Branchenbeben Autofirmen fürchten heftigste Krise seit Jahrzehnten

Erst erschütterte die Schuldenkrise die Südstaaten der EU, jetzt greift sie über und entsetzt Autoriesen wie Fiat und Ford: Sie bekommen ihre Fahrzeuge nicht mehr verkauft. Droht Europa nun ein bitterer Auslesewettbewerb - und gehen Zehntausende Jobs verloren?
Von Karsten Stumm
Unverkaufte Fiat "500 TwinAir" in Turin: Autohersteller driften in Europa-Krise

Unverkaufte Fiat "500 TwinAir" in Turin: Autohersteller driften in Europa-Krise

Foto: dapd

Hamburg - Es sind Zahlen wie diese, die Automanagern weltweit mehr als nur kleine Sorgen bereiten: Minus 7,5 Prozent neu zugelassene Autos in der Europäischen Union im Juli dieses Jahres, im August betrug das Minus verglichen mit dem Vorjahr bereits 8,9 Prozent nach Angaben von Autoherstellerverbänden. Und selbst dieser heftige Rücksetzer übertüncht noch das Ausmaß der Verkaufseinbrüche in manchen besonders betroffenen Staaten der EU: In Italien beispielsweise ging es im August um 20,2 Prozent nach unten, in Portugal um 33 Prozent und in Griechenland um knapp 47 Prozent.

Solch teils dramatischer Rückgang ist für manche Hersteller jetzt nicht mehr ohne weiteres zu verkraften. Europa droht ein Autokrieg - und manchen Beschäftigten in der Branche zugleich Entlassungen.

Der US-Autoriese Ford  beispielsweise will nach eigenen Angaben etliche hundert Stellen streichen. Für Angestellte in Deutschland, Großbritannien und dem restlichen Europa sei ein Abfindungsprogramm aufgelegt worden, teilte Ford mit. Von den Kürzungen seien auch befristete Arbeitsverhältnisse und einige ausgegliederte Dienstleistungen betroffen. Grund für den harten Tritt auf die Bremse: "Das zerbröckelnden Umfeld in Europa", sagen Ford-Manager selbst zu ihrer Entscheidung. Die martialische Wortwahl kommt nicht von ungefähr: Ford rechnet im Europa-Geschäft im laufenden Jahr mit einem Verlust von mehr als einer Milliarde Dollar. Schon im zweiten Quartal musste der Konzern Einbußen von 404 Milliarden Dollar hinnehmen. Und Ford wird kein Einzelfall mit Verlusten bleiben.

Autoexperte Dudenhöffer: "Mindestens drei schwere Jahre"

"Der europäischen Autoindustrie stehen mindestens drei schwere Jahre bevor", sagte Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen am Montag. Mit geschätzten 11,6 Millionen Pkw-Verkäufen erwartet er im Jahr 2013 das schlechteste Verkaufsjahr in Westeuropa seit 1993. Bitterer noch: Die Krise im europäischen Automarkt werde länger und hartnäckiger sein als die von der Finanzkrise ausgelöste Rezession 2008 und 2009, meint Dudenhöffer. Ein Vorgeschmack darauf, was das heißen kann, zeigen die hektischen Reaktionen der Automanager:

Fiat-Chef Sergio Marchionne hat als erstes die Mitarbeiter seines neapolitanischen Werks in Pomigliano auf Kurzarbeit gesetzt. Vom 24. bis zum 28. September, sowie vom 1. bis zum 5. Oktober steht dort die Produktion, 2150 Mitarbeiter sind betroffen. Der Automarkt in Italien sei auf das Niveau des Jahres 1979 gesunken, sagte Marchionne resigniert zur Begründung - kurz bevor er zum Krisentreffen von Italiens Ministerpräsident Mario Monti einbestellt worden war. Monti forderte Details über das künftige Fiat-Engagement in Italien, nachdem Marchionne zuvor von seinen Versprechen Abstand genommen hatte, in Italien binnen fünf Jahren 20 Milliarden Euro zu investieren. Inzwischen greift Marchionne zu ungewöhnlichen Maßnahmen um die Krise mit seinem Unternehmen irgendwie zu überstehen - und will erstmals in der Geschichte des Unternehmens in Italien gebaute Autos außerhalb Europas verkaufen. Dort stehen sie nur unverkäufllich rum.

"Im Moment gibt es eine Zweiteilung auf dem Automarkt", sagt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive (CoA) an der FHDW in Bergisch Gladbach zur Erklärung. Die einen setzten wie Volkswagen , Hyundai  oder Toyota  ihren Höhenflug fort, weil sie die Absatzkrise in Europa andernorts kompensieren könnten. "Und dann gibt es die, die ihr Hauptabsatzgebiet in Europa haben: Denen geht es dramatisch schlecht." Dazu zählt Fiat.

Allerdings: Die schwachen Automärkte in Europa bringen mittlerweile selbst die Angreifer der vergangenen Monate aus dem Tritt, etwa den koreanischen Autokonzern Hyundai. "Aufgrund der schwierigen Marktlage in Europa werden auch wir unsere Ziele möglicherweise noch etwas anpassen müssen", gab Europa-Vizechef Allan Rushforth gegenüber dem "Handelsblatt" zu. Und auch der deutsche Branchenriese Volkswagen musste zuletzt zurückstrecken: Das Umfeld sei deutlich schwieriger und härter geworden, räumte Konzernchef Martin Winterkorn vor der VW-Belegschaft in Wolfsburg ein - auch wenn das Unternehmen weiter daran festhalte, bis zum Jahr 2018 der größte Autobauer der Welt zu werden.

Krise frisst sich Richtung Deutschland

Wenn die Krise aber selbst die Starken der Branche erschüttert, ist die Südeuropa-Krise längst zur Europa-Krise geworden und damit auch in Deutschland angekommen - mit harten Einschnitten für die Beschäftigten: Kurzarbeit gibt es jetzt auch in Deutschland, etwa bei Opel.

"Die Adam Opel AG führt in Abstimmung mit Betriebsrat und IG Metall am Standort Rüsselsheim sowie im Komponentenwerk Kaiserslautern ab September 2012 Kurzarbeit ein", musste Opel bereits vor Wochen eingestehen. Vereinbart wurden mit dem Opel-Betriebsrat jeweils 20 Tage Kurzarbeit bis zum Jahresende. Davon sind am Opel-Standort in Rüsselsheim 3500 Mitarbeiter in der Produktion betroffen sowie 3300 in der Verwaltung. Im Opel-Werk Kaiserslautern müssen 2500 Beschäftigte kurzarbeiten.

Schlimmer noch: Opel ist kein Einzelfall in Deutschland. Im Kölner Werk des Konkurrenten Ford sind es gleichzeitig rund 4000 Mitarbeiter, die in Kurzarbeit geschickt werden. Zudem schwappt die Krise hierzulande bereits auf die Autozulieferer über, einen Wirtschaftzweig mit weiteren zehntausenden Beschäftigten. Rund 1000 Mitarbeiter von Bosch beispielsweise müssen bereits kurzarbeiten. Am Bosch-Standort Bamberg würden 980 von insgesamt 7300 Beschäftigten im September und Oktober für jeweils sechs Tage weniger arbeiten als sie könnten. Und auch Daimler  tritt in seinem wichtigsten Pkw-Werk in Sindelfingen auf die Bremse. Der weltgrößte Lkw-Hersteller Daimler kündigte zudem am Mittwoch für den Lkw-Standort Wörth verkürzte Arbeitszeiten im Oktober an.

Dass sich an der Misere schnell etwas ändert, gilt unter Experten als unwahrscheinlich. Vielmehr erwarten etwa die Mitarbeiter des Car Research Center (CAR) an der Universität Duisburg-Essen Schlimmes: Die Nachfrage nach Autos gehe in Europa gar noch weiter zurück, weil sich die Rezession in den südeuropäischen Ländern "mittlerweile auch auf Nordeuropa ausweitet und in Exportländern wie China ebenfalls spürbar ist". Das kommende Jahr drohe deshalb das schlechteste der Branche seit 1993 zu werden - und entsprechend beginnen die Autohersteller um jeden Kunden erbittert zu kämpfen: Rabattschlachten drohen den Herstellern, die schon jetzt an ihren Reserven zehren.

Rabatte schon vor dem Verkaufsstart

"Noch nie waren die Rabatte für Neuwagen so hoch wie heute", sagt CAR-Experte Dudenhöffer. Sein Beispiel dafür: der neue Golf. "Er steht noch nicht einmal bei den Händlern, doch schon jetzt wird der er mit 20 Prozent Rabatt angeboten", so der Autofachmann. Das habe es so noch nie gegeben.

"Für die Händler bedeuten hohe Rabatte allerdings Kürzungen ihrer Marge", ergänzt Stefan Bratzel vom Zentrum für Automotive Management - und nennt damit den Grund, warum Fiat-Chef Marchionne kürzlich völlig die Fassung verlor und seinen VW-Gegenspieler Martin Winterkorn im Krisenstress frontal anging.

Deutschlands umsatzstärkste börsennotierte Aktiengesellschaft betreibe eine rücksichtslose und zerstörerische Preispolitik, giftete Marchionne Richtung Wolfsburg. "Bei der Preisgestaltung gibt es ein Blutbad. Das ist ein Blutbad bei den Margen", wurde Marchionne von der "New York Times" zitiert. Indem die Wolfsburger aggressive Rabatte gewährten, nutzten sie die Krise, um Marktanteile zu gewinnen.

Ob das tatsächlich eine Verdrängungsstrategie von Volkswagen ist, sei dahingestellt. Tatsächlich haben die Wolfsburger zuletzt Marktanteile gewonnen. Lag der Marktanteil der Automarke Volkswagen an allen Pkw-Neuzulassungen in der EU im September des vergangenen Jahres noch bei 12,3 Prozent waren es zuletzt 14,5 Prozent - ein markanter Anstieg seit Juni dieses Jahres.

Wie lange Volkswagen  dem Abwärtstrend allerdings trotzen kann, bleibt abzuwarten. "Es wir noch mehrere Jahre dauern, bis das hohe Autoverkaufsniveau des Jahres 2007 wieder erreicht wird", gestand Hyundai-Europa-Vizechef Allan Rushforth kürzlich gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

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