Einstieg bei Motorradhersteller Was treibt Daimler auf den Soziussitz der Motorradschmiede Agusta?

Audi hat sich die italienische Motorradmarke Ducati geangelt, nun erliegt auch Daimler der Zweirad-Faszination: Die Stuttgarter wollen sich an der Edel-Motorradmarke MV Agusta beteiligen. Von dem Deal profitieren nicht nur die Italiener - auch für Daimler gibt es einiges zu holen.
Modell "Brutale" von MV Agusta: Mittlerweile bietet der Sportmotorrad-Spezialist auch weniger brachiale Modelle an

Modell "Brutale" von MV Agusta: Mittlerweile bietet der Sportmotorrad-Spezialist auch weniger brachiale Modelle an

Foto: MV Agusta

Hamburg - "Das Beste oder nichts" - mit diesem kompromisslosen Spruch wirbt Mercedes für seine Produkte. Der Slogan scheint aber nicht nur für die Autos, sondern auch für die Beteiligungspolitik des Unternehmens zu gelten. Die Schwaben lassen nun mit einem auf den ersten Blick schrägen Deal aufhorchen: Der Luxusauto-Riese Daimler , der pro Jahr rund eineinhalb Millionen Fahrzeuge verkauft, will bei dem italienischen Edel-Motorradhersteller MV Agusta einsteigen. Der ist mit zuletzt 7500 verkauften Zweirädern ein Winzling - doch der Größenunterschied scheint die Schwaben nicht zu stören.

Denn schon seit längerem interessieren sich die Stuttgarter für die italienischen Zweiradbauer, deren Modelle so martialische Namen wie "Rivale", "Brutale" oder rennsporttaugliche Bezeichnungen wie "F4 RR" tragen. Im Juli gab es erste Berichte über einen möglichen Einstieg, nun biegt Daimler offenbar in die Zielgerade ein.

Laut Süddeutscher Zeitung steht Daimler kurz davor, 25 Prozent an dem Hersteller aus Varese in der Lombardei zu übernehmen. Der Rest des Unternehmens soll in der Hand der Eigentümerfamilie Castiglioni bleiben. Das berichtet die Zeitung unter Berufung auf Mailänder Finanzkreise. Auch die Nachrichtenagentur Reuters hat von einem Insider erfahren, dass die Gespräche über einen Einstieg weit fortgeschritten sind.

Mindestens 30 Millionen Euro sollen die Stuttgarter für die Beteiligung bezahlen, eine Einigung ist bis Ende der Woche zu erwarten. Beide Unternehmen lehnten gegenüber Nachrichtenagenturen eine Stellungnahme ab.

Gleichziehen mit Audi und BMW

Klappt der Einstieg, zieht Daimler im Zweiradbereich mit seinen deutschen Erzkonkurrenten gleich. BMW baut schon seit 90 Jahren Motorräder, in den vergangenen Jahren wirtschaftete die Zweiradsparte der Bayern höchst erfolgreich. Die VW-Nobeltochter Audi schnappte sich vor zwei Jahren den italienischen Zweiradhersteller Ducati - wohl nicht gerade zur Freude von Daimler, deren Hochleistungssparte AMG damals gerade eine Partnerschaft mit Ducati eingefädelt hatte.

Doch scheint der Einstieg bei einem Zweiradhersteller im zweiten Anlauf auch für Daimler zu klappen. Agusta kann das Geld aus Stuttgart gut gebrauchen: In den vergangenen Jahren hat die italienische Edelmarke ihr Angebot erweitert - und zielte mit neuen Modellen in die deutlich absatzstärkere Mittelklasse.

Damit schaffte Agusta vorerst die Wende. Denn bis vor wenigen Jahren war der Zweiradhersteller ein Sanierungsfall. Der Verkauf an Harley-Davidson vor sechs Jahren floppte, auch weil die Amerikaner selbst in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. 2010 kaufte die Castiglioni-Familie die Motorradmarke zurück.

Seither setzt Agusta nicht mehr nur auf hochwertige Sportmotorräder, die jahrzehntelang das Markenzeicher der Italiener waren. Neben hochpreisigen Vierzylinder-Maschinen bietet Agusta nun auch günstigere Dreizylinder-Modelle an, die ab rund 10.000 Euro zu haben sind. Das Topmodell von MV Agusta, die F4 RR, startet hingegen bei einem Basispreis von 25.000 Euro.

Daimler hilft mit Vertriebsnetz, Agusta wertet AMG auf

Ein Teil des Daimler-Geldes soll laut den Berichten direkt ins Unternehmen fließen, um Investitionen in Marketing und Entwicklung zu finanzieren. Und Daimlers Vertriebsnetz dürfte bei der geplanten Expansion hilfreich sein. Denn Kleinhersteller wie MV Agusta haben meist nur sehr überschaubare Händlernetze. Wenn die Italiener Daimlers Vertriebsnetze in den USA oder Asien mitnutzen können, bringt das der Motorradmarke viel schneller eine größere Präsenz in diesen Regionen.

Auffällig an dem Deal ist, dass er über Daimlers hauseigene Hochleistungstochter AMG laufen soll. Laut Süddeutscher Zeitung hat Daimler auch die Option, seine Anteile weiter aufzustocken - und dafür die weitere Expansion der Italiener mitzufinanzieren.

AMG kann wohl besser als Mercedes vom sportlich-aggressiven Image der Italiener profitieren, da Agusta wie auch AMG erfolgreich im Rennsport mitmischt. Mit ihrem hauseigenen Tuner haben die Stuttgarter offenbar einiges vor: So zeigte AMG vor kurzem auf dem Pariser Autosalon den Sportwagen GT, der auf dem Mercedes-Renner SLS basiert und dem Porsche 911 Kunden abjagen soll.

Daimler will AMG zu einer eigenständigen Marke weiterentwickeln, analysiert Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer gegenüber manager magazin online - und da passe eine Beteiligung an einem italienischen Hersteller von High-End-Motorrädern gut ins Portfolio. "AMG wird einen stärker eigenständigen Weg gehen und soll zum Wettbewerber von Porsche und Ferrari werden. Dazu kann MV Agusta sehr gut dienen", sagt Dudenhöffer.

BMW setzt bereits Motorrad-Aggregate in Autos ein

Eine unabhängigere Mercedes-Performancegruppe könne ein gemeinsames Vertriebssystem mit einem Motorradhersteller aufziehen, auch beim Marketing zusammenarbeiten - und die Klientel überschneide sich teilweise. An eine stärkere technische Zusammenarbeit zwischen dem Motorradhersteller und dem Luxusautobauer glaubt Dudenhöffer hingegen nicht. Weder bei Leichtbau noch bei der Motorentechnik gebe es große Überschneidungen, meint er.

Doch Agusta könnte mit seinen Dreizylinder-Motoren auch Know-How bei Daimler einbringen, halten Analysten dagegen. Solche Aggregate eignen sich etwa als Reichweitenverlängerer für Elektroautos oder Plugin-Hybride. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt etwa BMW mit seinem Elektroauto i3. Von dem Fahrzeug bietet BMW auch eine Version mit Range Extender an - also mit einem kleinen Verbrennungsmotor, der die Reichweite des Elektroautos verdoppelt. Das Aggregat stammt aus BMWs Motorradsparte.

Audi hat solche Fahrzeuge noch nicht im Angebot. Doch auf dem Pariser Autosalon zeigte die Audi-Mutter Volkswageneine Sportversion des Sparmobils XL1, in der ein 200-PS-Motor von Ducati eingebaut war. Noch war das nicht mehr als eine Spielerei. Doch die Studie deutete an, dass die Wolfsburger eine Verschmelzung von Motorrad- und Automobiltechnik zumindest andenken.

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