Audi-Prozess Promi-Malus für Ex-Audi-Chef Rupert Stadler

Der Richter im Audi-Prozess hat eine Aufspaltung des Verfahrens abgelehnt. Ex-Audi-Chef Rupert Stadler muss sämtliche 181 Verhandlungstage im Gerichtsaal absitzen. Doch wie fair ist das wirklich?
Ein Kommentar von Angela Maier
Rupert Stadler (r.) und sein Anwalt Thilo Pfordte (l.)

Rupert Stadler (r.) und sein Anwalt Thilo Pfordte (l.)

Foto: MATTHIAS SCHRADER / AFP

Heute ist der fünfte Verhandlungstag im Audi-Prozess. Und der dritte Tag in Folge, an dem der Angeklagte Giovanni P. zu seiner Verteidigung redet. Der Italiener leitete bei Audi einst die Abteilung "Thermodynamik, OBD, Abgasnachbehandlung". Jetzt erklärt er in extenso, wie es zu den Manipulationen der Abgaswerte bei Audi-Motoren kommen konnte. Ein schleichender Prozess, in den aber das ganze Unternehmen involviert gewesen sei, so stellt er es dar. Die vielen technischen Details und sein harter italienischer Akzent machen es anstrengend, ihm zuzuhören.

Sollte P. heute zum Ende kommen, ist ab nächsten Dienstag sein frühere Mitarbeiter Henning L. dran. Auch L. wird sich voraussichtlich drei volle Tage lang erklären. Danach kommen der frühere Audi-Chef der Motorenentwicklung und spätere Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz (61) und Ex-Audi-Chef Rupert Stadler (57) zu Wort.

Der Name Hatz fällt öfter, wenn P. redet, der Name Stadler nie. So wird es wohl weitergehen. Die Entwickler, vor allem die Motorenentwickler, waren bei Audi eine eigene Welt, enger verbunden mit den Entwicklern der Konzernmutter Volkswagen als mit dem Rest des Konzerns. Vermutlich waren P. und L. Stadler, einem studierten Kaufmann, noch nie so nahe wie jetzt im Gerichtssaal, wo der einstige Audi-Vormann ein paar Meter entfernt sitzt.

Dieser Prozessbeginn scheint symptomatisch für die gesamte Anklage. Die wirkt nämlich eher wie zwei Anklagen. Dass Stadlers Anwalt Thilo Pfordte gleich zu Beginn forderte, das Verfahren gegen Stadler von dem der anderen drei abzutrennen, ist gut nachvollziehbar. An den meisten der 181 Verhandlungstage wird Stadler Zeugen lauschen, die er noch nie getroffen hat, und Aussagen zu Themen zuhören, in die er nie direkt involviert war.

Richter Stefan Weickert

Richter Stefan Weickert

Foto: Matthias Schrader / dpa

Dennoch wurde Pfordtes Antrag von Richter Stefan Weickert gestern abgeschmettert. Das war erwartet worden, die Frage ist aber: Wie fair ist das?

Die "Schieflage" (Pfordte) der Anklage besteht nicht nur darin, dass sich nur fünf der über 90 Seiten überhaupt mit den Vorwürfen gegen Stadler befassen - was Weickert mit der Bemerkung abtat, es bringe nichts, Seiten zu zählen.

Die Vorwürfe gegen Stadler und gegen die drei Ingenieure sind auch völlig unterschiedlich. Die Ingenieure sollen betrogen haben, indem sie Abgaswerte von Motoren manipulierten, Stadler, indem er den Verkauf von Fahrzeugen mit manipulierten Motoren nicht stoppte.

Gegen die Ingenieure haben die Staatsanwälte eine Menge Belege zusammengetragen; hier strotzt die Anklage auch vor Zeugen, die genannt werden. Dagegen wirkt die Beleglage bei Stadler nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ dünner.

Weickert begründet seine Entscheidung damit, dass man sich bei der Auswahl der Beschuldigten im Prozess keineswegs auf einen vermeintlichen Kern des Tatvorwurfs konzentrieren müssen. Es gehe um mögliche Straftaten über mehrere Hierarchieebenen hinweg und durch viele Beteiligte. Dies werde in dem Prozess gut abgebildet. "Man werfe vier Gladiatoren in den Ring, auf dass die sich gegenseitig zerfleischen", beschreibt ein Strafrechtler diese Strategie.

Es scheint allerdings fraglich, wie gut dies die komplexe Wirklichkeit bei Audi widerspiegelt. Bekanntlich ist der Autobauer mit seiner mächtigen Mutter Volkswagen überaus eng verflochten. Stadler wirkte stets eher wie ein verlässlicher Statthalter als ein mächtiger CEO.

Der Prozessverlauf wird zeigen, ob das gewählte Verfahren der Wahrheitsfindung dient. Oder ob es den Münchener Staatsanwälten nicht doch primär darum ging, im ersten Prozess des riesigen Dieselskandal-Komplexes ihren prominentesten Beschuldigten auf die Anklagebank zu bringen. Erfahrungsgemäß lässt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in späteren Verfahren stets deutlich nach.

Die Entscheidung, Stadler 181 Verhandlungstage im Gerichtssaal schmoren zu lassen, ist sehr hart. Wahrscheinlich auch unfair.

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