Abgasskandal Die Luft wird dünn für Daimler

Dass nicht nur Volkswagen bei den Abgaswerten trickste, wird schon lange vermutet. Jetzt erhärtet sich offenbar auch der Verdacht der Staatsanwaltschaft gegen Mercedes. Die wichtigsten Fragen zur Daimler-Krise im Überblick.
Daimler-CEO Dieter Zetsche

Daimler-CEO Dieter Zetsche

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Warum ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Daimler?

Die Ermittler erheben den Verdacht, der Autohersteller habe fast ein Jahrzehnt lang Fahrzeuge mit einem unzulässig hohen Schadstoffausstoß verkauft, berichteten die "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR am Donnerstag. Das gehe aus einem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Stuttgart hervor, der Grundlage für eine Razzia vor wenigen Wochen bei Daimler und anderen Firmen gewesen sei. Insgesamt seien mehr als eine Million Fahrzeuge betroffen, die von 2008 bis 2016 in Europa und den USA verkauft worden seien.

Konkret gehe die Behörde demnach dem Verdacht nach, dass zwei Motorenreihen eine unzulässige Abschalteinrichtung enthielten. Damit sei die Schadstoffreinigung bei den offiziellen Messungen der Behörden auf einem Prüfstand ein- und auf der Straße weitgehend ausgeschaltet worden.

In einem Durchsuchungsbeschluss hieß es, Daimler habe die unzulässige Abschalteinrichtung entgegen den Vorschriften dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) als Genehmigungsbehörde nicht offengelegt. Die Autos und Kleintransporter mit den Sechs- und Vierzylindermotoren OM 642 und OM 651, die in verschiedenen Modellen des Konzerns mit unterschiedlichen Leistungsstufen verbaut werden, seien wegen der Abschalteinrichtungen auf dem europäischen Markt nicht zulassungsfähig gewesen.

Bereits Ende März hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart bekannt gegeben, Ermittlungen gegen Daimler aufgenommen zu haben.

Gab es bei Dieselautos von Mercedes bereits Auffälligkeiten?

Das Verkehrsministerium hatte infolge des VW-Abgasskandals 53 Dieselmodelle verschiedener Marken auf ihren Stickoxidausstoß testen lassen. Bei diesen Nachmessungen waren etwa die Hälfte aller Fahrzeuge auffällig - darunter auch Autos des Daimler-Konzerns wie die Mercedes V-Klasse mit 2,1-Liter-Motor, aber auch Massenmodelle wie A- oder B-Klasse mit 1,5-Liter-Motor.

Im Zuge dessen mussten mehrere deutsche Hersteller 630.000 Autos in Europa zurückrufen, es handelte sich dabei um einen sogenannten freiwilligen Rückruf. 250.000 Mercedes-Autos waren betroffen, bei vielen Fahrzeugen hatte der Hersteller die Abgasreinigung so eingestellt, dass sie erst ab bestimmten Außentemperaturen arbeitete - häufig erst oberhalb von zehn Grad.

Immer wieder waren Daimler-Modelle bei Messungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) auffällig, zuletzt bei einem Test bei winterlichen Temperaturen. Im realen Straßenbetrieb bei minus fünf bis plus 16 Grad stammten zwei der drei größten Abgassünder von Daimler: die Mercedes B-Klasse 180 d und der Mercedes C220 d. 16 Fahrzeuge wurden insgesamt auf ihren Stickoxidausstoß untersucht.

Daimler hatte zuletzt massiv in saubere Dieseltechnologie investiert. So schnitt beim Wintertest der DUH die Mercedes E-Klasse 200d der neuen Motorengeneration (654) zusammen mit einem Audi A5 2.0 TDI am besten ab. Sie unterschritten den gesetzlich vorgeschriebenen EU-Grenzwert von 80 mg NOx/km mit 43 beziehungsweise 40 Milligramm deutlich. Ein Beleg, dass eine wirksame Abgasreinigung auch bei winterlichen Temperaturen möglich ist.

Was der Daimler-Konzern zu den Vorwürfen sagt

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Volkswagen: Dirty Diesel - die Chronik der Ereignisse im VW-Abgasskandal

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"Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen", sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche kurz nach Bekanntwerden des Abgasbetrugs von VW im September 2015. Er fügte damals hinzu, dass eine "unzulässige" Abschalteinrichtung bei der Abgasnachbehandlung von Dieselmotoren "bei Mercedes-Benz nicht zum Einsatz" komme. An diesen Worten  wird sich Zetsche messen lassen müssen.

Zum laufenden Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart gibt es nur die in solchen Fällen übliche Standardantwort einer Unternehmenssprecherin: "Wir kooperieren vollumfänglich mit den Behörden. Spekulationen kommentieren wir nicht."

Mercedes-Benz-Sterne im Werk in Sindelfingen (Archiv)

Mercedes-Benz-Sterne im Werk in Sindelfingen (Archiv)

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Wie unterscheidet sich der Fall Daimler bisher vom Abgasbetrug von VW?

Mercedes rechtfertigt die oben erwähnten "Thermofenster", in denen die Abgasnachbehandlung ab einer bestimmten Temperaturgrenze heruntergeregelt wird, mit dem Motorschutz. Das EU-Gesetz ist hier tatsächlich schwammig formuliert und gibt den Herstellern erheblichen Spielraum. Ob Daimler diesen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft überreizt hat oder aber weitere Abschaltvorrichtungen entdeckt wurden, ist noch unklar.

VW hatte dagegen zugegeben, eine Betrugssoftware benutzt zu haben. Diese sorgte dafür, dass bei Normtests die Abgasnachbehandlung so funktionierte, dass die Stickoxidgrenzwerte eingehalten wurden. Wurden die Wagen jedoch frei auf der Straße bewegt, schaltete das System die Reinigung ab und machte die Dieselautos zu Dreckschleudern.

Letztendlich geht es dabei auch um juristische Spitzfindigkeiten. Selbst VW behauptet mittlerweile dreist, in Europa keine Betrugssoftware verwendet zu haben - wohl, um milliardenschwere Schadensersatzklagen wie in den USA verhindern zu wollen.

Welche Konsequenzen könnten die Ermittlungen für Daimler haben?

Dass betroffenen Fahrzeugen die Zulassung entzogen wird, ist eher unwahrscheinlich: Das KBA sehe bislang keinen Anlass dafür. Wahrscheinlicher ist ein Rückruf für die entsprechenden Modelle.

Nach Bekanntwerden der neuen Details zur Abgasaffäre geriet die Daimler-Aktie jedoch unter Druck. Schon am Mittwochabend verlor sie 2,5 Prozent nachbörslich - ein Zeichen, dass die neue Entwicklung am Aktienmarkt ernst genommen wird. Daimler selbst hatte bereits in seinem jüngsten Quartalsbericht vor etwaigen Folgen der Ermittlungen gewarnt. Im Falle eines "nachteiligen Ausgangs dieser Ermittlungen" könnten erhebliche Geldstrafen, sonstige Sanktionen oder Rückrufaktionen drohen. In den USA haben Käufer von Mercedes-Diesel-Pkw den Autobauer bereits auf Schadensersatz verklagt.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat nach den neuen Berichten Verantwortliche von Mercedes einbestellt. Die Vertreter seien für Donnerstagnachmittag in die Untersuchungskommission zur Aufarbeitung des Abgasskandals geladen worden, sagte Dobrindt. Sein Ministerium in Berlin bestätigte die Planung einer Sondersitzung, um den Vorwürfen nachzugehen. "Wir werden sehen, was da herauskommt", meinte Dobrindt.

Warum die Autohersteller selbst eine Umrüstung befürworten

Wie soll das Abgasproblem der Dieselautos gelöst werden?

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Diese Frage soll unter anderem auf dem sogenannten Nationalen Forum Diesel geklärt werden. Bei diesem Treffen kommen am 2. August Vertreter aus Politik und Industrie zusammen, um über Maßnahmen zu beraten. Im Zentrum steht dabei eine Nachrüstlösung von Dieselautos mit Euro-5-Norm: Durch ein Software-Update bei den Motoren sollen die NOx-Emissionen um ein Vielfaches verringert werden.

Die deutschen Automobilhersteller befürworten die Umrüstung - und das ist erst einmal verwunderlich: Denn sie hätte zur Folge, dass eine gigantische Zahl von Autos in die Werkstätten geordert werden müsste. Alleine in Deutschland ist von 13 Millionen betroffenen Dieselfahrzeugen die Rede. Zum Vergleich: Im VW-Abgasskandal waren elf Millionen Autos betroffen - weltweit. Warum also lassen sich die Konzerne auf eine Rückrufaktion ein, die Kosten in Milliardenhöhe für sie bedeuten würde?

Die Antwort ist einfach: Um dem Dieselantrieb die Zukunft nicht komplett zu verbauen, bleibt kaum eine andere Wahl. Denn die Alternative wären zum Beispiel Fahrverbote für Selbstzünder in Innenstädten, so wie sie unter anderem in Stuttgart, München und Hamburg geplant sind. Dort werden die Grenzwerte für die NOx-Belastung regelmäßig gerissen, weshalb auf Druck der EU etwas gegen die Luftverschmutzung unternommen werden muss. "Wir meinen, es gibt intelligentere Optionen als Fahrverbote", sagte BMW-Chef Harald Krüger vor Kurzem - und sprach dabei für die ganze Branche. Was allein die Androhung einer Aussperrung älterer Dieselautos bewirkt, haben die Hersteller nämlich bereits zu spüren bekommen: Die Verkaufszahlen der Selbstzünder sinken.

Das ist für Mercedes, BMW, VW und viele andere Marken vor allem auch deshalb dramatisch, weil somit das Erreichen der CO2-Grenzwerte schwierig wird. Dieselautos verbrauchen im Vergleich zu Benzinern weniger Sprit, stoßen also auch weniger Kohlenstoffdioxid aus. Je geringer die Diesel-Quote bei den Herstellern, desto größer die Gefahr, dass der durchschnittliche Flottenverbrauch zu hoch ist und Strafzahlungen geleistet werden müssen.

Die deutsche Automobilindustrie plädiert vor dem Diesel-Gipfel am 2. August deshalb sogar für eine Nachrüstung älterer Autos in ganz Europa. "Es wird keine Stuttgarter Lösung geben, auch keine deutsche Lösung, sondern es wird ein europäisches Vorgehen erforderlich sein", sagte Dieter Zetsche am Rande einer Veranstaltung, wie das "Handelsblatt"  (HB) und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) berichten. Wie diese europäische Lösung aussehen könnte, dazu wollte sich Zetsche nicht äußern. Auch BMW und Volkswagen wollten dies nicht weiter kommentieren, wie das "HB" schreibt. Laut den Berichten habe es lediglich das "Grundverständnis" gegeben, dass "etwas getan werden müsse", um den "Flurschaden" in Sachen Diesel nicht noch größer werden zu lassen.

Genau in diesen vagen Versprechen liegen aber die beiden Hauptprobleme der Hersteller: Erstens ist noch unklar, ob die Autobauer die Kosten für die Umrüstung alleine tragen oder Kunden und Steuerzahler die Zeche zahlen. Noch komplizierter ist allerdings das zweite Problem: Dass ein vergleichsweise preiswertes Software-Update ausreicht, um den Diesel sauberer zu machen, wird nämlich von vielen Experten angezweifelt. Dazu seien schon teurere Umbauten nötig, von denen nicht mal bekannt ist, ob sie überhaupt möglich sind.

Schlimmstenfalls einigen sich Politik und Industrie also auf eine Alibilösung, die hohe Kosten und viel Aufwand verursacht und trotzdem keine ausreichende Verbesserung bringt.

mhu/cst/dpa