Autohersteller Der heimliche Profiteur der Opel-Krise

Blitzrochaden im Vorstand, Kahlschlag im Management: Hau-Ruck-Entscheidungen aus Detroit vereiteln Opels Bemühungen um eine bessere Kommunikation. Nun kommen Strategie-Querschüsse hinzu. Denn wo Opel sparen muss, kann eine GM-Schwestermarke aus dem Vollen schöpfen.
Chevrolet Cruze Kombi: Die Verwandtschaft zum Opel Astra ist kaum zu übersehen

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Foto: Chevrolet

Hamburg - An seinen Platz im Rampenlicht muss sich Opels neuer Interimschef Thomas Sedran noch gewöhnen - auch bei Terminen, die für den Fußballfan Sedran eigentlich ein Heimspiel sein sollten. Vor knapp zwei Wochen verkündete Sedran gemeinsam mit Meistertrainer Jürgen Klopp, dass Opel künftig den Fußballmeister Borussia Dortmund sponsern wird. Während Klopp lockere Sprüche klopfte, las Sedran im dunkelblauen Anzug seine kurze Rede ab.

Nichts falsch machen wollte Sedran bei seinem ersten öffentlichen Auftritt. Doch als der frühere Unternehmensberater merkt, dass Klopp das Publikum viel besser erreicht, schaltet er um. "Ich bin eher sportlich veranlagt und nicht intellektuell", versichert er - und spricht kurz die Krise bei Opel an, bevor ihn ein Blick seines Kommunikationschefs stoppt.

Die Krise, sie ist ein Übel, mit dem sich Opel schon lange herumschlägt - und das der Autohersteller kaum mehr loswird. Regelmäßig versuchen die Rüsselsheimer, mit neuen Modellen und frischen Ideen Schlagzeilen zu machen. Doch das Kommunikations-Timing will nicht gelingen. So stellte Opel etwa Mitte Juli seinen Kleinwagen Adam vor, der dem Mini und dem Audi A1 Konkurrenz machen soll. Einen Tag nach der Vorstellung war Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke seinen Job los - und ganz Deutschland diskutierte lieber das Führungschaos als den Kleinwagen-Vorstoß.

Wenige Tage später präsentierten die Rüsselsheimer ein Insignia-Modell mit kostengünstigem Flüssiggasantrieb. Doch Meldungen über die Berufung von Sedran zum Interimschef der Adam Opel AG und der Abgang von zwei weiteren Opel-Vorständen überschatteten den neuen Insignia-Antrieb bei weitem.

Die Krise als ewiger Begleiter

Gestern versuchte Sedran, in einem Interview mit der Bild-Zeitung Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Die Opel-Autos seien "so stark wie nie zuvor", warb Sedran. Die Opel-Mutter General Motors investiere Milliarden in 23 neue oder aufgefrischte Modelle, die bis 2016 auf den Markt kommen sollen. Der Vorstand habe "einen klaren Plan für die Zukunft", den man jetzt "Punkt für Punkt" umsetzen werde. Und er selbst habe "jede Unterstützung, die man für diese Aufgabe braucht".

Doch weite Teile des Interviews drehten sich wieder einmal um das Thema Nummer eins: Wie befreit sich Opel aus seiner Dauerkrise? Sedrans Rezepte klangen püber weite Strecken nicht anders als jene seiner Vorgänger: Opel soll zwar auch nach China und Russland exportieren - doch die Hausaufgaben müsse der Autohersteller in seiner Heimat erledigen. Über einen möglichen Personalabbau verlor Sedran allerdings kein Wort.

Der Zeitpunkt für das Interview war dieses Mal eigentlich taktisch klug gewählt. Denn am Donnerstag stellt die Opel-Mutter General Motors  (GM) ihre Zahlen für das zweite Quartal vor. Die dürften für das Europa-Geschäft, das zum Großteil aus Opel besteht, rot ausfallen. Bereits im ersten Quartal hatte GMs Europageschäft ein operatives Minus von 195 Millionen Euro geschrieben. Die Absatzkrise in Südeuropa frisst sich durch Opels Bilanzen: Im ersten Halbjahr verkauften die Rüsselsheimer um 15 Prozent weniger Fahrzeuge als noch im Jahr zuvor.

GM-Kernmarke drängt in Europa aus der Nische

Doch nach der Präsentation des Zahlenwerks wird wohl wieder die Diskussion über mögliche Werksschließungen aufflammen. Zwar geht einigen europäischen Konkurrenten noch schlechter: Bei PSA Peugeot Citroën lief im ersten Halbjahr ein Verlust von 819 Millionen Euro auf. Die Franzosen wollen deshalb nun 8000 Stellen einsparen und ein Werk schließen. Bei Fiat fielen die Neuzulassungen von Januar bis Juni um 17 Prozent. Im zweiten Quartal musste Fiat ohne seine profitable US-Tochter Chrysler gerechnet einen Verlust von 246 Millionen Euro hinnehmen.

Die Lage bei Opel dürfte indes kaum besser sein. Seit Jahren beschert Opel seiner US-Mutter General Motors vor allem Verluste. Seit Monaten drängen die Manager in Detroit deshalb darauf, dass Opel seine Probleme schnell in den Griff bekommen muss. Doch das ist in einem schrumpfenden Markt mit harten Preiskämpfen alles andere als einfach.

Mit dem abrupten Abgang des Opel-Chefs, des Technik- und des Finanzvorstands hat GM in den letzten zwei Wochen klar gemacht, dass die Führung in Detroit höchst unzufrieden mit der Lage in Europa ist. Für Unruhe hat auch die Ankündigung gesorgt, dass sich Opel von mindestens 500 Führungskräften trennen will. Und der designierte neue Opel-Designchef David Lyon wird erst gar nicht nach Rüsselsheim wechseln - denn GM hat ihn kurz vor seinem Amtsantritt in Europa Knall auf Fall entlassen.

Als Vollsortimenter auf Wachstumskurs

Mitten in der Krise auf diese Art und Weise die Führungsmannschaft auszuwechseln, stärkt nicht gerade das Vertrauen in die Marke. "Wir brauchen endlich einmal Ruhe", fordert der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel deshalb stellvertretend für viele Opelaner. Es nütze wenig, wenn man hervorragende Autos baue, aber alle nur über die Personalwechsel im Vorstand sprechen, meint er folgerichtig.

Doch Ruhe ist etwas, was GM seiner großen Europa-Tochter in den letzten Monaten nicht zugestanden hat. Dafür hat sich in den vergangenen Jahren eine andere GM-Tochter in Europa unbemerkt vorgearbeitet: Die US-Marke Chevrolet gewann auch in den letzten Monaten trotz des schwierigen Umfelds Marktanteile hinzu. Zwar hielt Chevrolet im ersten Halbjahr bei 1,5 Prozent Marktanteil in Europa. Damit ist die Marke ein Winzling im Vergleich zu Opel und Vauxhall, die EU-weit auf 6,8 Prozent Marktanteil kommen. Doch immerhin hat Chevrolet von Januar bis Juni um 14 Prozent mehr Fahrzeuge verkauft - während Opels Absatz empfindlich zurückging.

Als "kleinen Player mit großen Ambitionen" beschreibt Chevrolets Europachefin Susan Docherty die Ausrichtung der US-Billigmarke auf dem alten Kontinent. Zwar werde das zweite Halbjahr schwieriger werden, sagte Docherty dem Handelsblatt. Doch sie sei sicher, dass Chevrolet in Europa seine Verkaufszahlen aus dem Vorjahr übertreffen werde.

"Verhältnisse verschieben sich Richtung Chevrolet"

Bis vor kurzem bot Chevrolet in Europa nur eine eingeschränkte Fahrzeugpalette an - und konzentrierte sich vor allem auf Kleinfahrzeuge, die aus der Feder der koreanischen GM-Tochter Daewoo stammten. Das hat sich verändert: Mittlerweile entwickelt sich Chevrolet "ganz klar in Richtung Vollsortimenter", wie es Chevrolet-Deutschland-Chef Steffen Raschig Ende vergangenen Jahres gegenüber manager magazin online ausdrückte.

Für fast jedes wichtige Opel-Modell gibt es nun auch auf dem deutschen Markt ein technisch sehr ähnliches Chevrolet-Auto - zum günstigeren Preis. Der Opel-Kompaktwagen Corsa teilt sich seine Architektur mit dem Chevrolet Aveo, der Astra mit dem Modell Cruze. Der Van Zafira hat im Chevy Orlando seinen US-Gegenpart, die Opel-Limousine Insignia teilt sich ihre Plattform mit dem Chevrolet Malibu, der im kommenden Jahr auch in Deutschland erhältlich sein soll.

Sicher, gegen das Teilen von Technologien und Plattformen zwischen verschiedenen Marken eines Konzerns ist nichts einzuwenden - Volkswagen praktiziert das schließlich seit Jahren erfolgreich. Dennoch haben viele Beobachter den Eindruck, dass GM seine weltweite Einstiegsmarke auch in Europa bevorzugt. Chevrolet sponsert in den nächsten Jahren etwa den Fußballclub Manchester United, Opel bleibt da nur die deutsche Bundesliga vorbehalten. Das Elektroauto Ampera, das Opel einen Innovationsvorsprung sichern sollte, wurde zeitgleich auch als Chevrolet Volt in Deutschland auf den Markt gebracht, sogar zu einem geringfügig günstigeren Preis.

Zwar betonen die Chevrolet-Verantwortlichen gerne, dass Chevrolet die Billigmarke sein soll, während Opel künftig für deutsche Ingenieurskunst stehen solle. Doch Autotester haben in direkten Vergleichstests bei einigen Modellen verblüffend wenig Unterschiede festgestellt - außer dem Preis.

Importe aus Korea

"Die Verhältnisse sollen sich wohl zunehmend in Richtung Chevrolet verschieben", meint der Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB. Es sei absehbar, dass in den nächsten Jahren ein deutsches Werk geschlossen werde, meint er. Schwope hält das Werk in Bochum für den wahrscheinlichsten Schließkandidaten, da es ein vergleichsweise altes Werk mit relativ hohem Lohnniveau sei.

Von dem Chevy-Erfolg haben die schlecht ausgelasteten europäischen GM-Werke bislang nichts. Denn die in Europa verkauften Chevrolet-Modelle werden großteils in Korea gefertigt. Das gilt auch für ein neues Opel-Modell: Der Opel-Kompaktgeländewagen Mokka wird ebenso wie sein Chevrolet-Schwestermodell in Korea vom Band laufen.

Der Plan B der GM-Führung in Detroit zeichnet sich so immer deutlicher ab: Sollte die schnelle Opel-Sanierung misslingen, könnten die Amerikaner die Marke Opel vom Markt verschwinden lassen. Mit ihrem zweiten Standbein Chevrolet wären sie dann noch immer in Europa präsent. Mittelfristig würden dann wohl auch ein paar deutsche GM-Werke Chevrolets fertigen - doch für Bochum und möglicherweise ein zweites deutsches Werk käme das wohl zu spät.

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