ADAC-Präsident Meyer "Mobilität ist ein Grundrecht"

ADAC-Präsident Peter Meyer ist ein kantiger Westfale mit großen Ansprüchen. Er verteidigt die hohen Baukosten der neuen Zentrale und wünscht sich Benzinpreisvergleiche für jeden, jederzeit und überall.
Von Cornelia Knust
22 Etagen und 22 Gelbtöne: ADAC-Zentrale in München

22 Etagen und 22 Gelbtöne: ADAC-Zentrale in München

Foto: ADAC

mm: Herr Meyer, seit Jahresbeginn sitzen Sie im 22. Stock eines spektakulären Hochhauses mit Blick auf die Alpen. Warum hat der Bau der ADAC-Hauptverwaltung 100 Millionen Euro mehr gekostet als 2004 geplant?

Meyer: Der Verwaltungsrat als Entscheidungsorgan unserer 18 Regionalclubs hatte uns als Präsidium ein erstes Budget von 240 Millionen Euro genehmigt. Dann stellten wir grobe Fehler in der technischen Planung fest. Dass die U-Bahn aufwendig überbaut werden musste, trieb die Baukosten zusätzlich in die Höhe. Die Stahlpreise explodierten, die Mehrwertsteuer wurde erhöht. Wir haben das dargelegt, und das konnte jeder nachvollziehen. Als endgültiges Budget hat der Verwaltungsrat dann 325 Millionen Euro beschlossen - einstimmig.

mm: Immerhin prozessieren Sie mit den Architekten Sauerbruch/Hutton. Gab es nicht auch intern Kritik an dem prestigereichen Neubau?

Meyer: Wir haben den Bau nicht aus Mitgliedsbeiträgen bezahlt, sondern aus den erwirtschafteten Gewinnen unserer Tochtergesellschaften, die über viele Jahre angespart wurden. Das Grundstück gehörte uns schon seit über 20 Jahren. Wir waren vorher in München auf sieben Standorte verteilt - das war ein richtiger Sitzungstourismus. Wir wollten etwas Besseres schaffen, das auf lange Zeit genügt.

mm: Nicht nur das Präsidium, auch Ihre Regionalclubs stehen immer wieder im Verdacht, dass sie die Mitgliedsbeiträge ziemlich unkontrolliert ausgeben, nicht selten für schöne Immobilien?

Meyer: Das ist nicht so. Wir haben bewusst ein großes Grundstockvermögen, damit wir nicht in Abhängigkeit von Politik, Autoindustrie oder anderen Verbänden geraten. Deshalb laufen beispielsweise die Crash-Tests nach unseren Regeln und nur nach unseren Regeln. Und staatliche Zuschüsse zum Überleben, wie sie so manche andere Organisation in Anspruch nehmen muss, benötigen wir nicht. Die Regionalclubs sind sinnvoll, weil wir nicht 18 Millionen Mitglieder von einem Ort aus betreuen können. Die Clubs - ich selbst führe den Club Nordrhein mit 2,5 Millionen Mitgliedern - erhalten einen Anteil der Mitgliedsbeiträge und Provisionen für den Vertrieb unserer Leistungen. Diese Einnahmen müssen sie konservativ und mündelsicher anlegen, und das bedeutet in diesen Zeiten nicht selten: Betongold.

mm: Staatliche Zuschüsse brauchen Sie nicht, aber ein großer Steuerzahler ist Ihr als Verein organisiertes Unternehmen auch nicht gerade?

Meyer: Das stimmt nicht, auch wenn es immer wieder ein Journalist vom anderen abschreibt. Wir sind nicht gemeinnützig, sondern ein Idealverein. Nur unsere beiden Stiftungen und die Luftrettung sind gemeinnützig und damit von der Steuer befreit. Alle unsere Tochtergesellschaften haben die Rechtsform der AG oder der GmbH und zahlen ihre Steuern wie jeder andere. Und auch der ADAC e.V. zahlt Steuern.

Investieren statt sparen

mm: Es wird immer kolportiert, Ihr Vorgänger Otto Flimm habe als Präsident zwischen 1989 und 2001 den Verein erst richtig groß gemacht. Was wird man über Ihre Amtszeit sagen, die 2013 ausläuft oder zur Verlängerung ansteht?

Meyer: Herr Flimm hat große Verdienste um unseren Club, und er hatte das Glück der Wende mit dem Mitgliederzuwachs aus den neuen Ländern. Aber ich kann sagen, dass unter meiner Zeit der Club am schnellsten und am stärksten gewachsen ist. Herr Flimm war eher sparsam, ich stehe eher für Investitionen in die richtigen Leistungen und habe damit in einer jetzt vergleichbar langen Amtszeit das Dreifache an Vermögen geschaffen wie mein Vorgänger. Ich habe den Club konsequent auf die Bedürfnisse des Mitglieds ausgerichtet und die Leistungen und Produkte stärker konzentriert. Wir sprechen heute sehr deutlich und offen mit der Politik und sind ein ernst genommener Partner der Industrie.

mm: Ihr Einfluss ist groß, das ist bekannt. Doch sind Sie als reine Autofahrerlobby noch zeitgemäß?

Meyer: Weil wir 109 Jahre alt sind, werden wir oft noch so wahrgenommen. Aber wir fühlen uns seit 20 Jahren als Mobilitätsdienstleister. Wir veranstalten Spritspar-Trainings, organisieren Vereinbarungen mit ÖPNV-Verbünden und testen nicht nur Autos, sondern auch Fahrräder, Taxis oder Reisebusse.

mm: Bei der Aufregung um die hohen Benzinpreise sagen Sie Ihren Mitgliedern aber nicht: Fahrt weniger oder sparsamer. Sie kommunizieren per Bildzeitung: Die Ölmultis zocken Euch ab!

Meyer: Das ist nicht meine Formulierung. Aber es stimmt. Die Mineralölhändler kaufen den Sprit doch nicht an der Börse, sondern zu fest bestimmten Preisen von den fünf großen Mineralölgesellschaften, die ja eigene Förderquoten und Raffineriekapazitäten haben.

mm: Sie befürchteten bereits öffentlich, die neue Markttransparenzstelle werde nur ein zweckloser Zahlenfriedhof werden mit einem dicken Geschäftsbericht?

Meyer: Nein, aber auch der Verbraucher, der die neue Behörde ja schließlich bezahlen wird, muss doch von ihren Erhebungen erfahren. Wenn ich überall und jederzeit auf meinem Smartphone aktuelle Börsenkurse abrufen kann, dann muss das doch für die Benzinpreise der 14.000 Tankstellen in Deutschland auch möglich sein. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass auf den Einstandspreis plus Mineralölsteuer plus Ökosteuer auch Mehrwertsteuer fällig wird, deren Volumen mit steigendem Grundpreis höher ausfällt.

Junge Leute wollen ein Smartphone und ein Auto

mm: Wir erwarten jetzt von Ihnen kein Plädoyer für eine höhere Ökosteuer. Aber wie ist denn Ihr Selbstverständnis in Zeiten von Energiewende und Klimaerwärmung. Argumentieren Sie einfach stringent freiheitlich?

Meyer: Mobilität ist ein Grundrecht des Menschen. Man muss es ihm zur Verfügung stellen - durch Straßeninfrastruktur, durch öffentlichen Nahverkehr. Dass jeder dauernd Bahn und Fahrrad fährt, das geht nur in der Stadt, das ist nicht das wirkliche Leben. Die Leute wohnen draußen und arbeiten drinnen. Der Freizeitverkehr spielt nicht die Rolle. Die berufstätigen Autofahrer sind die Zahlmeister der Nation. Deshalb sind wir für die Rückkehr zur alten Pendlerpauschale.

mm: Womit sie die Zersiedlung des Landes weiter vorantreiben würden. Aber anders gefragt: Müssen Sie nicht auf den Trend reagieren, dass gerade junge Leute gar nicht mehr unbedingt ein eigenes Auto besitzen wollen?

Meyer: Das ist auch so etwas, was behauptet und abgeschrieben wird. Ich behaupte, junge Leute wollen heute ein Smartphone und ein Auto. Die wollen Autofahren und zwar am liebsten immer früher. In der Regel findet aber ein Carsharing innerhalb der Familien statt, wo es ja längst zwei, drei Autos gibt und bald noch mehr geben wird. Ich rechne mit einem weiteren Zuwachs bei den Pkw-Zulassungszahlen in Deutschland. Wir als ADAC bieten als Autoversicherer heute schon einen Flottenrabatt innerhalb der Familie. Wir haben auch eine eigene Applikation für eine Mitfahrzentrale und engagieren uns im gewerblichen Carsharing; aber das funktioniert nur in den Metropolen.

mm: Sie haben für 2020 die Losung 20 Millionen Mitglieder ausgegeben. Wie soll das funktionieren?

Meyer: Allein über den Mehrwert für das Mitglied. Bei uns bekommt man Hilfe, Schutz und Rat. Wir sind der Beschützer, gerade bei Autoreisen, die jetzt wieder im Trend liegen. Wenn man in der Wüste eine Panne hat, dann zahlt eine Versicherung vielleicht die Kosten, um Wasser zu bekommen, aber wir sind die einzigen, die das Wasser auch in die Wüste bringen. - Bei 20 Millionen Mitgliedern ist allerdings eine gewisse Sättigung erreicht.

mm: Ist bei diesem Wachstum die Vereinsform denn noch zeitgemäß. Ist Ihr Ruf nicht in Gefahr, wenn Ihre Funktionäre, beispielsweise Anwälte, Profit aus ihrer Vereinstätigkeit schlagen?

Meyer: Das ist doch nichts Schlimmes. Dafür geben Sie dem Club und dem Mitglied doch auch eine Leistung zurück, zum Beispiel in Form des kostenlosen Erstgesprächs beim Anwalt. Natürlich haben wir einen Ehrenkodex. Bei uns hat sich jeder zu jedem Zeitpunkt zu rechtfertigen. Nein, die Vereinsform wird immer so bleiben und ist Teil der ADAC-Erfolgsgeschichte.

Mineralölsteuer soll zweckgebunden eingesetzt werden

mm: Doch fördert sie nicht die Transparenz, sondern den Verdacht des Mauschelns. Der ADAC hat hohe Vertrauenswerte. Ist das Risiko, dieses Vertrauen zu verspielen, nicht groß?

Meyer: Der ADAC ist die einzig funktionierende Solidargemeinschaft in Deutschland. Wir haben Vertrauenswerte von 93 Prozent, gegenüber 60 Prozent beim Roten Kreuz und 36 bei der katholischen Kirche. Dieses Image kann man nur durch Handeln erwerben. Wir tun vieles, was eigentlich Vater Staat machen müsste, zum Beispiel die Ausgabe kostenloser Sicherheitswesten an Schulanfänger. So erobern Sie die Herzen der Menschen! - Es gibt da nichts, was wir verstecken müssten. Wir bilanzieren nach Rechnungslegungsvorschriften, wir richten uns nach den Auflagen der Banken- und Versicherungsaufsicht. Natürlich haben wir auch einmal Pech mit unseren Anlagen: 2011 mussten wir rund 10 Millionen Euro auf unsere Griechenlandpapiere abschreiben. Aber:10 Millionen bei Finanzanlagen von einer Milliarde und angesichts einer Bilanzsumme von 2 Milliarden Euro….

mm: Sie sprechen wie der Lenker eines großen Konzerns. Fühlen Sie sich so?

Meyer: Ich bin stolz, der Präsident eines großen Vereins zu sein, dem großes Vertrauen entgegengebracht wird. Die Messlatte für meine Arbeit ist die Mitgliederzufriedenheit, nicht der Shareholder Value.

mm: Sie hatten gerade mit über 200 Delegierten Hauptversammlung in München - samt großem Empfang im Rathaus und in der Staatskanzlei. Welche politischen Ziele wurden ausgegeben?

Meyer: Wir werden uns weiter intensiv dafür einsetzen, dass die Mineralölsteuer endlich zumindest teilweise zweckgebunden wird für die Straßeninfrastruktur und nicht weiter in den laufenden Haushalt fließt. Bei der Reform der Verkehrsünderkartei waren unsere Juristen eingebunden; wir halten sie für richtig, sie ist nur von vielen Bürgern falsch verstanden worden. Wichtig ist aber, dass die Verstöße auch überwacht werden. Außerdem liegt uns eine Entschleunigung des Straßenverkehrs am Herzen, wo es ja zunehmend aggressiver zugeht. Da könnten Fahrsicherheits-Trainings helfen.