Mittwoch, 20. November 2019

Sanierungsfall VW-Tochter So will Bram Schot Audi aus der Krise manövrieren

Audi-Chef Bram Schot: "Hier und da ein wenig Fett"

Sie präsentieren Visionen wie auswendig gelernt, kämpfen mit Floskeln gegen die Krise - am Donnerstag versuchen die Audi-Chefs, optimistisch in die Zukunft des schwächelnden Autobauers zu blicken. Bei der Jahrespressekonferenz 2019 in Ingolstadt spricht Produktionschef Peter Kössler (59) zum Beispiel über Nachhaltigkeit, über Wildkräuter und Blumen auf den bepflanzten Dächern der Audi-Gebäude. Er verspricht ein "grünes Wunder" und sagt: "Wie Sie sehen, kann ich mich dafür begeistern."

Danach fragt allerdings niemand, nachdem die Vorstände der VW-Tochter ihre Präsentationen hinter sich gebracht haben. Es interessiert Audis schlechte Entwicklung im Jahr 2018.

Der Autobauer lieferte im vergangenen Jahr mit 1,81 Millionen Modellen weniger aus als im Vorjahr (1,88 Millionen) und erzielte einen leicht reduzierten Umsatz von 59,3 Milliarden Euro (2017: 59,8 Milliarden). Die Dieselkrise kostete Audi allein vergangenes Jahr 1,2 Milliarden Euro und schlug auf das operative Ergebnis. Es lag bei 3,5 Milliarden Euro, die Umsatzrendite somit bei 6 Prozent - deutlich niedriger als die erhofften 8 bis 10 Prozent.

Auch die Kapitalrendite (ROI) sank weiter und verfehlte die gewünschte Marke: Lag sie im Jahr 2011 noch bei beachtlichen 35,4 Prozent, waren es 2017 noch 14,4 und 2018 bloß 10 Prozent. 2019 sieht der Vorstandsvorsitzende Bram Schot (57) als "Übergangsjahr" - die Erwartungen sind bescheiden.

Viele Altlasten für den neuen CEO

Der neue CEO war erst im Juni auf Rupert Stadler (55) gefolgt, der wegen seiner Rolle in der Dieselaffäre in U-Haft wanderte. Schot soll jetzt das Missmanagement der vergangenen Jahre richten: Träge Strukturen abschaffen, überteuerte Entwicklungsprozesse optimieren und den Fehlstart beim neuen Verbrauchs- und Emissionsstandard WLTP wettmachen. Viele der Audi-Motoren sind noch nicht entsprechend zertifiziert und dürfen nicht verkauft werden. All dies schädigt das Geschäft.

Mit einem 15-Milliarden-Euro-Sparkurs will Bram Schot nun Audis Sinkflug herumreißen. Das werde nicht bequem, sagt Finanzchef Alexander Seitz (57). "Aber wir stellen die Gewinnzone vor die Komfortzone."

Dafür soll die 90.000-köpfige Belegschaft schrumpfen. Entlassungen soll es nicht geben, bekräftigt Personalvorstand Wendelin Göbel (55) am Donnerstag noch einmal. An die Beschäftigungsgarantie bis 2025 halte man sich. Abgebaut werden soll durch Altersteilzeit, entlang der demografischen Kurve. Wie viele Jobs aber wegfallen sollen, lassen Audis Topmanager bei der Pressekonferenz trotz zahlreicher Nachfragen nicht durchblicken.

"Hier und da ein wenig Fett"

Wie manager magazin (2/2019) aber kürzlich berichtete, will Seitz frei werdende Stellen nicht mehr besetzen. Das wären etwa 15 Prozent der Belegschaft in fünf Jahren - oder hochgerechnet und vom Vorstand nicht bestätigt, 14.000 Stellen.


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Wie Audi-Chef Schot in Ingolstadt erklärt, sollen auch obere Hierarchieebenen ausgedünnt werden. In den vergangenen Jahren seien sehr viele Manager eingestellt worden. Das habe eine Menge Schnittstellen geschaffen, die man sich nun so "nicht mehr leisten" könne. Es gäbe "hier und da ein wenig Fett", Audi könne an manchen Stellen noch "Fett abbauen".

Für die Zukunft soll es die Elektrifizierung bei Audi richten. Ab 2023 will der Autobauer zwölf, ab 2025 rund 30 Hybride und elektrische Autos anbieten. Schot erklärt, die Kunden stiegen schneller auf Elektroautos um als erwartet. Die Infrastruktur müsse zwar ausgebaut werden, in drei bis vier Jahren würden das aber nur noch Anlaufprobleme sein. Viel verkaufen will der CEO künftig in China. 2022 sollen dort eine Million Audis abgesetzt werden, zuletzt waren es 660.000 Wagen.

Bisher lief der Elektrobereich mehr als schleppend für Audi. Hybride können derzeit nicht geliefert werden, weil die WLTP-Zertifizierung der Motoren auf sich warten lässt. Ein Grund dafür, dass Audi bei den Absätzen hinter der Konkurrenz von BMW und Mercedes-Benz zurückgefallen ist. Wegen Softwareproblemen hatte sich außerdem Ende 2018 die Auslieferung des ersten rein elektrischen Modells von Audi - des SUV e-tron - verschoben.

"Wenn wir so weitermachen wie bisher, steht uns keine gute Zukunft bevor", sagt Schot. So will er nicht nur massiv in die Elektrifizierung investieren. Audi soll sich in einen Tech-Konzern wandeln. Modelle sollen sich besser nach Kundenwunsch vernetzen lassen, viele Angebote am Markt habe man sich da angesehen. Nicht nur von den jungen Digitalen hat Audi gelernt, sondern auch von BMW und Mercedes, wie Schot zugibt. Die Wettbewerber stehen besser da, was junge Kunden angeht.

Emotionale Diskussionen im Vorstand

Gerade die Entwicklung lief bei Audi in den letzten Jahren nicht rund. Hans-Joachim Rothenpieler (61) ist seit September der sechste Mann auf der Position des Entwicklungsvorstands in nur knapp sieben Jahren. Der Manager gilt als old school - seine Liebe für Sportwagen wird auch am Donnerstag deutlich. Rothenpieler will zwar jetzt Audi Sport auch mit Elektrovarianten attraktiv machen. Aber an dem schwächelnden einstigen Trendmodell TT hält er fest. Es gehöre zur "DNA" von Audi. Die Verkäufe sind aber über die letzten Jahre stark eingebrochen. Man diskutiere das Thema "emotional im Vorstand", so Rothenpieler.

Um zu sparen, prüfen die Audi-Chefs außerdem Modell- und Motorvarianten. Motorgetriebevarianten habe man bereits um etwa 30 Prozent reduziert - ohne Auswirkungen auf den Vertrieb, sagt Schot. Das Angebot sei "zu breit und zu tief" gewesen.

Weiter sollen Aufgaben zwischen den Werken neu aufgeteilt werden. So soll das von VW-Chef Herbert Diess vorgegebene Ziel erreicht werden, in den nächsten Jahren die Produktivität der Werke um 25 Prozent zu steigern. Audi-CEO Schot erklärt den Plan: Es sei nicht effizient, alle Standorte zu elektrifizieren. Synergien im Konzern will er da und an anderer Stelle besser nutzen. Der e-tron soll zum Beispiel ab 2020 im VW-Werk Zwickau vom Band laufen, das derzeit komplett umgerüstet wird und das erste rein elektrische Werk von Volkswagen Börsen-Chart zeigen werden soll.


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Das Sparprogramm muss nun bald Ergebnisse zeigen, denn Druck kommt von allen Seiten. Erst vergangene Woche hatte die VW-Eignerfamilie Porsche gefordert, dass Audi wieder profitabler werden soll. Im Aufräumjahr 2019 sind die Erwartungen allerdings erst einmal niedrig. Die Auslieferungen sollen moderat steigen. Die Umsatzerlöse prognostiziert der Konzern leicht über dem bereinigten Vorjahreswert. Die Umsatzrendite soll sich etwas erholen und zwischen 7 und 8,5 Prozent liegen.

Um die Verfehlungen der letzten Jahre umzukehren, ist ein Kraftakt nötig. Bei dem 15-Milliarden-Transformationsplan stelle man "alles auf den Prüfstand", so Finanzchef Seitz. "Wir schauen unter jeden Stein." Schot zieht das Sinnbild einer Ente heran: "Über Wasser sieht es ruhig aus, unten paddelt sie wie verrückt." Jetzt muss sie noch ihre Ausdauer beweisen.

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