Automobilindustrie Wachsende Kluft zwischen Nord und Süd

Europas Norden lässt den Süden hinter sich: Das gilt auch für die Autobranche. Für Deutschlands Autokonzerne war 2012 ein Rekordjahr, Frankreichs Firmen mussten dagegen die Oberklassefertigung einstellen. Doch nun drohen auch den deutschen Firmen Rückschläge.
Von Wilfried Eckl-Dorna und Karsten Stumm
VW-Autos vor der Verschiffung: Volkswagen profitiert davon, dass der Konzern früh und massiv in Märkte außerhalb Europas investierte

VW-Autos vor der Verschiffung: Volkswagen profitiert davon, dass der Konzern früh und massiv in Märkte außerhalb Europas investierte

Foto: REUTERS

Hamburg - Es war ein Bericht der für Aufsehen sorgte, und einer, der Beklemmung auslöste. In Europa, so hat EU-Sozialkommissar jüngst berichtet, habe sich eine "neue Kluft" aufgetan. Während der Süden und Osten Europas in Arbeitslosigkeit versinken und das Armutsrisiko erheblich gestiegen ist, stehen die Menschen in den Nordländern trotz Krise gut da. Genau solch eine Teilung in einen prosperierenden Norden und einen leidenden Süden zeigt sich jetzt auch in einer wirtschaftlichen Schlüsselbranche Europas: der Autoindustrie.

Die Nordvertreter, darunter viele deutschen Autokonzerne, haben in 2012 ein Rekordjahr gestemmt, die Südproduzenten aus Frankreich und Italien dagegen sind noch weiter zurückgefallen. Die Teilung Europas schreitet voran - und die Kluft wächst.

So können Deutschlands Nobelmarken auf ein Rekordjahr zurückblicken. BMW hat 2012 weltweit 1,54 Millionen Fahrzeuge verkauft, um 11,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Die VW-Tochter Audi steigerte ihre Verkäufe ebenfalls um mehr als 11 Prozent auf 1,46 Millionen Fahrzeuge, Daimlers Kernmarke Mercedes-Benz lieferte 2012 zwar weltweit 1,32 Millionen Fahrzeuge aus - doch die Schwaben schwächeln in China. Dennoch steuern alle drei Hersteller auf neue Bestmarken bei Umsatz und Gewinn zu.

Auch Europas größter Autohersteller Volkswagen steht vor einem neuen Absatzrekord. Von Januar bis November 2012 lieferte Volkswagen weltweit 8,3 Millionen Pkw aus - und stellte damit den Rekord des Jahres 2011 ein.

Horrorjahr für Peugeot, Renault und Fiat

Die Autohersteller in Frankreich und Italien hingegen gehen durch ein Tal der Tränen. Die weltweiten Verkäufe von Europas zweitgrößtem Automobilhersteller PSA Peugeot Citroen sanken im vergangenen Jahr um 17 Prozent auf weniger als drei Millionen Fahrzeuge. Renault musste in Europa bis Ende November einen Absatzrückgang von 19 Prozent verkraften. Das schmerzt, denn Europa ist prozentuell nach wie vor der weitaus größte Markt der Franzosen. Bei der italienischen Fiat-Gruppe sind die Absatzrückgänge so gravierend, dass Fiat-Chef Sergio Marchionne die Investitionen deutlich zurückfährt und seit Monaten über die Schließung von Werken sinniert. .

Dass die deutschen Hersteller die Absatzeinbrüche in Südeuropa vergleichsweise gut wegstecken, haben sie ihrem Auslandsengagement zu verdanken. Denn viel früher als Südeuropas Autohersteller haben sie viel Geld in China investiert - und rechtzeitig ihre Werke in den USA ausgebaut. Das Wachstum außerhalb Europas gleicht nun die schwachen Verkaufszahlen auf den Stammmärkten mehr als aus.

Und noch etwas haben die Deutschen viel früher als ihre südlichen Konkurrenten erkannt: In den letzten Jahren haben Daimler, BMW und Co. viel Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt. In den einschlägigen Innovationsrankings belegen deutsche Marken deshalb die Spitzenplätze - während Peugeot, Renault und Fiat auch in diesem Bereich zurückfallen. In der Liste der 50 innovativsten Konzerne, die die Unternehmensberatung Boston Consulting Group jüngst veröffentlicht hat, ist Renault auf Platz 34 vertreten - Peugeot und Fiat schaffen es nicht mal unter die Top 50. BMW und Audi zählen hingegen zu den 25 innovativsten Unternehmen 2012.

Da passt es auch ins Bild, dass Citroen kürzlich die Herstellung seines Modells C6 aufgegeben hat. Die französische Automobilindustrie hat sich damit komplett aus der Oberklasse verabschiedet. Dabei lässt sich gerade mit teuren, luxuriösen Modellen in China und Russland viel Geld verdienen, wie die Geschäftszahlen von BMW, Audi und Mercedes zeigen.

Franzosen und Italiener sind spät dran

Stark sind die Franzosen und Italiener nur in einem Bereich: Vergleichsweise günstige Autos zu bauen. Der Erfolg der Renault-Marke Dacia zeigt, dass sich damit auch gut Geld verdienen lässt. Doch bei der Internationalisierung ihrer Produktion liegen Peugeot, Renault und Fiat deutlich hinter den Deutschen.

Das könnte sich in absehbarer Zeit ändern. PSA Peugeot Citroen etwa will Teile seiner Produktion in Schwellenländer verlagern. Doch während deutsche Autohersteller ihre Werke im Ausland zusätzlich zu den bestehenden Fabriken in Deutschland aufbauten, fürchten die Franzosen eine Verlagerung von Arbeitsplätzen. Die französische Regionalzeitung "L'Alsace" (Mulhouse) kommentierte die Betriebsverlagerungen europäischer Unternehmen nach Asien und Südamerika kritisch.

"Der französische Autobauer Peugeot-Citroën (PSA) setzt auf die fünf aufstrebenden Länder Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika", schrieb die Zeitung. "Unsere Unternehmer brechen in die Ferne auf, wie zu den Zeiten von Christoph Kolumbus, der den Handel Europas mit Asien verbessern wollte und dabei Amerika entdeckte. Dies besagt nichts Gutes für Arbeitsplätze und Kaufkraft bei uns. Die Europäer können sich nicht mehr damit begnügen, ihre Produkte zu exportieren. Sie werden dazu übergehen, sie in der Nähe dieser vielversprechenden Märkte auch herzustellen."

Dabei bleibt gerade PSA kaum eine andere Wahl. Denn das Jahr 2013 wird in Europa mehr als schwierig werden. Die Lage auf den Automärkten in Italien, Spanien und Frankreich - wo die Neuzulassungen um bis zu 20 Prozent eingebrochen sind - dürfte sich kaum ändern, die Eurozone bleibt wohl länger in der Rezession. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht die europäische Autoindustrie und vor allem Südeuropa vor der "größten Belastungsprobe seit dem zweiten Weltkrieg".

2013 wird zum Belastungstest - auch für die Deutschen

Diese Entwicklung dürfte die Kluft zwischen den Autoherstellern im Norden und Süden noch verstärken. Volkswagen etwa will bis 2015 50 Milliarden Euro in neue Fabriken und Modelle stecken, die Hälfte davon soll in Deutschland investiert werden. Für den Kampf um Marktanteile ist VW damit gut gerüstet.

Dagegen müssen Peugeot und Fiat eisern sparen - und Werke schließen, um ihre Überkapazitäten in den Griff zu bekommen. Stefan Bratzel, der Leiter des Center auf Automotive Management an der Fachhochschule Bergisch Gladbach, prognostiziert für Europas Automarkt in diesem Jahr einen Rückgang von 3 Prozent auf 11,4 Millionen Pkw. "Die Polarisierung in Gewinner und Verlierer nimmt in den letzten Jahren deutlich zu", meint Bratzel.

Doch selbst für erfolgsverwöhnten deutschen Autohersteller wird dieses Jahr alles andere als einfach. Volkswagen-Chef Martin Winterkorn etwa warnte bereits mehrfach vor einem herausfordernden Marktumfeld für 2013. Unsicherheiten gibt es auch in China: Im Reich der Mitte lahmte der Autoabsatz in den letzten Monaten deutlich. Doch nun scheint die chinesische Wirtschaft wieder stärker zu wachsen. Russlands Automarkt wird 2013 nur schwach zulegen. Trotz allem demonstrativen Optimismus könnten sich auch die Deutschen Marken in diesem Jahr blutige Nasen holen.

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