AdBlue-Mangel in Deutschland Warum Logistiker jetzt Harnstoff bunkern

Das Abgasreinigungsmittel AdBlue hält Millionen Fahrzeuge in Deutschland am Laufen. Um einen Stillstand zu verhindern, haben viele Logistik-Unternehmen den wässrigen Harnstoff bereits gebunkert. Hamsterkäufe bergen jedoch Risiken, warnt der ADAC.
Ohne AdBlue könnten moderne Diesel-Fahrzeuge in wenigen Wochen stillgelegt werden

Ohne AdBlue könnten moderne Diesel-Fahrzeuge in wenigen Wochen stillgelegt werden

Foto: Andreas Haas / imago images / imago images/Andreas Haas

Millionen Diesel-Autos könnten in Deutschland binnen weniger Wochen stillgelegt werden, befürchtete der ADAC im Dezember. Der Grund: das Abgasreinigungsmittel AdBlue ist knapp und teuer. Viele Logistikunternehmen haben sich bereits AdBlue-Notvorräte angelegt, um einem Stopp ihrer Fahrzeuge entgegenzuwirken.

Der Grund für den AdBlue-Mangel liegt in der Produktionskette. Die wässrige Chemikalie wird aus Ammoniak und Kohlendioxid hergestellt, Ammoniak wiederum aus Erdgas, Stickstoff und Wasserstoff. Dazu brauchen Chemiekonzerne große Mengen Strom. Weil nun die Erdgaspreise so drastisch gestiegen sind, ist auch die Ammoniak-Produktion erheblich teurer geworden. Der Branchenriese BASF drosselte deshalb bereits im Oktober die Produktion des Harnstoffs, denn nicht alle Produzenten können zu höheren Preisen wirtschaftlich bleiben.

"Der Rohstoffengpass bei Ammoniak hat dazu geführt, dass die Einstandskosten für AdBlue im letzten Quartal 2021 deutlich angestiegen sind", heißt es von dem Mineralölunternehmen BP, zu dem auch die Aral Tankstellen gehören. Um eine kontinuierliche Versorgung der Kunden mit AdBlue an den Aral Stationen sicherzustellen, arbeite die Aral AG eng mit ihren Lieferanten zusammen. "Trotz des allgemeinen Marktengpasses ist AdBlue an Aral Tankstellen verfügbar und wir gehen auf Basis vorliegender Informationen nicht davon aus, dass sich dies künftig ändert", sagte ein Sprecher des Unternehmens dem manager magazin. Doch nicht alle Unternehmen aus der Logistik- oder Versorgerbranche sind derzeit so entspannt wie BP.

Viele AdBlue-Hersteller haben Produktion zurückgefahren

Inhaber von AdBlue ist der Verband der Automobilindustrie (VDA). Weltweit können Produzenten die eingetragene Marke jedoch für eine Lizenzgebühr herstellen. "Diverse AdBlue-Hersteller haben bereits angekündigt, die Produktion aufgrund von Unwirtschaftlichkeit teilweise oder ganz zurückzufahren. Das hätte dramatische Folgen für circa 90 Prozent der Lkw-Verkehre in Deutschland, die auf AdBlue angewiesen sind", warnte der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung im Oktober.

Vor allem für die Logistikbranche wäre ein Ausfall an AdBlue eine Katastrophe. Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) sowie der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) schrieb daher im November 2021 einen Brief an den damaligen geschäftsführenden Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), indem die Verbände ihre Sorge vor einem drohenden Versorgungskollaps mit AdBlue ausdrückten.

Logistiker setzen auf Notvorräte

Nun scheint sich die Lage wieder etwas zu entspannen. So melden es jedenfalls einige der größten Logistikunternehmen in Deutschland. "Wir können den AdBlue-Mangel ebenfalls spüren, haben die Lage jedoch aktuell im Griff", berichtet etwa der Logistiker Hermes.

Das Unternehmen setzt auf frühe Bestellungen und auf Vorratshaltung: Wo früher eine Lieferzeit von vier bis fünf Tagen die Regel war, wird jetzt mit einer zweiwöchigen Vorlaufzeit bestellt. "Wir haben jedoch überall genügend Vorrat angelegt, sodass wir zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgehen, dass es bei Hermes zu keiner Verknappung von AdBlue kommen wird", sagt ein Sprecher des Hamburger Paketversandes. Ähnliches berichtet die Deutsche Post für ihre DHL-Wagen. "Wir haben jederzeit ausreichend Lieferkapazitäten von AdBlue über unsere Lieferanten sichergestellt, wobei sich die Verfügbarkeit zuletzt wieder entspannt hat", so das Unternehmen.

1000-Liter-Vorratstank mit eigener Zapfanlage

Auch die Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft (BEHALA), eines der größten Logistikunternehmen Berlins, hat für den Notfall vorgesorgt. Je nach Auftragslage und Einsatz der Maschinen benötigen die betriebenen Fahrzeuge des Unternehmens durchschnittlich 500 Liter AdBlue im Monat. "Derzeit haben wir einen Beschaffungsvorlauf von drei Wochen", sagt ein Sprecher des Unternehmens. Zur Sicherstellung der Versorgung habe BEHALA bereits vor der Pandemie einen 1000 Liter Tank mit eigener Zapfanlage angeschafft. "Dieser Tank wird dann rechtzeitig befüllt, sodass wir bisher keine Probleme mit einem Mangel an AdBlue hatten."

Das Risiko der Hamsterkäufe

Der ADAC rät Unternehmen und Privatpersonen hingegen von Hamsterkäufen ab. "Hamsterkäufe sind aufgrund der zum Teil extrem hohen Preise für Kanister-Angebote nicht ratsam. Eine kleine Reserve zu Hause ist aber auf jeden Fall sinnvoll", heißt es beim Automobilklub.

Das Risiko der Notvorräte: Sie geben für einen überschaubaren Zeitraum von einigen Wochen Planungssicherheit, wirken sich aber verschärfend auf die Preissteigerung aus. Ein sprunghafter Anstieg der Nachfrage durch Hamsterkäufe kann die Versorger selbst dann in Schwierigkeiten bringen, wenn sie ihre aktuelle Lieferkapazität eigentlich erfüllen können.

Eine existenzbedrohende Versorgungslücke scheint es derzeit für viele Unternehmen nicht zu geben. Allerdings ist eine deutliche Preissteigerung zu verzeichnen: "Wir beobachten Preisspannen zwischen 80 Cent und vier Euro pro Liter", berichtet der ADAC. Anfang 2020 kostete AdBlue gerade einmal 19 Cent pro Liter.

Moderne Katalysatoren benötigen AdBlue, um Stickoxide aufzulösen

Seit 2007 wird AdBlue in Diesel-Pkw und -Lastwagen zusätzlich zum Sprit benötigt, weil die Abgasnormen strenger werden. Autobauer sind seither gezwungen, den Stickoxidausstoß ihrer Fahrzeuge zu senken. Mit der Einführung der Euro-6-Norm im September 2014 und der Ausweitung der Regelung im Jahr 2015 für alle Neuzulassungen verschärften sich die Abgasregeln. Derzeit gilt ein Grenzwert von maximal 80 Gramm Stickoxid auf 100 Kilometern für Diesel-Pkw.

Moderne Motoren können diese Vorgaben kaum erfüllen, da sie besonders viel Stickoxid ausstoßen. Da sie auf Effizienz getrimmt sind, sollen sie möglichst wenig Sprit verbrauchen. Das bedeutet: je magerer die Verbrennung, desto höher ist die Temperatur und desto stärker auch die Stickoxid-Bildung eines Diesel-Fahrzeuges. Eine Lösung, um den EU-Grenzwerten trotzdem zu entsprechen, ist der sogenannte "Selective Catalytic Reduction"(SRC)-Kat, der die giftigen Stickoxide von Dieselmotoren zu 90 Prozent auflöst.

Damit die Abgasreinigung im eingebauten SCR-Kat gemäß den EU-Abgasnormen funktioniert, benötigen moderne Diesel-Fahrzeuge den Zusatz AdBlue. Der Motor eines Dieselfahrzeugs würde zwar auch ohne AdBlue funktionieren, die Abgase wären dann aber um ein Vielfaches giftiger. Sowohl beim Kaltstart als auch bei der Reinigung des Dieselpartikelfilters werden durch AdBlue weniger Schadstoffe ausgestoßen.

Ein Liter reicht für rund 750 Kilometer

Das blaue Zaubermittel hat sich durchgesetzt. Mittlerweile fährt jedes zehnte Auto in Deutschland mit der Harnstofflösung. Der Markt ist abhängig: wird kein AdBlue mehr nachgefüllt, geht das Fahrzeug zwar im laufenden Betrieb nicht aus, sobald der Fahrer der Motor aber einmal ausschaltet, lässt er sich nicht mehr starten. "Betroffene Dieselfahrer könnten dann ohne das Abgasreinigungsmittel nicht mehr mit ihren Fahrzeugen fahren", heißt es vom Deutschen Automobilklub (ADAC).

AdBlue muss daher regelmäßig nachgefüllt werden. Ein Liter reicht nach Angaben des ADAC für etwa 750 Kilometer, je nach Auto und Motor kann die Angabe abweichen. Als Faustformel können sich Autofahrer daher merken, dass die eingesetzte Menge des Gemischs rund fünf Prozent des Spritverbrauchs ausmacht. Bei modernen Diesel-Fahrzeugen befindet sich der kleine Einfüllstutzen für AdBlue mit blauer Verschlussklappe hinter der Tankklappe. Bei Pkw, die nach der EU-Regelung 2007 gebaut wurden, findet sich der Einfüllstutzen oft auch im Kofferraum.

mje