Sanierungsplan Opels nächster Trippelschritt

Heute stellt Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke dem Aufsichtsrat seinen lang erwarteten Sanierungsplan vor. Ein Neustart für Opel dürfte dabei allerdings kaum herauskommen, denn Strackes Optionen sind begrenzt.
Kurz vor Zwölf: Wie will Stracke Opel retten?

Kurz vor Zwölf: Wie will Stracke Opel retten?

Foto: dapd

Hamburg - Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke steht wieder einmal vor einem Dilemma. Seit Monaten arbeitet er an einem Sanierungsplan, den er heute dem Aufsichtsrat vorlegt. Dabei muss er es vielen Seiten recht machen: Die Opel-Mutter General Motors (GM) drängt drauf, die milliardenschweren Verluste in Europa endlich in den Griff zu bekommen.

Opel kämpft mit teuren Überkapazitäten in seinen Werken, die sich in den nächsten Monaten noch verschärfen dürften. Die Arbeitnehmer fürchten Werksschließungen und fordern seit Monaten Wachstumsperspektiven für Opel ein.

Die sind allerdings kaum zu finden. Denn der europäische Automarkt, auf dem Opel einen Großteil seiner Fahrzeuge verkauft, wird in diesem Jahr nochmals deutlich schrumpfen. Und die Aussichten für die nächsten Jahre sind alles andere als berauschend.

Stagnierender Absatz, kampfbereite Gewerkschaften - ein radikaler Schwenk ist in so einem Umfeld kaum durchzusetzen. Deshalb wird der gebürtige Hesse Stracke heute wohl nur einen Plan der kleinen Schritte präsentieren.

Seit Wochen übt sich die Opel-Führung in der Taktik Zuckerbrot und Peitsche. Anfang Juni sprach Stracke von einem "Revitalisierungsplan", den nun präsentieren wolle. So investiert Opel bis 2014 rund elf Milliarden Euro in 30 neue Modelle und sparsamere Motoren. Außerhalb Europas will Stracke neue Märkte erschließen und seine Verkäufe in China, Russland und der Türkei steigern.

Strackes zweiter Anlauf zum Sanierungsplan

Bei Qualität der Fahrzeuge und des Kundenservice will Opel in den nächsten Jahren zu einem der Branchenführer werden. Feilen will Stracke auch an der Positionierung: Opel soll als emotional designte "Volksmarke" High Tech für breite Massen erschwinglich machen, skizzierte Stracke Mitte Mai in einer Presseaussendung. Künftig soll sich Opels Markenstrategie an "traditionellen und erreichbaren Zielkunden" orientieren - also an Kunden, die Opel trotz aller Widrigkeiten seit Jahren die Treue halten.

Nichts davon ist bahnbrechend. Das Investitionsprogramm mit neuen Modellen und Motoren hatte bereits Strackes Vorgänger Nick Reilly auf den Weg gebracht, die Exportpläne hat Stracke etwas erweitert. Mit den Wachstumsversprechen versucht Stracke, die Betriebsräte im Opel-Aufsichtsrat zu besänftigen. Im März hatten sie seinen ersten Sanierungsplan in einer Aufsichtsratssitzung glatt durchfallen lassen. Der damals vorgestellte Plan erschien ihnen zu wenig ehrgeizig.

Den GM-Chefstrategen und Opel-Aufsichtsratsvorsitzenden Steven Girsky störte dem Vernehmen nach, dass Stracke in Europa bis 2016 kaum mehr Autos bauen wollte als jene rund 1,2 Millionen Fahrzeuge, die im vergangenen Jahr von den Opel-Bändern liefen. General Motors  (GM) geht hingegen davon aus, dass die Marke erst ab 1,5 Millionen produzierten Fahrzeugen profitabel arbeiten kann.

Ursprünglich wollte Stracke bis 2015 rund 5000 Stellen einsparen. Doch er ließ im März viele Fragen offen: So drückte er sich vor drei Monaten noch um eine Antwort auf die Frage, ob und welche Werke geschlossen werden sollten.

Stracke muss unpopuläre Maßnahmen durchdrücken

Für den zweiten Anlauf hat Stracke bereits im Vorfeld wichtige Details durchsickern lassen - und die deuten eher auf Peitsche hin. Um das Unternehmen wieder profitabel zu machen, müssen auch unbequeme und unpopuläre Maßnahmen getroffen werden, sagte er etwa Mitte Mai. Wie diese aussehen dürften, ist seit einigen Wochen bekannt: Das Stammwerk in Rüsselsheim verliert die Fertigung des Kleinwagens Astra, auf den derzeit rund ein Drittel des Opel-Gesamtabsatzes entfällt. Ab 2015 wird die neue Astra-Generation nur mehr im englischen Ellesmere Port und im polnischen Gliwice gefertigt. Die Briten erhielten den Zuschlag, weil die Belegschaft zu Einschnitten bereit war.

Der zweite Wackelkandidat im Verbund der sieben europäischen GM-Autofabriken, das Opel-Werk in Bochum, steht hingegen vor dem Aus. Die Opel-Führung hat Bochum eine Gnadenfrist bis 2016 gewährt. Bis dahin läuft der Minivan Zafira in Bochum vom Band. Doch danach soll es keine Folgeaufträge von Opel geben.

Über die Zukunft der deutschen Werke verhandelt die GM-Führung mit den Gewerkschaften bis Ende Oktober. Dafür hat die IG-Metall und der Opel-Betriebsrat die Tariferhöhung von 4,3 Prozent bis Ende Oktober ausgesetzt. Damit habe Bochum wertvolle Zeit gewonnen, heißt es von Seiten der IG Metall - denn bislang stand die Schließung des Werks im Jahr 2015 im Raum.

Denn Opel hat - wie andere europäische Autohersteller auch - ein Kostenproblem. Seine Werke sind zu wenig ausgelastet und arbeiten damit nicht rentabel. Einer Studie der Unternehmensberatung Alix Partners zufolge liegen derzeit 40 Prozent aller europäischen Autofabriken der großen Hersteller unterhalb der Rentabilitätsgrenze. Im kommenden Jahr könnte sogar jedes zweite Werk zu wenig ausgelastet sein.

Gespart wird bei Materialkosten und Logistik

Stracke selbst schätzt die Überkapazitäten aller Autohersteller in Europa auf rund 3 Millionen Fahrzeuge in diesem Jahr. Wegen der Schuldenkrise sinkt der Autoabsatz in großen Ländern wie Spanien, Italien und Frankreich deutlich. Das trifft Opel besonders stark: In den ersten fünf Monaten dieses Jahres fielen Opels Verkäufe in der EU um 15,6 Prozent auf 370.000 Fahrzeuge, der Gesamtmarkt ging um 7,7 Prozent zurück.

Kein Wunder also, dass Opel händeringend nach Lösungen für seine Absatzmisere sucht. Berichten zufolge liegt die Auslastung der europäischen GM-Werke derzeit zwischen 55 und 65 Prozent. Damit sind sie weit von jenen 75 bis 80 Prozent entfernt, ab der moderne Autofabriken gewinnbringend arbeiten. Stracke setzt sich nun zum Ziel, in jedem einzelnen Werk einen Dreischichtbetrieb zu erreichen - derzeit arbeiten die Opelaner in drei Werken nur in zwei Schichten. Doch wie Opel dies ohne Werksschließungen schaffen will, hat Stracke bislang noch nicht verraten.

Kurzfristig sollen nun Kostensenkungen Opel in Richtung schwarze Zahlen bringen. Dazu will Stracke die Materialkosten pro Fahrzeug verringern, zudem will er die Komplexität in der Fertigung reduzieren.

Deutliche Einsparungseffekte erhofft sich Stracke auch aus der im März verkündeten Allianz mit PSA Peugeot Citroën. Künftig sollen die beiden Hersteller bei Logistik, Einkauf und Entwicklung zusammenarbeiten. Früheren Angaben zufolge ergeben sich daraus Synergien von 1,5 Milliarden Euro. Spekulationen, wonach das Opel-Werk in Rüsselsheim künftig Peugeots und Citroëns bauen könnte, wies Opel vorerst zurück. Der Bereich Fertigung sei "derzeit" nicht Gegenstand des Allianz-Abkommens.

Experten erwarten wenig Neues

Doch den großen Aufschlag mit einem radikalen Sanierungsplan wird Stracke auch diesmal nicht abliefern, meinen Experten. "Ich erwarte nicht viel Neues", meint etwa der Autoexperte Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Bratzel rechnet damit, dass Stracke Meilensteine für die Sanierung von Opel definieren wird. Stracke habe erkannt, dass er an vielen Kostenschrauben drehen müsse. Und er mache keine zu optimistischen Angaben mehr.

Eine Genesung von Opel könne aber nur dann gelingen, wenn sich Stracke mit der Betriebsratsseite einige. "Eigentlich hätte Opel schon vor drei Jahren Kapazitäten abbauen müssen", sagt Bratzel. Für die Rüsselsheimer sei das nun eine der letzten Chancen. "Dieser Schuss muss jetzt sitzen".

Christoph Stürmer vom Prognoseunternehmen IHS Automotive sieht den Opel-Chef auf dem richtigen Weg. "Stracke drückt die richtigen Knöpfe", sagt Stürmer. Schnelle Einsparungen müsse Opel vor allem im Bereich Einkauf und Logistik suchen. In der Vergangenheit hätten Opel-Einkäufer gelegentlich eigene Lösungen mit Zulieferern vereinbart. Nun müsse Stracke darauf dringen, solche Sonderregelungen auslaufen zu lassen und Opel vollständig in den weltweiten GM-Einkaufsverbund einzugliedern.

Um bei den Verkaufszahlen nicht noch weiter abzurutschen, habe Opel aber mittelfristig einige hausgemachte Probleme zu lösen. So sei etwa das Handelsnetz von Opel in schlechter Verfassung. "Da muss wieder positive Motivation hinein, sonst wird Opel seine Autos nicht los", warnt Stürmer.

Schwarze Zahlen noch Jahre entfernt

Trotz aller Ankündigungen hat Stracke aber nach wie vor ein großes Zeitproblem. Mit der Gnadenfrist für Bochum hat Opel sein Überkapazitätenproblem verschoben, aber nicht gelöst. Diesen Weg hat Stracke vor allem aus taktischem Kalkül eingeschlagen: Denn gegen den Willen der Betriebsräte und Gewerkschaften kann er den Autohersteller nicht sanieren.

Doch gleichzeitig bedeutet dies auch, dass Opel in den nächsten Jahren noch einen großen Kostenblock vor sich herschiebt. Auch die Einsparungen, die sich Opel aus der Allianz mit PSA erhofft, dürften noch einige Zeit auf sich warten lassen. Denn Fahrzeuge, die auf gemeinsamen GM/PSA-Plattformen entstehen, dürfte es kaum vor 2016 geben.

Deutlich schwarze Zahlen dürfte Opel damit auch in den nächsten drei Jahren kaum abliefern. Dass die Sanierung der GM-Tochter nicht über Nacht gelingen kann, weiß Stracke genau. Im Dezember 2011 gab er das ambitionierte Ziel aus, dass Opel ab 2016 eine Milliarde Euro Gewinn schreiben soll. Da war die Absatzschwäche in Südeuropa aber längst noch nicht so ausgeprägt wie in den ersten Monaten dieses Jahres. Die Frage ist nun, ob GM mit seiner defizitären europäischen Tochter so lange Geduld hat. Die Zitterpartie um Opel ist wohl längst noch nicht zu Ende.

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