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Chronologie der Übernahme: Wie VW sich Porsche einverleibte

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Porsche-Integration Winterkorns nächster Meilenstein

Monatelang vereitelten Schadensersatzklagen ein Zusammengehen von Porsche und VW. Nun übernimmt VW den Sportwagenbauer bereits im August, und das beinahe steuerfrei. Das Eiltempo bringt VW einen hübschen Sondergewinn ein - die Klagerisiken schütteln die Wolfsburger elegant ab.

Hamburg - Das Ende einer langen Hängepartie kommt überraschend schnell: Bereits zum 1. August will der Volkswagen-Konzern  den Sportwagenhersteller Porsche  komplett übernehmen. Als "Meilenstein auf dem Weg zur Nummer eins" bezeichnete Volkswagen-Chef Martin Winterkorn auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz die Integration der Zuffenhausener in den Volkswagen-Markenverband. "Damit bringen wir eines der wichtigsten Vorhaben der Automobilgeschichte erfolgreich ins Ziel", erklärte Winterkorn - und die Erleichterung über die Komplettübernahme war dem oft stoischen wirkenden VW-Lenker zeitweise auch anzusehen.

49,9 Prozent des Sportwagenherstellers gehören den Wolfsburgern bereits seit Ende 2009. Dafür legten die Wolfsburger 3,9 Milliarden Euro auf den Tisch. Für die übrigen 50,1 Prozent zahlt Volkswagen nun 4,46 Milliarden Euro an die Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE (PSE). Parallel dazu übertragen die Wolfsburger eine VW-Stammaktie an die Zuffenhausener - und vermeiden so milliardenschwere Steuerzahlungen. Denn durch die Übertragung der Aktie gilt die Aktion steuerrechtlich als interner Umbau und ist als Umstrukturierung steuerfrei.

Damit sind auch all jene komplizierten Pläne Makulatur, die VW-Finanzvorstand Hans-Dieter Pötsch im Oktober 2010 skizzierte. Bei einem Abendessen mit Journalisten im Stuttgarter Porsche-Museum räumte Pötsch damals überraschend ein, dass der Zeitplan für die Verschmelzung der beiden Autohersteller auf der Kippe stehe. Der Grund für die Verzögerungen waren zum einen milliardenschwere Schadensersatzklagen, die Kläger in den USA und Deutschland gegen Porsche vorbereiteten. Zum anderen kamen damals noch ungeklärte Steuerfragen hinzu, da ein Anwendungserlass des Bundesfinanzministeriums zum Übernahmegesetz noch ausstand.

Geduldig erklärte Pötsch im Nobelrestaurant Christophorus den Plan B für die Übernahme von Porsche: Ein kompliziertes Konstrukt von gegenseitigen Put- und Call-Optionen, die allerdings erst ab 2013 gegriffen hätten. Es gebe mehrere "Zeitfenster" für die Porsche-Übernahme, beruhigte Pötsch damals - doch diese sind nun hinfällig.

Pötsch wehrt sich gegen Steuerschlupfloch-Kritik

In monatelanger Arbeit haben Pötsch, die PSE und ein Stab an Rechtsberatern nun ein vollkommen legales Steuerschlupfloch für die Übernahme gefunden. Seit Ende 2011, erklärte Pötsch heute, gebe es den Erlass zum Umwandlungssteuergesetz, der die Anwendung in einigen Fällen präzisiert. Die ursprünglich geplante Verschmelzung sei im Grundlagenvertrag zwischen Volkswagen und Porsche bis Ende 2011 vorgesehen gewesen. Doch mit Auslaufen dieser Frist sei das Verschmelzungsprojekt gescheitert.

Die findige Alternative ist nun die rechtlich einwandfreie Umstrukturierung, bei der neben der Übertragung der Stammaktie auch eine Milliardensumme an die Porsche SE fließt. Durch die Überlassung der Stammaktie vermeidet VW Steuerzahlungen von bis zu 1,5 Milliarden Euro, die bei einem herkömmlichen Kauf vor Mitte 2014 angefallen wären. Doch VW hatte immer die Wahl, den Kauf ab Mitte 2014 steuerfrei durchzuziehen.

Dennoch trägt VW die nun gewählte Variante Kritik von Politikern ein. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle etwa kommentierte den Vorgang so: "Das mag alles legal sein, zeigt aber, wie dringend wir ein einfacheres und gerechteres Steuerrecht brauchen", sagte Brüderle dem "Handelsblatt". Steuerzahler müssten sich veräppelt fühlen, wenn Weltkonzerne mit solchen Tricks Milliarden an Steuern sparen könnten, monierte Brüderle.

Solche Bedenken versuchte Pötsch heute nochmals zu zerstreuen. Denn auch der Fiskus hat laut Pötsch etwas von der Übernahme. "Es fallen Steuern von deutlich über 100 Millionen Euro an. Diese Steuern sind transaktionsbedingt", sagte der VW-Finanzchef heute. "Die kolportierten Zahlen über entgangene Steuerzahlungen in Milliardenhöhe entbehren aber jeder Grundlage."

Sondergewinn für VW, Schuldenreduktion für Porsche

Über die Auswirkungen der Übernahme auf das operative Geschäft von Porsche äußerte sich die Manager aber nur verhalten. VW-Chef Martin Winterkorn erwartet Synergieeffekte von gut 700 Millionen Euro pro Jahr. Der Sportwagenbauer behalte seine Eigenständigkeit, betonte Winterkorn: "Porsche ist auf der selben Augenhöhe wie die anderen Konzernmarken".

Porsche werde künftig einen "sehr positiven substanziellen Beitrag" zum Konzernergebnis leisten, versicherte Finanzchef Pötsch. Von Januar bis März wies Porsche mit dem Bau von Sportwagen rund 530 Millionen Euro operativen Gewinn aus. Doch da ein Teil des Kaufpreises über Vermögenswerte in die Bilanz eingehe, werden sich für den VW-Gesamtkonzern bis Ende des Jahres Abschreibungen von rund zwei Milliarden Euro ergeben. "In den nächsten fünf Monaten wird es nahezu zu einer Kompensation kommen", sagte Pötsch. Im Klartext: Der erwartete Gewinn von Porsche in den Monaten Juli bis Dezember dürfte bilanziell also durch die Abschreibungen aufgezehrt werden. Von 2013 an sei dann mit substanziellen Beiträgen aus der Integration zu rechnen, sagte Pötsch.

Für Volkswagen springt aber noch in diesem Jahr ein Sondergewinn heraus: Aus Bewertungsgewinnen erwarten die Wolfsburger nach eigenen Angaben neun Milliarden Euro im laufenden Jahr. Grund dafür ist, dass sich der Wert Porsches seit der 2009 getroffenen Vereinbarung zur Übernahme kräftig erhöht hat. Auch die Porsche SE profitiert finanziell von der Übernahme: Sie will mit dem Kaufpreiserlös zunächst zwei Milliarden Euro Schulden zurückzahlen. Den Rest will Porsche für Beteiligungen in der Autoindustrie verwenden.

Klagerisiko bleibt bei der Porsche SE

Vorteile sieht Porsche-Chef Müller vor allem bei der Zusammenarbeit mit dem Volkswagen-Konzern. Bereits heute bauen VW und Porsche den Geländewagen Cayenne gemeinsam, der technisch auf der Plattform des VW Touareg und des Audi Q7 basiert. Porsches Viertürer Panamera entstand in enger Zusammenarbeit mit den Wolfsburgern, der geplante kleine Geländewagen Macan basiert ebenfalls auf Technik aus Wolfsburg.

Bisher musste Porsche jedoch für jede Form der Zusammenarbeit mit VW einen Vertrag aufsetzen. So musste eine Kommission jeden Schritt von Porsche absegnen, um Rechtssicherheit zu wahren. Manche Dinge waren rechtlich schlicht nicht möglich. So liefert VW etwa Motoren für den Porsche Cayenne und den Panamera - doch Freundschaftspreise sind dabei verboten, da Aktionäre dagegen klagen könnten.

Solche Hürden fallen nun weg. Damit könne Porsche künftig effizienter mit VW zusammenarbeiten und zukünftige Projekte gemeinsam starten, sagte Müller. Über einzelne geplante Projekte wollten Müller und Winterkorn allerdings nicht sprechen.

Eines stellte Pötsch ganz am Ende allerdings auch noch klar: Das Klagerisiko bleibt bei der Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE (PSE). Deshalb werde es auch auf absehbare Zeit keine Fusion mit der PSE geben, die größter VW-Aktionär ist. Wegen der hohen Risiken aus Anlegerklagen übernimmt VW nur das operative Geschäft der Zuffenhausener, die Porsche AG.

Die Schadensersatzklagen werden den Sportwagenbauer noch einige Jahre beschäftigen - doch die künftige Porsche-Mutter Volkswagen bleibt da fürs Erste außen vor.

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