Montag, 14. Oktober 2019

Alternativer Antrieb Autobranche spürt zarten Elektrofrühling

Elektroautos: Welche E-Mobile zu den Händlern kommen
REUTERS

Einmal Hype und zurück: Der Euphorie um das Elektroauto ist allgemeiner Ernüchterung gewichen. Doch während manche den Antrieb für tot erklären, finden die Stromer gerade ihre ersten Nischen. Zudem steigen die Verkäufe, für neue Modelle gibt es lange Bestelllisten.

Hamburg - Die Boten von Pizza-Lieferdiensten gelten gemeinhin als Fahrer mit Hang zum Kavaliersstart. Wenn Motorroller und Autos ausschwärmen, klingeln lärmgeplagte Anwohner schon mal in der Zentrale Sturm.

Bei Marktführer Joey's soll das bald der Vergangenheit angehören: Das Unternehmen erwägt, seine Flotte auf Elektroantrieb umzustellen. "Wir wollen so schnell wie möglich umsteigen", sagt Geschäftsführer Friedrich Niemax. Die Lieferfahrzeuge sollen leiser sein und weniger Kohlendioxid ausstoßen, so der Manager. Zudem lasse sich Geld sparen, weil Strom billiger ist als Benzin. Ein Test in Hamburg mit Rollern und einem Citroën C-Zero soll Aufschluss darüber geben, wie sich der alternative Antrieb in den Alltag integrieren lässt.

Auf den ersten Blick passt das Vorhaben so gar nicht zur allgemeinen Ernüchterung beim Thema Elektromobilität. Die Verkaufszahlen liegen unter den Erwartungen, auf Automessen scharen sich Besucher lieber um Wagen mit effizienten Benzinmotoren. Schlagzeilen machten die Stromer zuletzt wegen brennender Batterien und schwacher Reichweiten im Winter.

Steigender Absatz auf Schlüsselmärkten

Auch Automanager ließen sich gern mit skeptischen Sätzen zitieren. "In diesem Jahrzehnt sehe ich den Durchbruch noch nicht", sagte beispielsweise Volkswagen-Chef Martin Winterkorn am Rande des Genfer Autosalons. Mancher Experte läutet die Totenglocke für den Batterieantrieb. "Vergesst die Elektroautos", schrieb Ex-BMW-Chefvolkswirt Helmut Becker im Herbst in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Ist das Elektroauto also am Ende, bevor es Fahrt aufgenommen hat? Bei genauem Hinsehen ist zur Zeit eher das Gegenteil zu beobachten. Dank hoher Benzinpreise steigt der Absatz auf Schlüsselmärkten, wenn auch auf niedrigem Niveau. In Deutschland wurden im März so viele Elektroautos verkauft wie noch nie (siehe Grafik), in den USA erzielte der Chevrolet Volt mit seinem Reichweitenverlängerer im März einen Verkaufsrekord mit knapp 2300 Exemplaren.

Ein Marktanteil von einem Prozent ist für Elektroautos damit zwar noch nicht in Reichweite, doch für neue Modelle führen Hersteller wie Renault Börsen-Chart zeigen und Smart lange Bestelllisten. Brancheninsidern zufolge sollen sämtliche Exemplare des Elektrostadtflitzers Renault Twizy reserviert sein, die der französische Hersteller in diesem Jahr nach Deutschland liefern will. Zum Marktstart im April stehen 750 der Zweisitzer bereit. Über die Zahl der Vorbestellungen will Renault auf Anfrage aber keine Angaben machen. In der Branche ist von 4000 Anfragen die Rede.

Smart hält sich bei der Zahl der Vorreservierungen für sein Elektro-Stadtauto ebenfalls bedeckt. Kenner kolportieren mit Blick auf den Weltmarkt eine hohe vierstellige Zahl. Daimler Börsen-Chart zeigen will ab 2013 Elektro-Smarts in fünfstelliger Zahl ausliefern.

Nissan Börsen-Chart zeigen startete Anfang April den Verkauf seines Elektroautos Leaf, von dem die Japaner in diesem Jahr 700 Fahrzeuge in Deutschland absetzen wollen. "Das Interesse an dem Fahrzeug ist groß", heißt es bei Nissan Deutschland. Mehr als 3000 Interessenten haben sich bereits registriert, um mehr Informationen über den Leaf zu erhalten oder eine Probefahrt zu vereinbaren.

Die Zeichen für einen zarten Elektrofrühling mehren sich. Insbesondere schätzen die Kunden die Möglichkeiten von Elektroautos realistischer ein, was der Technologie nützen dürfte. Es zeichnet sich ab, dass die Wagen nicht länger als teure Öko-Vorzeigekutsche ohne echten Verwendungszweck gekauft werden. Stattdessen finden die Stromer die ersten Nischen, in denen sie ihre Stärken ausspielen können.

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