Branchenprognose bis 2025 Asien wird zum dominanten Autoriesen

Der rasante Aufstieg Chinas verschiebt die Gewichte in der Automobilindustrie: Im Jahr 2025 wird jedes zweite Auto weltweit in Asien produziert, zeigt eine neue Studie. Europa kann seine Vormachtsstellung zumindest in einem Bereich halten.
Auto Show in Peking: Der Markt kommt in Fahrt

Auto Show in Peking: Der Markt kommt in Fahrt

Foto: REUTERS

Hamburg - Verkaufsrückgänge in Europa, Zuwächse in den USA, abebbender Boom in China: In der Automobilindustrie ist derzeit vieles in Bewegung. Hersteller investieren Milliarden in neue Werke in Schwellenländern und stecken hohe Summen in die Entwicklung sparsamer Motoren. Gleichzeitig bringen sie Elektroautos auf den Markt und bereiten die Einführung von Brennstoffzellenfahrzeugen vor - ohne zu wissen, welche Technologie sich durchsetzt.

"Der technologische Wandel, den wir gerade miterleben, ist ohne Gleichen", sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche vor einigen Monaten in einem Interview. Wie massiv sich die Automobilindustrie in den kommenden Jahren verändert, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA), die manager magazin online exklusiv vorliegt.

In den nächsten dreizehn Jahren wird die Automobilindustrie jährlich um rund drei Prozent wachsen, prognostiziert die Studie "FAST 2025 - Future Automotive Industry Structure". Die weltweite Wertschöpfung der Branche exklusive Ersatzteilmarkt steigt von 840 Milliarden Euro in diesem Jahr auf 1,25 Billionen Euro im Jahr 2025.

Doch die Autofabriken der Zukunft stehen in Asien, das zur dominanten Automobilregion wird. Getrieben wird das Wachstum vor allem durch China und Indien - das Reich der Mitte wird mit rund 300 Milliarden Euro Wertschöpfung seine Vormachtsstellung als weltgrößter Autoproduzent ausbauen.

Europa bleibt bei Forschung und Entwicklung stark

"Mit China gibt es einen sehr großen neuen Markt, der erst in den letzten vier Jahren so richtig entstanden ist", sagt Studienleiter Lars Stolz zu manager magazin online. Im Jahr 2005 liefen in China noch 5,2 Millionen Fahrzeuge vom Band, im vergangenen Jahr waren es bereits mehr als 17 Millionen. Die großen Automobilhersteller aus Nordamerika, Europa, Japan und Südkorea haben die Chance ergriffen und diesen Markt besetzt. "Damit wird das Spiel globaler", meint Stolz. In diesem Jahr rollen ein Viertel aller weltweit gefertigten Fahrzeuge aus chinesischen Autofabriken - das Land ist damit der größte Autoproduktionsstandort der Welt.

Doch eines zeigt die Studie, für die 140 Interviews mit Automanagern geführt wurden, ebenfalls deutlich. Europa behält bis zum Jahr 2025 seine Vormachtstellung bei Forschung und Entwicklung. "Es hat uns überrascht, wie stark Europa bleibt", sagt Stolz.

In Europa finde nach wie vor viel Wertentwicklung statt, zudem werden hier teure Autos gebaut. Eine Verschiebung nach China und Indien werde es geben, aber diese komme viel später als oft befürchtet. Innerhalb Europas könne es zwar zu Verschiebungen von Produktionskapazitäten kommen - etwa in den Osten, wo der Automarkt stärker wächst. Doch deutsche Standorte können sich behaupten, wenn sie wettbewerbsfähige Kosten haben.

Bei der schieren Zahl der produzierten Autos verstärkt sich in den nächsten Jahren die Dominanz Asiens deutlich. Mehr als die Hälfte aller Automobile werden 2025 in Asien produziert, die Wachstumsraten liegen bei jährlich etwa fünf Prozent. In den nächsten 13 Jahren wird sich der Automobilabsatz in China von derzeit 19 Millionen Fahrzeugen nahezu verdoppeln. Indien schließt auf das Niveau von Nordamerika auf, das derzeit bei rund 13 Millionen jährlich verkaufter Fahrzeugen liegt.

Das Umfeld in der Branche wird rauer

Neben dieser regionalen Verschiebung haben die Studienautoren noch fünf weitere Trends ausgemacht, durch die sich die Automobilindustrie fundamental verändert. Zum einen steigt Komplexität in der Branche. Hersteller versuchen heute, auch ausgefallene Kundenbedürfnisse zu bedienen. Anfang der 1990er-Jahre kamen Mercedes oder BMW je mit sieben bis acht Modellen aus. Heute sind es bereits dreimal so viele. Kein Wunder, dass die deutschen Autohersteller auf Modulbaukästen setzen, um die Entwicklung neuer Modelle zu vereinfachen.

Ein weiterer Trend ist ein Umsteuern der Automobilhersteller im Bereich Innovationen: Künftig geht es weniger darum, Autos noch komfortabler oder sicherer zu machen. Kunden in etablierten Märkten und auch in Schwellenländern wollen effiziente und umweltverträgliche Fahrzeuge - was oft auch von der Gesetzgebung forciert wird. Hersteller müssen dem Rechnung tragen. In den kommenden Jahren werden deshalb Leichtbau und Motorenoptimierung eine wichtigere Rolle als bisher spielen.

Bei den Kosten stecken die Zulieferer in der Klemme, die den Kostendruck nur weitergereicht bekommen. Die Kosten für neue Antriebstechnologien sind hoch, lassen sich von den Herstellern aber kaum an die Kunden weitergeben. Denn die wünschen sich höherwertige Fahrzeuge, für die sie aber nicht mehr als bisher bezahlen wollen. Zudem werden die gesetzlichen Vorgaben strenger und das Angebot an günstigen Lowcost-Fahrzeugen wächst. "Die Globalisierung, die großen Neuerungen bei Technologien und der wachsende Anteil günstigerer Fahrzeuge bringen der Branche gehörigen Kostendruck ein", drückt es Studienleiter Stolz aus.

Die stärkere Vernetzung von Fahrzeugen sieht Oliver Wyman als weiteren Trend. Bereits 2016 können 80 Prozent aller Neufahrzeuge als "Connected Cars" untereinander und via Internet Daten austauschen. Das eröffnet der Branche neue Geschäftschancen: So könnten Autohersteller die von ihren Kunden übermittelten Verkehrsdaten etwa für neue Dienste nutzen. Doch gleichzeitig müssen sich die Autohersteller mit neuen Konkurrenten, etwa aus der IT-Branche, herumschlagen.

Zulieferer erhalten mehr Aufträge - wenn sie mitgehen

Zudem rechnen die Unternehmensberater damit, dass die Volatilität sich künftig noch verstärken könnte. Unternehmen müssen sich deshalb auf regionale oder globale Absatzkrisen einstellen - und sich für kurzfristige, starke Absatzschwankungen rüsten.

Für die Automobilzulieferer ergeben sich aus diesen Entwicklungen durchaus Chancen. Die Hersteller werden in den kommenden Jahren Forschungsaufgaben und Fertigungstätigkeiten stärker als bisher auslagern, heißt es in der Studie. Besonders gefragt sind bis 2025 Entwicklungsdienstleister - speziell im Bereich Forschung. Im Bereich Produktion werden die Zulieferer ihren Wertschöpfungsanteil auf 71 Prozent erhöhen, prognostizieren die Studienautoren.

Das bietet Zulieferern durchaus die Möglichkeit zu höheren Umsätzen. Aber gleichzeitig ist es eine große Herausforderung, sagt Studienautor Stolz. Denn um mitzuhalten, müssen sie expandieren und gleichzeitig viel Investieren. "Das stellt einige deutsche Mittelständler schon vor ziemlich hohe Anstrengungen", räumt Stolz ein. Um sich global richtig aufzustellen, müssen sie aus ihrer mittelständischen Rolle herauswachsen. Bei kleineren Zulieferern gibt es oft nur eine begrenzte Anzahl an Managern, die ein Geschäft in einem neuen Markt aufbauen können.

Zudem müssen die Zulieferer die Trends der Branche kennen - und sich entsprechend in Wachstumsfeldern positionieren. Für kleinere Zulieferer ist das aber nicht unbedingt der Bereich Elektromobilität. Denn hier werde sich noch vieles ändern, sagt Stolz. Das kann das Thema für kleinere Zulieferer sehr riskant machen. Sicherer seien die Bereiche Leichtbau und Vernetzung von Fahrzeugen. "Dienstleistungen, die gemeinsam mit der Hardware angeboten werden, sind sicherlich ein weiteres Wachstumsfeld", sagt Stolz.

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