Schwacher Automarkt Jedes zweite Werk bald nicht mehr profitabel

Der westeuropäische Automarkt bereitet den Herstellern immer größere Kopfschmerzen. Für dieses Jahr droht ein Absturz, Erholung ist 2013 laut einer Studie nicht in Sicht. Dann wäre fast jedes zweite Werk nicht mehr profitabel.
Sorgen bei Opel: Manches Werk gilt als langfristig unprofitabel

Sorgen bei Opel: Manches Werk gilt als langfristig unprofitabel

Foto: dapd

Hamburg - Kaum läuft es nicht mehr ganz rund, ruft die Autoindustrie den Staat zur Hilfe. Die Konkurrenz von anderen Kontinenten sei hart, Umweltauflagen mit den eigenen Modellen schwer zu erreichen. Zudem gebe es zu viele Fabriken, und die Leute kauften zu wenig Fahrzeuge.

Daraus folgt: Die Politik muss mal wieder mit Subventionen helfen. Die Industrie habe einfach "einen erheblichen Finanzierungsbedarf", heißt es in einem Papier der Arbeitsgruppe "Cars21", in der Konzerne gemeinsam mit EU-Politikern für ihre Linie werben.

Tatsächlich ist die Lage bedrohlich für viele Hersteller, vor allem in Westeuropa. Um 9 Prozent ist der Absatz im Mai eingebrochen. Autobauer, die stark vom Kontinent abhängig sind, drohen sogar in eine Existenzkrise zu schliddern: Besonders stark verloren Citroën (minus 21,6 Prozent), Peugeot  (minus 18,9) und Renault  (minus 16,4). Auch Opel (minus 12,5 ) und Fiat (minus 11,6 Prozent) gehörten zu den großen Verlierern.

Der Mai war dabei kein Ausreißer, sondern lediglich ein Vorbote für die kommende Durststrecke, sind die Unternehmensberater von AlixPartners überzeugt. "Bezogen auf den westeuropäischen Absatzmarkt gehen wir von einem Double-Dip Szenario aus", sagt Autoindustrie-Stratege Elmar Kades von AlixPartners. Mit anderen Worten: Nach der Krise ist vor der Krise; die Durststrecke von 2008/2009 droht sich zu wiederholen.

Erst 2020 könnte das Niveau von 2007 wieder erreicht sein

Kades' Kollege Jens Wiese hat Zahlen zusammengetragen und analysiert, die eine deutliche Sprache sprechen. Um eine Million Fahrzeuge wird der Absatz in Westeuropa in diesem Jahr einbrechen - auf nur noch 13,5 Millionen Autos. Und der noch düsterere Teil der Prognose betrifft 2013: Linderung sei nicht in Sicht, die Verkaufszahlen bleiben damit auf dem Niveau der 80er-Jahre.

Danach geht es nur langsam aufwärts. "Vor 2020 wird der westeuropäische Automarkt sein altes Niveau nicht mehr erreichen", sagt Kades mit Blick auf das Boomjahr 2007.

Kurzfristig ist das Hauptproblem die Euro-Krise: Konsumexperten gehen inzwischen davon aus, dass die Verbraucher im kommenden Jahr weniger Geld ausgeben als in diesem. "In diesem Umfeld ist es schwer vorstellbar, dass die Verkaufszahlen wieder steigen", sagt Wiese.

In Deutschland, wo die Wirtschaft zuletzt vergleichsweise gut lief, ist der Markt noch durch die Abwrackprämie geschwächt: Viele Autofahrer hatten sich 2009 ein neues, subventioniertes Fahrzeug zugelegt und fallen nun als Käufer aus.

Ohne Werksschließungen wird es dieses Mal nicht gehen

Die deutschen Premium- und Luxushersteller wie BMW , Daimler , Audi  oder Porsche  müssen die Lage aber vergleichsweise wenig fürchten. Sie verdienen prächtig in Amerika und Asien.

Bei Volkswagen  sieht es schon anders aus. Zwar gleicht der Wolfsburger Konzern seine noch vorhandene Abhängigkeit von Europa im Ausland mehr als aus. Doch Einheiten wie Seat und auch manches deutsche Werk könnten unter Druck geraten.

Am heftigsten droht die neuerliche Krise Franzosen und Italiener wie Peugeot und Fiat zu treffen. "Viele müssen froh sein, wenn sie weltweit die Verkaufszahlen von vor der ersten Autokrise erreichen", sagt Autoaktienanalyst Frank Schwope von der NordLB. Dabei wächst der weltweite Automarkt weiter rasant - laut Alix allein in diesem Jahr um drei Millionen auf 78,3 Millionen Fahrzeuge.

Opel und Ford  leiden ebenfalls erheblich in Europa, haben aber zumindest theoretisch den Rückhalt der Mutterkonzerne in den USA. Auch diese Konzerne müssen in Europa aber handeln. Experten und Konzernstrategen debattieren nur noch, wie.

"Hersteller, die primär von dem europäischen Absatzmarkt abhängig sind, müssen ihre Kapazitäten in Europa überdenken", sagt Kades. Es ist das alte Problem: Im Glauben an das ewige Wachstum schleppen die Hersteller in Europa massive Überkapazitäten mit sich herum. Politiker und Gewerkschaften machen sich mit allen Mitteln dafür stark, dass sich daran nichts ändert.

Jedes zweite Werk nicht profitabel

Schon jetzt arbeiten laut AlixPartners aber 40 Prozent der Werke unterhalb der Rentabilitätsschwelle, Kapazitäten für mindestens 1,4 Millionen Autos liegen brach. Vor allem in Italien und Frankreich rutscht die Auslastung häufig sogar unter die 50-Prozent-Marke. Erforderlich für profitables Wirtschaften wären aber mindestens 75 Prozent.

Und die Lage wird sich weiter zuspitzen. "Im Falle einer weiter abkühlenden Nachfrage dürfte im kommenden Jahr annähernd jedes zweite Werk in Europa unterhalb der kritischen Auslastungsschwelle operieren", sagt Kades.

Das sind schlechte Nachrichten für die Beschäftigten in den Werken der betroffenen Hersteller. "Da kommt noch was", sagt auch Analyst Schwope mit Blick vor allem auf südeuropäische Werke.

Experten halten nun einen ganzen Baukasten an Gegenstrategien für die betroffenen Hersteller bereit. Kooperation und gar Fusionen sind darunter -besondersChinesen könnten nach europäischen Herstellern und vor allem Zulieferern greifen.

Dennoch: Während nach 2008/2009 ganze drei von mehr als 100 Autofabriken dicht machten, dürfte es dieses Mal härter kommen. Auf dieses Szenario stellen sich die Hersteller schon ein, und fordern genau hierfür staatliche Hilfen. Damit gleichen sie sich dem Vorgehen in den USA an, wo die Krise vor drei Jahren stärker schmerzte, nun aber überwunden ist. An eine neue Abwrackprämie glaubt indes fast niemand mehr.

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