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Fiat und Chrysler: Außen Italiener, innen Amerikaner

Foto: BILL PUGLIANO/ AFP

VW empört Fiat-Chef wirft Volkswagen "Blutbad" vor

"Blutbad, Zerstörung, Rücksichtslosigkeit": Fiat-Chef Sergio Marchionne hat Volkswagen wild dafür attackiert, mit Rabatten um Käufer für seine Autos zu kämpfen. Jetzt schießt Volkswagen hart zurück - und fordert den Fiat-Chef zum Rücktritt von einem wichtigen europäischen Posten auf.

Hamburg - Fiat verliert die Nerven. Immer weniger Frauen und Männer wollen sich derzeit ein Auto der italienischen Marke leisten, der Absatz fällt beschleunigt von der Euro-Krise insbesondere auf dem Heimatmarkt in Italien, der Fiat-Gewinn erodiert, schon laufen bei der Marke Fiat Verluste auf. Aktuell stabilisiert einzig die US-Beteiligung Chrysler den Fiat-Konzern und hält ihn knapp über Wasser. In dieser prekären Lage scheint auch dem Fiat-Chef Sergio Marchionne die Hutschnur zu platzen.

In der "New York Times" teilte der für markige Sprüche bekannte Marchionne kräftig aus. "Ich habe es noch nie so schlimm erlebt", kommentierte Marchionne die Situation der europäischen Autohersteller. "All die ungelösten Probleme, mit denen sich die Branche seit einigen Jahren herumschlägt, treten jetzt gleichzeitig hervor".

Einen Krisentreiber hat Marchionne wohl auch schon ausgemacht - und deshalb keilte er gestern heftig gegen Europas Autoprimus Volkswagen. Deutschlands umsatzstärkste börsennotierte Aktiengesellschaft betreibe eine rücksichtslose und zerstörerische Preispolitik. "Bei der Preisgestaltung gibt es ein Blutbad. Das ist ein Blutbad bei den Margen", wurde Marchionne zitiert. Indem die Wolfsburger aggressive Rabatte gewährten, nutzten sie die Krise, um Marktanteile zu gewinnen.

Tatsächlich ist Volkswagen in eine Rabattschlacht eingestiegen, die nach Angaben des Car-Centers Automotive Research der Universität Duisburg-Essen Rekordstände erreicht habe. "Noch nie war der Preiswettbewerb so hart", urteilen die Ökonomen. So böten große Händler beispielsweise den VW Up mit Rabatten mit bis zu 29 Prozent an. Doch Fiat selbst toppt das selbst. Die höchsten Preisabschläge seien nach Angaben der Duisburger Autoforscher aktuell für den Fiat Punto zu haben: 30,6 Prozent Prozent Rabatt gewähren Internetvermittler für den Fiat-Kompaktwagen. Nur für den Opel Corsa und den Opel Astra sind online noch höhere Preisabschläge drinnen.

Entsprechend scharf und postwendend fällt dann auch die Replik von Volkswagen nach der Tirade des Fiat-Chefs gegen VW aus.

Die Äußerungen des Italieners seien zum wiederholten Male unqualifiziert, erklärte ein VW-Sprecher am Donnerstagabend. VW forderte den Vorsitzenden des europäischen Autohersteller-Verbandes Acea, Fiat-Chef Sergio Marchionne, zum Rücktritt auf. Marchionne sei als Präsident des Verbandes untragbar und solle gehen, erklärte VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem am Donnerstagabend. Volkswagen selbst müsse sich überlegen, ob VW eigentlich weiter in diesem Autobauer-Verband Acea bleiben wolle; er wurde 1991 gegründet und vertritt die Interessen von 18 Herstellern von Autos, Lastwagen und Bussen auf europäischer Ebene und gilt als einflussreicher Verband.

VW avanciert zu Marchionnes Lieblingsfeind

Fiat-Chef Marchionne hat allerdings nicht zum ersten Mal gegen Volkswagen geschossen. So hatte er Anfang des Jahres gefordert, Europa brauche einen zweiten starken Autobauer und damit ein Gegengewicht zu Volkswagen - obwohl VW nur die Nummer drei auf dem weltweiten Automarkt ist hinter der Opel-Mutter General Motors  auf Platz zwei und hinter dem alten und erneuten globalen Auto-Champion Toyota .

Anfang 2011 hatte der Fiat-Chef aus Ärger über ein angebliches Werben von Volkswagen um Alfa Romeo Interesse an den beiden VW-Beteiligungen MAN und Scania bekundet, dies aber wenig später als "Witz" bezeichnet.

Der Konflikt zwischen VW und Fiat kommt zu einer Zeit, in der der Fahrzeugmarkt in der EU mit Ausnahme Deutschlands seit Monaten auf Talfahrt ist - vor allem in den Euro-Krisenländern Spanien und Italien, aber auch in Frankreich. Dies trifft die Hersteller hart, die von Europa abhängig sind - neben der europäischen Nummer zwei PSA Peugeot Citroën sind dies auch Opel und Fiat. Sie kämpfen mit Überkapazitäten.

Der VW-Konzern dagegen ist dank seiner breiten Aufstellung und der Stärke vor allem in China und den USA auf Erfolgskurs - und erreicht insgesamt damit eine wettbewerbsfähige Größe. "Das Auto-Business ist ein Größengeschäft. Und aktuell ist Volkswagen der einzige europäische Autohersteller, der diese Größe besitzt", sagt Philippe Houchois, Chef-Autoanalyst der Schweizer Großbank UBS  in London. Gestern meldete Volkswagen dann auch, allein im ersten Halbjahr 2012 mehr als 8,8 Milliarden Euro verdient zu haben, fast 36 Prozent mehr als bis zur Jahresmitte 2011.

Die Autoindustrie steuert daher immer mehr auf eine Zwei-Klassen -Gesellschaft zu. Zu den Gewinnern zählen derzeit auch die deutschen Oberklassehersteller Daimler  und BMW , allerdings musste Daimler jüngst einen Gewinnrückgang melden, bleibt aber auf hohem Niveau.

Dagegen sieht es bei Opel, PSA Peugeot Citroën  und Fiat  düster aus. Der französische Autokonzern PSA Peugeot Citroën steckt tief in den roten Zahlen und kündigte am Mittwoch ein Milliardensparprogramm an. Fiat-Chef Marchionne hat jedenfalls längst seine Beherrschung verloren.

kst/dpa-afx/rtr
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