Autozulieferer ZF greift nach TRW Logischer Milliardendeal mit Risiken

ZF Friedrichshafen plant die Übernahme seines US-Konkurrenten TRW und will so zum weltweit drittgrößten Autozulieferer aufsteigen. Der Zeitpunkt ist klug gewählt, die wirtschaftliche Logik nachvollziehbar - doch risikofrei ist der Deal nicht.
Getriebe von ZF: Mit einer Übernahme des US-Autozulieferers TRW kauft sich ZF Know-How im Bereich autonomes Fahren ein

Getriebe von ZF: Mit einer Übernahme des US-Autozulieferers TRW kauft sich ZF Know-How im Bereich autonomes Fahren ein

Foto: Felix K‰stle/ picture alliance / dpa

Hamburg - Gerade drei Sätze ist jene Pressemitteilung lang, die den Autozulieferer ZF Friedrichshafen in eine neue Liga katapultieren könnte. Man prüfe den Kauf des amerikanischen Autozulieferers TRW, heißt es in dem gestern Abend veröffentlichten Text. Eine Entscheidung, so schränkt der deutsche Getriebespezialist ein, sei allerdings noch nicht gefallen - und ohne weitere Vereinbarungen werde sich ZF "hierzu nicht weiter äußern".

Die Vorsicht der Schwaben ist nachvollziehbar. Denn mit dem Deal bahnt sich für die deutsche Autozuliefererindustrie die größte Übernahme seit mehreren Jahren an. TRW wird an der Börse mit rund 11 Milliarden Dollar bewertet. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, soll ZF den Zulieferer aus Detroit mit elf bis zwölf Milliarden Dollar taxieren. Gelingt der Kauf, steigt ZF mit einen Schlag in die Liga der weltgrößten Zulieferer auf. Doch Erfolg wird die Übernahme wohl nur haben, wenn ZF nichts überstürzt - und die Amerikaner behutsam integriert.

Im vergangenen Jahr kamen die Friedrichshafener auf einen Umsatz von 17,2 Milliarden Euro, TRW erwirtschaftete 12,8 Milliarden Euro. Zusammengenommen kommen sie auf rund 30 Milliarden Umsatz und wären damit die Nummer drei nach Continental und Bosch. Damit entstünde ein neuer Branchenriese - dessen Zusammenschluss auch wirtschaftlich sinnvoll ist, wie viele Experten meinen.

Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind jedenfalls gut. Beide Unternehmen gelten als wirtschaftlich gesund. ZF ist nahezu schuldenfrei, im vergangenen Jahr lag der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen bei 1,7 Milliarden Euro.

Zudem gibt es zwischen den wichtigsten Geschäftsfeldern der beiden Unternehmen nur wenig Überschneidungen. ZF macht einen Großteil seines Automobilzuliefergeschäfts mit hochwertigen Getrieben und Antriebssträngen. Bei TRW entfallen zwei Drittel des Umsatzes auf Bremsen und Lenksysteme, ein Viertel stammt von Airbags und Gurten.

Know-How beim autonomen Fahren als Perle

TRW hat in den vergangenen Jahren jedoch ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld ausgebaut: Assistenzsysteme, die den Weg zum autonomen Fahren ebnen sollen. Die Amerikaner stellen Video- und Radarsysteme für Autos her, die als zentraler Baustein für selbstfahrende Autos gelten.

Genau diesen Bereich will auch ZF stärken. So erklärte ZF-Chef Sommer Stefan Sommer vor wenigen Wochen in einem Interview, dass er Aktivitäten rund um autonomes Fahren bündeln und auch darin investieren wolle. Autos, die selbst lenken können, gelten unter den Autoherstellern als vielversprechende Zukunftstechnologie. Der Wettlauf um die Serienreife unter den Herstellern wird noch durch den Internetkonzern Google angeheizt, der kürzlich ein automatisch fahrendes Mini-Auto ohne Lenkrad präsentiert hat.

TRW ist bei dieser Technologie gut aufgestellt. Das Unternehmen mit Sitz in Livonia im US-Bundesstaat Michigan kontrolliere all die "richtigen Teile des Autos, die für autonomes Fahren benötigt werden", schreiben Analysten der Investmentbank Morgan Stanley in einem Bericht.

Durch den Kauf von TRW kann der Getriebe- und Antriebsstrangspezialist ZF Friedrichshafen sämtliche elektronischen und mechanischen Teile für selbstfahrende Autos aus einer Hand anbieten.

Kulturelle Risiken nicht zu unterschätzen

Das werde auf lange Sicht ein großer Vorteil sein, meint Autoexperte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Mit seinen hochwertigen Getrieben sei ZF zwar derzeit sehr erfolgreich. Doch sollten sich Elektroautos in den kommenden 20 Jahren durchsetzen, wird der Absatz von Getrieben deutlich zurückgehen. Aufgrund seiner Größe kann ZF den dafür notwendigen Konzernumbau aber nur langsam schaffen. "Da ist eine solche Groß-Akquisition die richtige Antwort", meint er gegenüber manager magazin online. "Vor dem Hintergrund der technischen Umwälzungen in der Branche ist das ein guter Schritt".

Zudem passen beide Unternehmen auch von der Ausrichtung her gut zusammen, meint er. Denn beide sind ingenieursgetrieben und haben eine ähnliche Zuliefererlogik. Eine Gefahr sieht er allerdings: Mit der Übernahme geht ZF Friedrichshafen größere finanzielle Risiken ein.

Anders als einige Konkurrenten ist ZF Friedrichshafen nicht börsennotiert, sondern gehört zwei Stiftungen. 94 Prozent an ZF hält die Zeppelin-Stifung der Stadt Friedrichshafen, der Rest gehört der Ulderup-Stiftung. Eine klassische Kapitalerhöhung durch die Ausgabe neuer Aktien kommt daher für ZF nicht in Frage. Um den Kauf zu stemmen, muss ZF Schulden in Form von Anleihen oder Bankkrediten aufnehmen.

Doch das dürfte für die Friedrichshafener nicht allzu schwierig werden, meinte ein anderer Branchenkenner gegenüber manager magazin online. Das Unternehmen ist beinahe schuldenfrei - und Anleihen zu begeben sei im Moment vergleichsweise billig. ZF könne wohl Schuldscheine mit drei bis vier Prozent Zinsen ausgeben. Solange das Unternehmen Geld verdient, finanziere sich der Kauf so "fast von selbst".

Experten: ZF kann Finanzierung stemmen

Pieper meint zwar, dass die Kreditaufnahme "an die Grenze der Leistungsfähigkeit" von ZF gehen könne. Doch auch er glaubt, dass ZF eine solche Übernahme stemmen kann. Den Charakter eines großen Abenteuers, den etwa Porsches missglücktes Manöver zur Übernahme von Volkswagen hatte, sieht er bei ZF und TRW jedenfalls nicht.

Schwierigkeiten könnten hingegen die kulturellen Unterschiede zwischen beiden Unternehmen bereiten. Die letzte größere Autozulieferer-Übernahme von ZF liegt zwölf Jahre zurück. Damals schluckte ZF Mannesmann Sachs, ein deutsches Unternehmen. Größere Jointventure-Erfahrung mit ausländischen Partnern hat ZF ebenfalls nicht vorzuweisen.

So ist das Zusammengehen mit TRW keine Kleinigkeit: ZF beschäftigt derzeit 72.000 Leute weltweit, TRW hat 65.000 Mitarbeiter auf seiner Gehaltsliste - davon alleine 10.000 in Europa. ZF, so meint ein Branchenkenner, wird die Integration mit TRW deshalb eher behutsam angehen - und vermutlich eine Holdingstruktur aufbauen, in der manche Geschäftsfelder über mehrere Jahre parallel laufen.

Ein grundsätzliches Branchenproblem wird ZF aber auch nach einer geglückten Übernahme von TRW erhalten bleiben. Mit TRW kauft ZF zwar eine stärkere Präsenz auf dem amerikanischen Markt ein. Je rund 40 Prozent seines Geschäfts macht TRW derzeit in den USA, knapp ein Fünftel seines Umsatzes erwirtschaftet TRW in Asien. Doch die größten Kunden von TRW sind alte Bekannte: Volkswagen sorgt für gut ein Viertel der Umsätze, Ford für ein knappes Fünftel, Chrysler und General Motors stehen für je 10 Prozent der TRW-Erlöse.

Was dabei fehlt, sind große asiatische Hersteller wie Toyota oder Hyundai. Die arbeiten nach wie vor lieber mit ihren eigenen Subunternehmen zusammen. Noch ist es keinem europäischen oder amerikanischen Zulieferer gelungen, im großen Stil in Asien Fuß zu fassen. Das wäre aber wichtig, um globale Risiken besser zu verteilen. "Ich kenne keinen Zulieferer, der wirklich global ist", stichelt deshalb ein Branchenkenner. So gesehen wäre ZF nach einer geglückten US-Übernahme zwar einer der weltweit größten Autozulieferer - aber noch immer kein richtig globalisierter.

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