Montag, 14. Oktober 2019

Zwischenlagerung tausender Pkw auf Flugplatz Ahlhorn Das Mysterium um Deutschlands größten Mercedes-Parkplatz

Mercedes, so weit das Drohnenauge reicht: Diese Aufnahmen machte eine Fotografin vom Flugplatz Ahlhorn
AUTO BILD/S.Beckefeldt
Mercedes, so weit das Drohnenauge reicht: Diese Aufnahmen machte eine Fotografin vom Flugplatz Ahlhorn

Tausende teure Nobelautos akkurat in Gruppen geparkt, und das auf mehr als zwei Kilometern Länge: Die Bilder vom wohl größten Nobelauto-Parkplatz Deutschlands sind beeindruckend. Vor gut einem Jahr hat der Daimler-Konzern Börsen-Chart zeigen den Flughafen Ahlhorn nahe der niedersächsischen Stadt Cloppenburg gepachtet und sich die Genehmigung gesichert, dass der Sonderlandeplatz für bis zu zwei Jahre geschlossen wird. Seither nutzt der Autobauer das Flugareal als Abstellplatz der Extra-, nein Luxusklasse.

Zuerst parkten die Stuttgarter hier Autos, die sich wegen der Dieselaffäre nicht mehr verkaufen ließen. In den letzten Wochen sind in Ahlhorn jedoch große Mengen brandneu aussehender SUVs mit US-Nummernschildhaltern eingetroffen, berichtete zuerst etwa Radio Bremen und die Oldenburgische Volkszeitung. Täglich steuern große Autotransporter das Areal des ehemaligen Militärflugplatzes an, heißt es in der Lokalzeitung. "Wie im Taubenschlag" gehe es dabei zu, das 2,5 Kilometer lange Rollfeld sei in voller Länge und Breite zugeparkt.

Mit anderen Worten: Daimler parkt wohl tausende Fahrzeuge auf dem Rollfeld. Leicht einzusehen oder zugänglich ist das Gelände laut Berichten nicht. Das Areal ist mit Sichtschutzplanen umzäunt, rundum stehen großflächige Solaranlagen, und die Fahrzeuge sind nochmals extra mit Bauzäunen gesichert.

Die Fotos von den teuren Luxuskarossen erinnern an jene Riesenparkplätze, die Volkswagen nach dem Auffliegen der Dieselaffäre in den USA benötigte. Auf den Fotos sind überwiegend neue SUV-Modelle wie Mercedes GLE und GLS zu erkennen. Daimler parkt aber, wie die Zeitschrift "Auto Bild" vor kurzem berichtete, auch zahlreiche besonders teure Mercedes Maybach S-Klassen dort, ebenso wie E- und C-Klassecoupés, einige CLS und Exemplare der R-Klasse-Kombis, deren Produktion vor gut einem Jahr auslief.

Daimler sieht in zeitweiser Zwischenlagerung "völlig normalen Vorgang"

Warum steckt Daimler viel Geld in den Übersee-Transport und die Lagerung von Neuwagen? Laut Recherchen von Radio Bremen sind Qualitätsmängel in Daimlers US-Werk in Tuscaloosa schuld daran. Bis zu 9000 dort erzeugte Fahrzeuge sollen nun in Deutschland für den Verkauf für Europa "ertüchtigt" werden, erfuhr Radio Bremen von Daimler-Insidern. Ausgeführt werden die Arbeiten offenbar von Fachkräften des Ingenieursdienstleisters Formel D und Mitarbeitern aus Daimlers Bremer Werk, der nach dem Stammwerk in Untertürkheim zweitgrößten Autofabrik der Stuttgarter in Deutschland.

Laut einem Bericht der Fachzeitschrift "Automobilwoche" können sogar 40.000 Mercedes-Neuwagen derzeit nicht ausgeliefert werden - und zwar wegen Problemen mit Sitzen und Stoßfängern. Zwei Zulieferer, so heißt es in dem Bericht, hätten Teile geliefert, die den Qualitätsansprüchen der Stuttgarter nicht genügen.

Auf Nachfrage von manager-magazin.de geizte Daimler mit Details zu den Vorgängen in Ahlhorn. Die zeitweise Zwischenlagerung von Fahrzeugen sei ein "völlig normaler Vorgang", heißt es in einem schriftlichen Statement. Weltweit gebe es "Logistikflächen", die von Mercedes "im Rahmen eines geplanten Vorgangs zur Zwischenlagerung von Fahrzeugen genutzt werden", etwa für den weltweiten Transport.

Die Gründe für eine solche Zwischenlagerung seien "vielfältig", heißt es in der E-Mail. Häufig werde mit der Zwischenlagerung die Markteinführung neuer Modelle vorbereitet oder eben auch Fahrzeuge aufbereitet, etwa wegen der "Notwendigkeit für kleinere Nacharbeiten". Angaben zur Zahl der in Ahlhorn zwischengelagerten Fahrzeugen wolle Daimler keine machen, da sich der Bestand täglich ändere.

Wichtige Fragen lässt Daimler lieber unbeantwortet

Welche Arbeiten nun an den Fahrzeugen durchgeführt werden und für welchen Markt sie dann gedacht sind - diese Frage wollte Daimler nicht beantworten. Und auch auf die Nachfrage, warum auf dem Parkplatz neben fabriksneuen Fahrzeugen offenbar auch seit gut einem Jahr nicht mehr gefertigte R-Klassen lagern, gab es keine Antwort.

Daimlers Nobel-Parkplatz in der niedersächsischen Provinz ist also nicht nur ziemlich groß, sondern auch nicht gerade ein Hort der Offenheit. Mit einem für die Autohersteller aktuell drängenden Thema dürfte er aber nichts zu tun haben: Mit der neuerlichen Verschärfung des neuen Testzyklus WLTP ab 1. September, der im vergangenen Jahr bei mehreren Autoherstellern für massive Lieferschwierigkeiten sorgte. Diesmal seien die Autohersteller besser vorbereitet, heißt es in einer Agenturmeldung. Und Daimler liegt laut Eigenangaben bei der WLTP-Umstellung diesmal voll im Plan.

Allerdings deutet die Zwischenlagerung tausender Autos darauf hin, dass es in Tuscaloosa aktuell Qualitätsprobleme geben dürfte. Darüber reden oder aufklären wollen die Stuttgarter aber nicht - aus durchaus nachvollziehbaren Gründen. Schließlich ist ihr Leitspruch ja "Das Beste oder Nichts". Fertigungsprobleme lassen sich so nur schwer rechtfertigen. Da wird lieber von Fachkräften nachbearbeitet - auch wenn es viel Zeit und Logistikosten verschlingt.

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