Tesla gibt Patente frei Die riskante Patent-Wette des Elon Musk

Tesla-Chef Musk sorgt erneut für Aufsehen. Er will Patente freigeben und zum ersten Open-Source-Unternehmen der Autoindustrie werden. Das klingt nobel, ist aber riskant. Und die Entscheidung ist auch nicht so selbstlos, wie Musk sie darstellt.
Elon Musk: Keine Klagen gegen Unternehmen, die "in gutem Glauben unsere Technologie nutzen"

Elon Musk: Keine Klagen gegen Unternehmen, die "in gutem Glauben unsere Technologie nutzen"

Foto: Bryan Mitchell/ AFP

Hamburg - Im Schüren von Erwartungen ist Tesla-Chef Elon Musk kaum zu schlagen - und er versteht es wie kein Zweiter, Spannung aufzubauen. Schon Anfang Juni deutete er auf der Hauptversammlung des Elektroauto-Herstellers an, mit Teslas Patenten etwas "Bedeutsames" und "ziemlich Kontroverses" zu planen.

Nun hat Musk die Katze endlich aus dem Sack gelassen: Tesla wird zum ersten Open-Source-Unternehmen der Autobranche. Der Hersteller will seine Patente freigeben, Wettbewerber können von Tesla entwickelte Technologien künftig kostenlos nutzen. So steht es in einem Blog-Eintrag , den Musk gestern veröffentlicht hat.

Der kommt nicht ohne großen moralischen Anstrich aus. Die Freigabe der Patente sei der beste Weg, um die globalen Klimaprobleme zu lösen, argumentiert Musk ganz unbescheiden. Teslas Schritt soll die Verbreitung stromgetriebener Fahrzeuge beschleunigen. Die wahre Konkurrenz für die Kalifornier seien nämlich nicht die Elektroautos der Konkurrenz - sondern "die Flut der Wagen mit Verbrennungsmotor, die jeden Tag die Werke verlassen".

Musks Entscheidung ist aber nicht so selbstlos-weltverbessernd, wie sie der Unternehmer darstellt. Mit dem für die Branche ungewöhnlichen Schritt verfolgt Musk beinharte Geschäftsinteressen und spielt - wie so oft - volles Risiko. Ob die Open-Source-Philosophie Tesla  wirklich weiterbringt, ist alles andere als sicher. Sie lässt sich sogar als Eingeständnis von Schwäche interpretieren.

Tesla braucht Verbündete, um seine Wachstumsziele zu schaffen

Als PR-Manöver hat der Schritt hingegen glänzend funktioniert. Weltweit berichten Medien mit positivem Unterton über den Patent-Rebellen Tesla. Fachleute sekundieren, dass Elektroautos durch die Ankündigung einen Schub bekommen könnten. Durch die kostenlose Nutzung von Tesla-Technologie haben andere Hersteller "keine Chance mehr, die Technologie links liegen zu lassen", meint etwa der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Genau das ist Teslas größte Gefahr. Bis 2020 will Tesla pro Jahr 500.000 Elektroautos verkaufen, im vergangenen Jahr waren es gerade einmal 22.500. Um dieses Wachstum zu schaffen, muss der Elektroauto-Pionier aus seiner Hochpreis-Nische Richtung Mainstream fahren. Bereits 2016 will Tesla deshalb ein Modell auf den Markt bringen, dass weniger als die Hälfte von Teslas knapp 70.000 Euro kosten soll.

Ihre Verkaufsziele können die Kalifornier aber nur erreichen, wenn Elektroautos von Straßen-Exoten zur Selbstverständlichkeit werden. Das dürfte selbst Tesla kaum im Alleingang gelingen - sondern nur im Wettstreit mit Konkurrenten. In diesem Fall belebt Konkurrenz das Geschäft nicht nur. Sie schafft erst die kritische Masse, für die sich etwa der Aufbau von Ladeinfrastruktur lohnt.

Die Konkurrenten benötigt Tesla nicht nur als Gegenpol, sondern auch als mögliche Kooperationspartner. Denn um die Batterie und den Antriebsstrang weiter zu entwickeln und deutlich zu verbilligen, muss Tesla viel Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben - das die Kalifornier derzeit kaum haben.

Immerhin hat Tesla in der Vergangenheit zwei gewichtige Kooperationspartner an Land gezogen: Daimler  und Toyota  . Die Japaner allerdings lassen ihre Zusammenarbeit mit Tesla in Kürze auslaufen. Daimler bleibt weiterhin an Tesla beteiligt - doch von gemeinsamer Forschungszusammenarbeit war bisher nicht die Rede. Nun prüft BMW  Möglichkeiten einer Kooperation mit Tesla. Diese Formulierung zeigt aber, dass die Pläne noch nicht weit gediehen sind.

Beispiel Supercharger: Tesla will die Standards setzen

Mit der Freigabe der Patente, so hofft Tesla, könne man große Autohersteller eher zur Zusammenarbeit bewegen - wenn Musks Charisma auch bei den nüchternen Car Guys verfangen sollte. Da muss der Tesla-Chef aber noch einige Hürden überwinden.

Bislang ist es in der Autobranche eher üblich, im konzerneigenen Forschungszentrum zu tüfteln. Technologische Fortschritte werden zunächst als Wettbewerbsvorteil genutzt und dann an die Konkurrenz verkauft. Mit gemeinsamer Forschung tun sich die Autokonzerne bislang eher schwer - auch wenn dies immer wieder in kleinem, auf konkrete Projekte begrenztem Umfang versucht wird.

Musks Kalkül ist es nun wohl auch, dass die Zusammenarbeit mit Tesla durch die Patentfreigabe günstiger und damit attraktiver werden soll. Nichts käme den Kaliforniern gelegener, als in einigen Bereichen Standards vorzugeben.

So hat Tesla etwa Supercharger genannte Schnellladestationen entwickelt, deren Technologie sich vom Rest der Branche unterscheidet. Derzeit können nur Tesla-Fahrzeuge an den Ladesäulen tanken.

Wenn die Kalifornier nun andere Firmen davon überzeugen können, Tesla-kompatible Schnellladesäulen zu bauen, bringt das Tesla große Vorteile. Denn ihr superschnelles Ladenetz würde sich dann deutlich vergrößern, ohne zusätzliche Kosten zu verursachen.

Mutiger Schritt - oder Zeichen von Schwäche?

Allerdings riskiert Musk mit seiner Patentfreigabe auch Ärger mit seinen bisherigen Partnern. Daimler hat einiges Geld in das Unternehmen gesteckt, um an dessen Patente ranzukommen. Nun könnten Konkurrenten dasselbe gratis erhalten.

Noch ist es nicht so weit. Denn Musk formuliert wörtlich , dass Tesla keine Klagen gegen Unternehmen anstrengen will, die "in guten Absichten unsere Technologie nutzen wollen". Worin diese guten Absichten bestehen und wie sie rechtlich definiert werden können, muss Musk noch genauer erklären. Eine echte Freigabe der Patente an die Weltöffentlichkeit ist das ohnedies nicht - bloß ein Versprechen. Lizenzen, die Teslas Patente für Inhaber frei nutzbar machen, hat Musk jedenfalls nicht erwähnt.

Manche Branchenbeobachter meinen deshalb, dass der Schachzug mehr über Teslas aktuelle Probleme als seine künftigen Versprechungen aussagt. Musk gebe damit indirekt zu, dass Tesla mehr Zusammenarbeit mit herkömmlichen Autoherstellern benötige, um vorwärtszukommen. Und das sei ein Zeichen von Schwäche.

Musk sieht das natürlich anders. Es gehe ihm weniger um Patente, argumentierte er in einem Analystengespräch, sondern um die Entschlossenheit eines Unternehmens, innovativ zu bleiben. Patente seien eher ein statisches Abbild. Doch Technologie-Innovationen leben von der Geschwindigkeit der Veränderung. Wahre Wettbewerbsfähigkeit bestehe nicht aus Patenten - sondern daraus, wie stark ein Unternehmen den Durchbruch einer neuen Technologie beschleunigen könne. Mal sehen, ob der Tesla-Gründer damit rechtbehält.

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