IG Metall Bedeutung der Leiharbeit nimmt ab

Das Ausleihen von Arbeitnehmern ist teurer und schwieriger geworden. Selbst BMW senkt jetzt die Quote und ringt der IG Metall andere Flexibilisierungsinstrumente ab. Die Gewerkschaft sieht ihre nächste Schlacht bei den Werkverträgen.
Von Cornelia Knust
BMW-Werk Leipzig: Weniger Leiharbeit gegen mehr Geschmeidigkeit

BMW-Werk Leipzig: Weniger Leiharbeit gegen mehr Geschmeidigkeit

Foto: DPA

München - Jürgen Wechsler hat eine These. Der bayerische IG-Metall-Chef glaubt, dass die Leiharbeit in deutschen Unternehmen künftig eine geringere Rolle spielen wird: "Wir sehen eine Rückkehr zum eigenen Personal mit anderen Flexibilisierungsinstrumenten", sagte er vor der Presse in München. Durch die Tarifverträgen mit den Metallarbeitgebern und mit der Zeitarbeitsbranche sei das "Lohndumping" mit Hilfe der Leiharbeit weggefallen.

Der bayerische Automobilhersteller BMW macht es gerade vor. Nach monatelangem Ringen soll jetzt eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat her, die den Mitarbeitern bei Bedarf eine verordnete Verlängerung des Werksurlaubs zumutet wie auch eine "Aufweichung" der Arbeitszeitkonten nach oben, also ein Auffüllen mit noch mehr Stunden. Außerdem gibt es schon Vereinbarungen (zum Beispiel in der Sparte Elektroautos), wonach mehr als die Hälfte der Belegschaft 40 Stunden in der Woche arbeiten darf, wie Wechsler erklärte. "Natürlich bezahlt", ergänzte er.

Wechsler schilderte den Verhandlungsstand mit BMW so, dass künftig eine Leiharbeiterquote an der Belegschaft von 8 Prozent geplant sei, was etwa 6000 Beschäftigten entspräche. Noch im vergangenen Jahr habe der Autokonzern rund ein Viertel der 35.000 bis 40.000 Leiharbeiter in Bayern auf sich vereinigt. Das habe sicher auch der Familie Quandt als Großaktionärin nicht gefallen, vermutete Wechsler; sogar auf der Hauptversammlung habe ja ein Aktionärssprecher den Vorstand kritisch auf die Leiharbeiter angesprochen.

Ein BMW-Sprecher bestätigte lediglich, dass Gespräche über eine Betriebsvereinbarung über eine Gesamtflexibilisierung geführt würden. Ob sie bis zur Betriebsversammlung am 18. Juli unterschrieben sein soll, wollte er nicht bestätigen.

MAN baut Leiharbeiter ab

Dass BMW schon vor Monaten begonnen habe, Leiharbeiter in Festanstellung zu übernehmen, obwohl das nach dem neuen IG Metall Tarifvertrag erst zwei Jahre nach Beschäftigungsbeginn zwingend würde, nannt Wechsler vor der Presse "sehr klug". Der Markt für qualifizierte Arbeitkräfte sei leergefegt. Auch die Verleiher hätten Mühe, neue Kräfte zu finden, die diese Form der Beschäftigung einer Festanstellung vorzögen.

Andererseits beginnt sich das gerade zu drehen, weil manche Betriebe die nachlassende Nachfrage aus dem Ausland zu spüren bekommen. Der Nutzfahrzeughersteller MAN zum Beispiel habe schon vor drei Monaten begonnen, die Zahl der Leiharbeiter zu reduzieren (laut Unternehmenssprecher hat er in München gar keine mehr). Entlassungen oder Kurzarbeit stünden aber noch nicht auf dem Programm.

Anders bei Siemens, wo es in den Sektoren Industrie und Energie schon vereinzelte Diskussionen über Arbeitszeitverkürzung oder Kurzarbeit gebe, wie Wechsler sagte. Ein schwieriges Thema sei auch die Neuordnung der Produktion im Bereich Transformatoren, vor allem im Werk Nürnberg, in dem Wechsler selbst früher gearbeitet hat. Eine Schließung des 100 Jahre alten Werks stehe aber nicht zu befürchten.

Keine Krise in Sicht

In den ein bis zwei Handvoll mittelständischen Betrieben, wo es schon Kurzarbeit gebe, habe das oft strukturelle Gründe. So auch beim Rüstungskonzern Cassidian, der den Programmauslauf des Eurofighter zu bewältigen habe. Autozulieferer, die Opel, Fiat oder PSA belieferten, stünden schlechter da als Lieferanten von Audi oder BMW.

"Es gibt keine Dramatik in Richtung Krise", sagte Wechsler, der sich selber wundert, wie stabil das Wachstum in Deutschland immer noch ist. Die Leiharbeiter würden nicht so schnell herausgesetzt wie 2008. Dennoch will er sich für die Stabilität in seiner Branche nicht länger als drei Monate festlegen, also solange, wie der Auftragsbestand noch trägt. Eine Zuwachsrate sieht er für die Geschäfte der bayerischen Metall- und Elektroindustrie vorerst nicht mehr.

Wenige Tage vor der Bezirkskonferenz seiner Gewerkschaft zeigte Wechsler sich "rundum zufrieden" und lobte den jüngsten Tarifabschluss als "historisch": "ein Beitrag zur Reallohnsteigerung und zur Umverteilung". Doch läuft der Vertrag nur bis Mai 2013, und die nächste Baustelle ist schon aufgemacht: der Kampf gegen Werkverträge, bei denen Mitarbeiter wie externe Dienstleister agieren, die nicht Arbeitzeit, sondern Gewerke abliefern. Da will die IG Metall bis zum Oktober dieses Jahres erst einmal ihre eigene Position finden.

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