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Fiat und Chrysler: Außen Italiener, innen Amerikaner

Foto: BILL PUGLIANO/ AFP

Auto-Absatzkrise Fiats Lack ist ab

Europas schwächster Automobilhersteller sitzt in Italien: Die Allianz mit Chrysler poliert Fiats Bilanz nur oberflächlich auf. Tatsächlich verbrennen die Italiener viel Geld. Nun muss Fiat Werke schließen - und Fiat-Boss Marchionne wird sich auch noch weitere Finanztricks ausdenken müssen.

Hamburg - Die jüngste Weltneuheit von Fiat ist knapp 40 Zentimeter hoch, verbraucht nur Wasser und Strom - und soll in der Langversion des Winzlings Fiat 500 zum Einsatz kommen: Mit einer eingebauten Espressomaschine von Lavazza will Fiat die Koffeinfans unter den Autofahrern auf seine Seite ziehen.

Das Echo auf den Kaffee-Coup war beträchtlich. Doch ungeteilt begeistert war die Fachwelt nicht. Manche Blogger stellten die Frage nach dem Sinn der Innovation - denn sinnvollerweise sollte man den Espresso in einem stehenden Fahrzeug genießen. Und den Absatzzahlen wird das nette Gimmick wohl kaum den notwendigen Kick geben.

Immerhin einen Zweck hat das Gerät erfüllt: Es hat kurzfristig von der Misere abgelenkt, in der sich der italienische Autohersteller derzeit befindet. Zusammen mit Peugeot Citroën und Opel zählt Fiat zu jenen Autoherstellern, den die Schuldenkrise in Europa am härtesten trifft. Einen Großteil ihrer Fahrzeuge verkaufen die Italiener in Südeuropa, wo die Absatzzahlen dramatisch zurückgehen. Im Heimatmarkt Italien wurden im ersten Halbjahr 20 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft als im Vorjahreszeitraum. In Frankreich betrug das Absatzminus 14 Prozent, in Spanien 8 Prozent.

Der größte Verlierer dieses Markteinbruchs war Fiat: Um 17 Prozent gingen Fiats Neuzulassungen in der Europäischen Union (EU) im Vergleich zum ersten Halbjahr 2011 zurück, der Marktanteil sank von 7,5 Prozent auf nur noch 6,7 Prozent. Fiat-Chef Sergio Marchionne weiß um die Schwäche des einstigen Zugpferds der italienischen Industrie. Rund 63.000 Mitarbeiter hat Fiat in Italien. Unverhohlen warnt Marchionne vor der düsteren Zukunft: "Unter den heutigen Bedingungen", sagte er Anfang Juli in Turin, "wird sich der Markt in Europa für mindestens zwei Jahre nicht erholen." In diesem Fall habe Fiat mindestens ein Werk zu viel, schob Marchionne noch nach.

Koreaner und Deutsche setzen Fiat zu

Seit Monaten versucht Marchionne, bei Fiat gegenzusteuern - doch der große Schlag blieb bislang aus.Eine Fabrik in Sizilien hat Marchionne nach zähen Verhandlungen mit der Gewerkschaft im vergangenen Jahr geschlossen. Die Mitarbeiter eines Werkes nahe Neapel schickt Fiat um zwei Wochen länger in den Urlaub als vorgesehen. Die Investitionen von 7,5 Milliarden Euro, die der Autokonzern in den nächsten Jahren in die Entwicklung neuer Modelle stecken wollte, hat Fiat um 500 Millionen gekürzt.

"Kurzfristig hilft das natürlich", sagt ein Autoexperte gegenüber manager magazin online. "Doch langfristig ist das sehr gefährlich". Denn gerade im Kleinwagensegment, wo Fiat einen Großteil seiner Modelle verkauft, wird der Wettbewerb härter. Die koreanischen Hersteller Hyundai  und Kia drängen mit frischem Design und qualitativ guten Autos in diesen Markt. Volkswagen  hat dank seiner Gewinne aus China gut gefüllte Kassen, um lange Preiskämpfe in diesem Segment durchzustehen. Die Italiener drohen dabei unter die Räder zu kommen.

Zwar ist Fiat mit seinen Problemen beileibe nicht alleine. Auch PSA Peugeot Citroën, Europas zweitgrößter Autokonzern, kämpft mit zweistelligen Absatzrückgängen. Im ersten Halbjahr lief bei PSA ein Verlust von 819 Millionen Euro auf. Die Franzosen versuchen nun mit drastischen Mitteln gegenzusteuern: So will PSA eine Fabrik schließen und insgesamt 8000 Stellen streichen. Bis 2015 will der Konzern 1,5 Milliarden Euro einsparen.

Immerhin können die Franzosen auf die Hilfe ihres Staates hoffen: In Kürze will der französische Industrieminister Arnaud Montebourg seinen Plan zur Rettung der angeschlagenen französischen Automobilindustrie vorlegen. Im Vorfeld hieß es, dass die französischen Sozialisten Abgaben planen, die gezielt den Verkauf deutscher Luxusautos erschweren - und so Frankreichs darbenden Automobilherstellern das Leben erleichtern würden.

Ein Werk in Nordfrankreich will Peugeot Meldungen zufolge nur gegen die Gewährung von Staatshilfen, etwa in Form von Steuererleichtungen, erhalten. Doch auf mögliche Hilfen des klammen italienischen Staates kann Fiat derzeit kaum zählen.

Chrysler hilft Fiats Finanzen nur oberflächlich

Studien zufolge hat Fiat im vergangenen Jahr seine europäischen Fabriken gerade mal zu 65 bis 70 Prozent ausgelastet. Um profitabel zu arbeiten, sind aber mindestens 75 Prozent Auslastung notwendig. Für die nächsten zwei bis drei Jahre geht Marchionne von einem europaweiten Autogesamtabsatz von 14 Millionen Fahrzeugen aus. Dann, so betonte er mehrfach, gibt es mindestens eine Autofabrik zu viel in Italien.

In seiner Not versuchte Fiat, auch die EU für seine Sanierungspläne einzuspannen. In Brüssel schlug Marchionne vor Kurzem eine Art Abwrackprämie für europäische Autowerke vor - gegen das Versprechen, die CO2-Emissionen der italienischen Industrie zu senken. Doch mit seinem gewagten Vorschlag blitzte Marchionne erst einmal ab.

Linderung verschafft Fiat seine Allianz mit dem US-Autohersteller Chrysler. Der US-Autohersteller, der 2009 vor der Pleite stand und durch Milliardenhilfen des amerikanischen Staates gerettet wurde, hat in den vergangenen Monaten satte Gewinne eingefahren. Ursprünglich hatte Fiat eine Allianz mit Chrysler geschlossen, Anfang Juli haben die Italiener ihren Anteil an Chrysler auf 61,8 Prozent erhöht. Der US-Autobauer steigerte seinen Absatz im ersten Quartal um ein Drittel, der Marktanteil stieg von 9,3 auf 11,3 Prozent.

Dank der Beteiligung konnte Fiat im ersten Quartal einen Nettogewinn von 379 Millionen Euro verbuchen - ohne die Tochter stand bei Fiat ein Verlust von 273 Millionen Euro in den Büchern.

Doch das schöne Bild vom Rettungsanker in den USA hat einen Haken, zeigt eine Analyse der Bank Credit Suisse. Die Italiener haben nach wie vor keinen unbeschränkten Zugriff auf die Reserven der Amerikaner. Gläubigervereinbarungen sehen vor, dass dafür erst die Schulden in Höhe von 7,5 Milliarden Dollar refinanziert werden müssten - oder Fiats Anteil an Chrysler auf 75 Prozent steigen müsste. Beides ist kurzfristig für Fiat kaum zu stemmen.

Credit-Suisse-Analyst Hauser: "Fiat verbrennt am meisten Geld"

Im ersten Quartal hat Fiat wohl auch deshalb 1,4 Milliarden Euro an Liquiditätsreserven aufgebraucht. Für das zweite Quartal rechnet Credit-Suisse-Analyst Erich Hauser, dass nochmals rund 700 bis 800 Millionen Euro hinzukommen. Die Zahlen für das erste Halbjahr stellen die Italiener in einer Woche vor. "Fiat verbrennt unter Europas Autoherstellern am meisten Geld", sagt Hauser. Laut Hausers Analysen hatte Fiat Anfang des Jahres einen Liquiditätspolster von 10,1 Milliarden Euro - doch der schmilzt nun rapide dahin.

"Werke zu schließen ist für Fiat der einzig gangbare Weg", meint Hauser. Doch das werde für Fiat nicht billig - abgesehen von den politischen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Pro abgebautem Arbeitsplatz laufen in der Branche Kosten von 150.000 Euro je Mitarbeiter auf, meint Hauser. Bei Fabriksschließungen kommt so rasch eine Milliardensumme zusammen. Und dieses Geld könne Fiat derzeit nur schwer aufbringen.

Wirklich gut im Fiat-Markenreich läuft nur der Nobelmarke Ferrari, die hohe Gewinne abwirft. Bei seiner zweiten Nobelmarke Maserati will Fiat das Portfolio deutlich ausbauen - und in wenigen Jahren 50.000 Fahrzeuge pro Jahr absetzen. Doch verglichen mit dem Output von Fiat und Chrysler, die im vergangenen Jahr rund vier Millionen Fahrzeuge auslieferten, bleibt Maserati eine sehr kleine Nische.

Fiat verlagert Produktion außerhalb Europas

Auf der Produktseite der Hauptmarke Fiat sieht es hingegen eher dürftig aus. Zwar hat Fiat vor Kurzem angekündigt, seinen Kleinwagen Fiat 500 nun zu einer Modellfamilie auszubauen. Der vergrößerten Version 500 L, die seit einiger Zeit gebaut wird, soll bald ein kleiner Geländewagen folgen. Von Chrysler hat Fiat zudem einige Modelle ins eigene Portfolio übernommen. Doch die Autos aus den USA sind technisch veraltet. Zwar legt die Fiat-Marke Lancia, unter deren Namen die Mittelklassefahrzeuge nun verkauft werden, europaweit etwas zu. Doch europaweit beträgt der Lancia-Marktanteil gerade mal 0,8 Prozent - und damit gleichauf mit der Nobel-Geländewagenmarke Land Rover.

Dass Fiat kaum neue Modelle vorstellt, ist Teil von Marchionnes Kalkül. In einem schrumpfenden europäischen Markt mache es wenig Sinn, Milliarden in neue Modelle zu investieren, argumentiert er bei der Vorstellung seines Fünf-Jahres-Plans im April 2010. Stattdessen setzt er seine Hoffnung auf die USA, wo Chrysler ab nächstem Jahr mit rundum erneuerten Fahrzeugen punkten soll. Doch in Europa, wo Fiat den überwiegenden Teil seiner Fahrzeuge verkauft, preschen Hyundai und auch Volkswagen mit neuen Kleinwagenmodellen vor - und machen den Italienern in dem ohnedies schrumpfenden Markt das Leben noch schwerer.

Im Hintergrund denkt Marchionne für Fiat offenbar auch eine andere Option an: Eine Art finanzielle Verlagerung in die USA. Wie das funktionieren kann, hat Fiat unlängst mit seiner Industriesparte gezeigt, die Anfang 2011 von der Mutter abgespalten wurde.

Vor Kurzem hat Fiat die Verschmelzung seines Industriegeschäfts, zu dem auch der Lkw-Hersteller Iveco gehört, mit dem Landmaschinenhersteller CNH beschlossen. Der Unternehmenssitz des neuen Unternehmens wird nach Holland verlagert, die Börsennotiz wandert von Mailand nach New York. Damit kann das neue Unternehmen seine Refinanzierungskosten senken. Denn in Italien sind diese durch die Krise sehr hoch: Für seine jüngste ausgegebene Unternehmensanleihe musste Fiat 7,75 Prozent Zinsen bieten.

Japanischer Kooperationspartner für Kultmarke Alfa

Den italienischen Gewerkschaften hat Marchionne bereits mehrfach angedroht, den Firmensitz von Fiat nach Detroit zu verlagern. Ein Großteil seiner neuen Modelle lässt Fiat bereits außerhalb Europas fertigen: Der Lancia Thema und der Voyager werden in Kanada zusammengebaut, das Crossover-Auto Freemont kommt aus Mexiko. Investiert hat Fiat zudem in Werke in den USA, Brasilien und Russland.

Doch wie Marchionne dies den italienischen Gewerkschaften schmackhaft machen will, bleibt weiterhin unklar. Einen Verkauf der Marke Alfa Romeo schließt Marchionne bei jeder Gelegenheit aus. Doch dass sich auch bei der Sportwagenmarke des Konzerns künftig etwas ändern könnte, liegt auf der Hand. So hat Fiat Ende Mai angekündigt, gemeinsam mit dem japanischen Autohersteller Mazda einen Sportwagen entwickeln zu wollen. Die gemeinsame Plattform will Mazda für den Nachfolger des MX5 nützen - Fiat will auf dieser Basis einen Nachfolger des Kultauto Alfa Spider bauen.

Die nächsten Monate werden für das einstige italienische Vorzeigeunternehmen jedenfalls alles andere als einfach werden. Der Finanzfachmann Marchionne wird in den nächsten Monaten alle Hände voll zu tun haben, um Fiat durch die Krise zu steuern.

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