BMW-Managerin Andree Allein unter Alphatieren

Sie ist eine Frau, sie entstammt nicht der BMW-Kaderschmiede, sondern dem eher bodenständigen Bahn- und Logistikgeschäft, sie hat spanische Wurzeln und offenbar preußische Disziplin. Milagros Caiña-Carreiro-Andree muss im Vorstand von BMW ihren Part noch finden.
Von Cornelia Knust
Begeisterte BMW-Fahrerin: Milagros Caiña-Carreiro-Andree

Begeisterte BMW-Fahrerin: Milagros Caiña-Carreiro-Andree

Foto: BMW

München - Die Dame friert. Beim "Flying Buffet" mit Journalisten in der Münchner BMW-Welt behält die Vorständin zunächst den Mantel an. Das ist ja auch eine kalte Glitzerwelt, hier, in dieser Kathedrale des Auto-Designs, in der alles auf Effekt getrimmt ist und es nur im Hintergrund ganz leicht nach Gummi riecht.

Aber zugeknöpft ist sie gar nicht, die 50 Jahre alte Spanierin von zierlicher Gestalt und natürlichem Auftreten. Man kommt leicht mit ihr ins Gespräch - und doch schwer an sie heran. Mit dieser freundlich-unterkühlten Art sich nicht in die Karten schauen zu lassen, passt sie schon einmal ganz gut zu dem Münchner Autokonzern.

Seit dem 1. Juli 2012 ist Milagros Caiña-Carreiro-Andree Vorstandsmitglied für Personal bei BMW, zuständig für 106.000 Mitarbeiter verteilt in der ganzen Welt, vom Werker am Band, über den Ingenieur bis zur Führungskraft. "Wunder" bedeute ihr Vorname auf Spanisch, sagt sie. Die ersten beiden Nachnamen stammen, wie in Spanien üblich, von Vater und Mutter, der Dritte von ihrem Mann Werner Andree, seit 2001 Vorstandssprecher des Bahntechnikzulieferers Vossloh in Werdohl im Sauerland.

"Ich als Spanierin" - dieser Satz fällt durchaus im Gespräch mit Frau Andree, wie sie sich abgekürzt vorstellt. Dabei ist sie schon als Dreijährige nach Deutschland gekommen, hat in Menden im Sauerland Abitur gemacht und dann eine Lehre zur Industriekauffrau bei Vossloh. Berufsbegleitend studierte sie BWL und schickte sich danach an, eine steile Personaler-Karriere zu machen: bei Vossloh, dann in der Führungskräftebetreuung der Deutschen Bahn, schließlich als Personalvorstand der Bahntochter Schenker (60.000 Mitarbeiter). Einen ganz und gar deutschen Lebenslauf hat sie also und gibt sich auch nicht betont polyglott, sondern verweist auf ihre fachliche Erfahrung.

Eine deutsche Karriere

Schwarzes Kostüm, das dunkle Harr streng geknotet, etwas Goldschmuck, schlichtes Make-up - die Vorständin spielt das Weibliche nicht in den Vordergrund. Im Gegenteil: Wenn man sie auf ihre Rolle als "Leuchtturm" im Unternehmen anspricht oder ihre Pläne, die Macht der Frauen in diesem Männerkonzern zu stärken, reagiert sie äußerst schmallippig.

Die strikte Gegnerin der Frauenquote lässt lieber unter den Tisch fallen, dass ihre Ernennung 2012 am Weltfrauentag bekannt gegeben wurde. Sie wiederholt die eher bescheidenen Zielvorgaben des Konzerns zum Frauenanteil in Führungspositionen: 15 bis 17 Prozent bis 2020. Die stammen von ihrem Vorgänger Harald Krüger, der jetzt im Vorstand für die Marke Mini zuständig ist und bald Produktionschef wird.

Wie er wiederholt Andree das Mantra von der Diversity, wonach nicht nur Frauen die Mischung machen, sondern auch ältere Menschen und Mitarbeiter aus dem Ausland. Wie er beklagt sie die geringe Absolventinnenzahl in technischen Studiengängen und Berufen, preist das wieder neu aufgelegte Trainee-Programm mit schon 35 Prozent Frauenanteil, betont die Notwendigkeit von flexiblen Arbeitszeiten und Kinderbetreuung - Dinge, an denen man nicht vorbeikomme, "auch wenn sie nicht in die originäre Verantwortung einer Aktiengesellschaft gehören".

Die Fiz-Strolche allerdings sahen sie sofort als zuständig an. Die Kinder der Kita im Forschungs- und Entwicklungszentrum (Fiz) des Autokonzerns wollten ihr zehnjähriges Jubiläum Anfang Oktober 2012 nicht ohne Frau Andree feiern und malten ihr eine farbenfrohe Einladung. Zwei männliche Ingenieure hätten ihr daraufhin erläutert, worum es sich da handele, sagt sie; sie sei dann auch hingegangen.

Gegen den Strom

Sie habe gute Leute in ihrem Bereich, heißt es in Aufsichtsratskreisen eher gönnerhaft über die bisherige Arbeit der Vorstandsfrau. Es werde wohl noch eine Weile dauern, bis sie mit ihrer eher mittelständischen Prägung einen Autokonzern wie BMW vollumfänglich verstanden habe und richtig auf die Leute zugehe.

Sie selber bezeichnet die Arbeitsatmosphäre als kollegial und herausfordernd. BMW sei nun einmal ein Hochleistungsunternehmen, in dem die Menschen für ihre Aufgabe brennen und stets ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen wollen. Sie würdigt auch die deutsche Ingenieurskunst, Tugenden wie Innovation und Präzision, und erzählt von Ihrer Probefahrt mit dem neuen BMW-Elektroauto i3 auf einer Teststrecke in München-Aschheim. "Das ist der Vorteil, wenn Sie Vorstand sind", sagt sie über diese exklusive Testfahrt, und ihre Augen leuchten plötzlich begeistert auf. Auch auf früheren Stufen ihrer Karriere will sie stets BMW gefahren sein.

Wo wird sie Akzente setzen? BMW gilt schon jetzt als beliebtester Arbeitgeber, stellt unentwegt Personal ein, hat bestens ausgelastete Werke und baut dauernd neue, verteilt Arbeitnehmerprämien mit dem Füllhorn, bezahlt die Vorstände mit Augenmaß und erledigt die durchaus harten Verhandlungen mit dem Tarifpartner meist geräuschlos.

Die für die Branche wegweisende Flexibilisierungsvereinbarung mit dem Betriebsrat, einschließlich Leiharbeiterquote, um die jahrelang gerungen worden war, musste Frau Andree bei Amtsantritt nur noch fertig verhandeln und Ende September unterschreiben. Das Modell gibt schon einmal viel Luft für die nahenden unsicheren Jahre, mit volatilen Märkten in Europa, Preiskampf in Asien und dem ungewissen Erfolg der Elektrostrategie. Die Gefahr, als Personalchefin unangenehme Themen behandeln zu müssen, scheint erst einmal nicht sehr groß.

Nur noch 15 Prozent vom Absatz in Deutschland

"Die Strategie ist richtig und vollständig", beschreibt Frau Andree das, was sie letztes Jahr im Personalressort vorgefunden hat. Allerdings bewege sich diese Strategie auf einem hohen Abstraktionsniveau. Ihr Part ist jetzt wohl die Umsetzung. Denn dass aus dem noblen Premiumhersteller und Familienunternehmen BMW in schwindelerregendem Tempo ein Weltkonzern geworden ist, der nur noch 15 Prozent seines Geschäfts in Deutschland macht, stellt die Abteilung Human Resources vor große Herausforderungen.

"Gegenstromprinzip" - dieses Schlagwort nennt Frau Andree. Sie will nicht nur Talente in aller Welt aufspüren und an das Unternehmen binden, sie will BMW auch öffnen für die Befindlichkeiten dieser Welt und gegenläufige Einflüsse zulassen. Wie genau, dazu sagt sie vorerst nichts.

Als sich die zierliche Frau für diesen Abend verabschiedet, ihren gefütterten Mantel wieder anlegt und am BMW-Doppelkegel vorbei in die Nacht verschwindet, kommt einem der Gedanke: Es könnte ein hartes Stück Arbeit werden, in einem so stolzen, von Corpsgeist durchdrungenen Unternehmen wie BMW, gegen den Strom schwimmen zu wollen.

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