Vorwurf der Diesel-Manipulation Opel wehrt sich mit vielen Technik-Details gegen Abgasvorwürfe

Brachte die Abgasdiskussion für Opel ins Rollen: Familienvan Zafira mit Dieselmotor

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Harte Vorwürfe verlangen ungewöhnliche Gegenmaßnahmen - nach dieser Devise handelt derzeit der Autohersteller Opel. Seit Wochen stehen die Rüsselsheimer am Pranger wegen auffällig hoher Abgaswerte ihres Minivans Zafira im Alltagsbetrieb. In den letzten Tagen hat sich die Lage für Opel nochmal deutlich zugespitzt: Wie "Der Spiegel", die ARD-Sendung "Monitor" und die "Deutsche Umwelthilfe" berichteten, schaltet sich das Abgasreinigungssystem beim Zafira-Dieselmotor noch häufiger ab als bislang von Opel zugegeben.

Verkehrsminister Dobrindt ist darüber nicht gerade erfreut. Nun muss Opel Software und Software-Details gegenüber dem Ministerium offenlegen. Zudem will die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Opel wegen Verbrauchertäuschung klagen.

Und Opel?

Der Autobauer wiederholt mantra-artig, dass man keine illegale Software einsetze und die Motoren Recht und Gesetz entsprechen. Nun wehren sich die Rüsselsheimer auf eher ungewöhnliche Weise: In einer äußerst umfangreichen Presseaussendung  zerpflücken sie die jüngsten Medienvorwürfe Punkt für Punkt.

Die ersten Sätze des Statements überraschen nicht: Die Anschuldigungen gegen Opel seien falsch, basierten auf "irreführenden, übermäßigen Vereinfachungen und Fehlinterpretationen" und berücksichtigen nicht die hochkomplexen Zusammenhänge einer modernen Diesel-Abgasreinigung. So weit, so voraussehbar.

Umschaltung mit Abschaltung verwechselt?

Doch erstmals äußert sich der Autohersteller auch zu Details der eigenen Motorsteuerung. Gleich 17.000 einstellbare Parameter beinhalten moderne Motorensteuerungssysteme, heißt es. Der von den Medien und der DUH beauftragte IT-Experte hatte die Motorsteuerung eines Zafira-Modells geknackt. Opel bezeichnet ihn als Hacker, auch sei es ihm nur gelungen, einzelne Parameter auszulesen. Daraus habe er laut Opel irreführende Rückschlüsse gezogen.

So schalte die Abgasreinigung nicht bei Drehzahlen über 2400 Touren ab, sondern das System wechsle nur in einen anderen Modus. Die Abgasreinigung "arbeitet auch bei höheren Motor-Drehzahlen weiter", schreibt Opel. Der Hacker habe die Umschaltung des Abgasreinigungssystems fälschlich als Abschaltung interpretiert.

Opel verspricht: Bald sind auch 1700 Meter Seehöhe kein Problem mehr

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Der IT-Experte fand zudem beim Auslesen der Parameter heraus, dass sich die Abgasreinigung bei Geschwindigkeiten über 145 km/h ebenso abschaltet wie bei niedrigem Luftdruck, wie er in Höhen ab 850 Metern Seehöhe vorkommt. Beides gibt Opel in Maßen zu, erklärt es allerdings gründlich mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten.

Über 145 km/h komme es im SCR-Katalysator zu Temperaturen über 400 Grad, heißt es in der Presseaussendung. Bei dieser Temperatur könne der Katalysator jedoch den per Adblue-Flüssigkeit zugeführten Ammoniak nicht mehr speichern. Es drohe Ammoniakaustritt aus dem Auspuff, deshalb werde bei Temperaturen über 400 Grad "die Adblue-Dosierung heruntergeregelt".

In größeren Höhen benötige der Motor ausreichend Sauerstoff, der aber in der Luft spärlicher vorhanden sei. Da bei niedrigem Luftdruck eine stärkere Verrußung der Abgasreinigungsanlage droht, wird diese offenbar abgeschaltet.

Die Opel-Erklärung ist an diesem Punkt nicht ganz eindeutig. Denn die Rüsselsheimer schreiben wörtlich: "Auch in größerer Höhe muss der Motor mit genügend Sauerstoff versorgt werden, um übermäßige Verrußung zu verhindern. Diese Maßnahme, den Motor zu schützen, ist ein geeigneter Mechanismus innerhalb des Systems". Künftig werde die Abgasreinigung so verbessert, dass sie bis zu einem Umgebungsdruck von 840 Millibar funktioniere, verspricht Opel. Das wären dann grob 1700 Meter Seehöhe.

Eine der wichtigsten Fragen bleibt offen

Bei einem weiteren, wiederholt erhobenen Vorwurf geht es dann schriftlich noch höher her. Laut der Darstellung in mehreren Medien schaltet sich Opels Abgasreinigungssystem bei Temperaturen unterhalb von +17 Grad Celsius ebenso ab wie bei Temperaturen über +33 Grad Celsius. Die DUH hatte deshalb behauptet, dass Opels Abgasreinigung zu 80 Prozent der Zeit nicht funktioniere. Das sei "grob falsch", heißt es in der Aussendung. Auch unterhalb von 17 Grad "bleibt die Abgasreinigung aktiv - aus physikalischen Gründen jedoch mit unterschiedlicher Stärke". Das hänge mit dem gesetzlich erlaubten Bauteilschutz zusammen.

Das wohl umfangreichste Dementi der jüngeren Automobilgeschichte  bringt ein paar frische Perspektiven in die Diskussion um Abschaltvorrichtungen ein - und auch ein paar physikalische Grundprinzipien, die in der bisherigen Debatte eher selten zum Vorschein kamen.

Doch eine der wichtigsten Fragen beantwortet Opel darin nicht: Bei vielen Konkurrenten regelt die Abgasreinigung erst ab Temperaturen unter 10 Grad herunter. BMW-Dieselmotoren fielen bei den Tests so gut wie gar nicht mit hohen Emissionswerten auf, funktionieren also in einem deutlich größeren Temperaturbereich. Warum die Diesel-Abgasreinigung beim Zafira offenbar mehr Einschränkungen benötigt als die Konkurrenz, schlüsselt Opel nicht auf. All das mag gesetzlich zulässig sein. Technisch vorbildlich ist es nicht.

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