohne echten Eigenwert. Es war vielmehr der französische Industrielle André-Gustave Citroën, der den Autobauer zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründete, seinen Nachnamen trägt der Konzern bis heute. Ein Familienname also, mit Tradition und Geschichte. Nur in Deutschland künftig nicht mehr.

Wir meinen: Wenn das kein Verrat an der ureigenen Identität ist, was denn eigentlich dann? Und verübt zu allem Überfluss auch noch ausgerechnet von sonst doch ach so stolzen Franzosen!

Doch gemach, gemach. Es ist natürlich alles nur ein großer Spaß (und, wie wir finden, von Seiten des Konzerns ein ziemlicher guter dazu, siehe das Video oben). Sofern aufgrund der Veränderungen in der rauen Welt der Wirtschaft im Allgemeinen (Stichwort: M&A) sowie der laufenden Umwälzungen der Autoindustrie im Speziellen nichts dazwischenkommt, wird Citroën auch in den kommenden 100 Jahren weiterhin Citroën heißen - auch in Deutschland.

Wobei, wenn man es recht bedenkt: Der Gedanke hat schon auch seinen Charme. Eine Umbenennung als Mittel zum Zweck. Wer weiß, wie beispielsweise der Machtkampf bei Volkswagen vor einigen Jahren ausgegangen wäre, wenn ein gewisser Österreicher an der Spitze des Aufsichtsrates rechtzeitig auf diese beiden komischen Punkte über dem "e" in seinem Namen verzichtet hätte.

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