Autobauer Daimlers Kampf um die Ethik

Daimler galt einmal als führender Premiumhersteller der Welt. Doch das Image hat gelitten: Das einst so stolze Unternehmen kämpft unter dem Druck der US-Börsenaufsicht SEC darum, zu einem Vorbild moralischer Unternehmensführung zu werden - aus gutem Grund.
Daimler-Chef Zetsche: Der Druck der US-Börsenaufsicht bleibt hoch

Daimler-Chef Zetsche: Der Druck der US-Börsenaufsicht bleibt hoch

Foto: BILL PUGLIANO/ AFP

Hamburg - Anfangs schienen alle zufrieden. Der Bericht, den Louis Freeh (62) im Sommer über den Automobilkonzern Daimler verfasst hatte - einen großen Daimler-Bericht lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des manager magazins - war schließlich viel besser ausgefallen als der letzte. "Der Tenor ist eindeutig positiv", kommentierte ein Mitglied des Stuttgarter Führungszirkels.

Ein Jahr zuvor hatte Freeh noch geschrieben, die Konzernführung habe keine klare Vorstellung davon, wie Compliance - also saubere Unternehmensführung - funktionieren sollte. Und weiter: "Ein 'Good-Old-Boys'-Network' bestimmter Daimler-Führungskräfte widersetzt sich weiter dem Wandel und gefährdet diejenigen, die die notwendigen Reformen anstreben."

Louis Freeh, der Autor dieser Zeilen, ist US-Bürger, er leitete von 1993 bis 2001 die amerikanische Bundespolizei FBI und gründete später die Beratung Freeh Group International. Für Daimler  ist er heute gleichzeitig Bewährungshelfer, interner Ermittler, Sittenwächter und Feind im eigenen Bett. Seine Berichte gehen an die New Yorker Börsenaufsicht SEC und das US-Justizministerium; und sie könnten, falls sie negativ ausfallen, zu einer Milliardenstrafe führen.

Dementsprechend geschockt reagierte die Daimler-Führung Ende 2010 auf Freehs Rapport. Die Sorge war begründet: Einen schlechteren Bericht habe man von einem Kontrolleur niemals bekommen, kommentierte damals schließlich eine US-Behörde.

Wäre es wieder so schlimm gekommen, davon sind viele in Stuttgart überzeugt, hätte es selbst für Daimler-Chef Dieter Zetsche (58) eng werden können. Dann hätte er dagestanden als jemand, der es trotz gewaltiger Anstrengungen nicht schafft, aus der Daimler AG ein sauberes Unternehmen zu machen.

Aber Freeh hatte ermutigende Worte gefunden. Es gebe noch einige Mängel, aber die seien nicht weiter Besorgnis erregend, fassten frühe Leser den Bericht zusammen. Der Konzern sei auf dem richtigen Weg.

Das war im Sommer 2011. Heute, ein knappes halbes Jahr später und nachdem Freeh die finale Fassung seines Werks im Herbst in New York, Washington und Stuttgart ablieferte, ist die Anfangsbegeisterung an der Daimler-Spitze wieder verflogen.

Arbeit unter Kuratel der Sittenwächter aus den USA

Freeh schärfte nach. Konkret bemängelte er vor allem vier Punkte:

1. Daimlers Whistleblowing-System arbeite nicht schnell genug; die in der Regel anonymen Eingaben und Vorwürfe der Mitarbeiter würden nicht schnell genug verarbeitet.

2. Es bleibe noch immer der Eindruck, Daimler schone in seinen Ermittlungen das Top-Management, gehe nur gegen die niederen Ränge mit der notwendigen Härte vor.

3. Daimler müsse sein Compliance-Programm intern besser überwachen.

4. Der Autobauer habe seine Geschäftspartner noch immer nicht im Griff. Insbesondere in Hochrisikoländern sei die Gefahr zu groß, dass diese Partner unsauber arbeiteten - sprich: Schmiergeld zahlten.

Sieben Jahre sind vergangen, seit ein ausgeschiedener Chrysler-Mitarbeiter die US-Börsenaufsicht auf Schwarzgeldkonten bei Daimler aufmerksam machte. Es ging, das stellte sich schnell heraus, um Korruption und die falsche Besteuerung von Auslandsmitarbeitern. Fünf Jahre lang erschütterten scharfe, teilweise erniedrigende Verhöre der US-Kanzlei Skadden Arps und deren deutscher Helfer das Management des Stuttgarter Konzerns. Anfang 2010 bekannte sich der Konzern dann schuldig, Dieter Zetsche stimmte einer Geldstrafe von 185 Millionen Dollar zu.

Daimler ist nur auf Bewährung frei

Eigentlich hätte der Fall damit erledigt sein sollen. Doch Daimler ist nur auf Bewährung frei. Die US-Behörden verlangten einen Aufpasser. Die Parteien einigten sich schließlich auf Louis Freeh und seine Freeh Group International, schon zuvor als Berater für Daimler tätig und auch jetzt natürlich bezahlt von den Deutschen. Zwei Jahre sind die Aufpasser mittlerweile im Haus, ein weiteres Jahr müssen Zetsche und Co. die Arbeit unter Kuratel wohl noch ertragen und werden in banger Stimmung Freehs Berichte erwarten.

Die Daimler-Spitze folgt also weiter der Losung, der Konzern müsse Vorbild in Sachen moralischer Unternehmensführung werden - auch auf die Gefahr hin, die Mitarbeiter allzu sehr zu regulieren, ihnen das Gefühl zu geben, sie seien vor allem potenzielle Rechtsbrecher und sie so massiv gegen sich aufzubringen.

Um die Mannschaft hinter sich zu bringen, geht der Vorstand jetzt sogar auf interne Roadshow. Jeweils ein Vorstandsmitglied diskutiert dabei mit den Mitarbeitern, erörtert mit ihnen ihre Bedenken, soll gute Ideen einsammeln - und die Teilnehmer am Ende davon überzeugen, dass der Konzern in Sachen Compliance den richtigen Kurs steuert. Der Aufwand ist gewaltig, nicht nur zeitlich. Um eine offene Diskussion zu gewährleisten, können sich die Teilnehmer vor Ort über ein Online-System äußern, ihre Meinungen zu den Statements kundtun und Fragen stellen. Und zum Auftakt lud Zetsche Mitte November nicht nur mehrere hundert Mitarbeiter. Er ließ auch den Kabarettisten Django Asül auftreten und unter anderem den Gewissensprüfer des "Süddeutsche Zeitung Magazins", Dr. Dr. Rainer Erlinger, mitdiskutieren.

Was war eigentlich so Schlimmes passiert bei Daimler?

Aber noch einmal kurz zurück geblickt: Was war eigentlich im Sommer so Schlimmes passiert bei Daimler? Was hatte die Situation nach Louis Freehs ersten, überwiegend positiv aufgenommenen Bericht, doch wieder so verschärft, dass Zetsche noch einmal in die Offensive geht?

Es war offenbar vor allem ein Fall in den USA, der Freeh nachdenklich stimmte: Daimler hatte über viele Monate Ernst Lieb überprüft, den Chef der dortigen Landesgesellschaft. Der Vorwurf gegen den Manager, einen der Vertriebsstars des Konzerns: Lieb habe sich auf Kosten des Unternehmens teure Annehmlichkeiten verschafft. Diese hätten ihm allerdings nicht zugestanden.

Wieder ein neuer Rückfall, so schien es. Wieder war der Präsident einer Landesgesellschaft ins Zwielicht geraten, so wie zuvor schon - teilweise erst in jüngster Zeit - Kollegen zum Beispiel in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Australien. Lieb beteuert zwar seine Unschuld, fristlos entlassen wurde er trotzdem. Das Unternehmen hält die Beweise gegen den US-Chef trotz dessen Beteuerungen für erdrückend.

Freeh indes interessierte sich nur nachrangig für Liebs angebliche Vergehen. Er fand es unverständlich, dass Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth (52) Lieb nach einer ersten Untersuchung im September in einem Brief bescheinigt hatte, der Konzern lasse alle Vorwürfe fallen. Porth habe damals noch nicht genügend Informationen über den Fall besessen, heißt es bei Daimler. Doch in Freeh setzte sich der Verdacht fest, das schon im Jahr zuvor bemängelte Netzwerk ewiggestriger Führungskräfte sei noch immer aktiv.

Konzern steckt im klassischen Dilemma

Daimler-Chef Zetsche steckt in einem klassischen Dilemma: Einerseits schafft er immer neue Stellen für interne Sittenwächter. Fast 300 Mitarbeiter sind mittlerweile für die Bereiche Compliance und Corporate Audit tätig. Auf Freehs Druck hin musste Zetsche sogar ein eigenes Vorstandsressort für das Thema schaffen und fand in Christine Hohmann-Dennhardt auch eine Art Idealbesetzung für den Posten: eine Frau, die mit Freeh auf Augenhöhe sprechen kann, von "Judge" zu "Judge" und die ihm deutlich häufiger Contra gibt als dass früher der Fall war.

Gemeinsam mit ihrer Nummer zwei Volker Barth baute Hohmann-Dennhardt so ziemlich die gesamte Compliance-Spitze um, schuf mehr investigative Stäbe und setzte neue Schwerpunkte. Der Konzern, das bescheinigen zumindest Compliance-Experten, hat inzwischen eine Sauberkeits-Organisation aufgebaut, die weltweit ihresgleichen sucht.

Andererseits bleibt ein hoher Anreiz, wirklich schwer wiegende Fälle zu unterdrücken. Denn jeder neue Fall, den die internen Konzernermittler aufdecken, rückt das Unternehmen wieder in ein schlechtes Licht - und macht Freehs vorzeitigen Abgang und ein frühes Sauberkeitszertifikat unwahrscheinlicher.

Der amerikanische Supercop hätte sich längst verabschieden können. Er muss nicht bis zum Ende der Bewährungsphase am 31. März 2013 abwarten. Doch "warum sollte er uns vorzeitig für sauber erklären?" fragt ein Topmanager. "Für den ist das hier doch ein Selbstbedienungsladen."

Unter den Verkäufern ist die Verunsicherung am stärksten

Und so wird der Konzern wohl noch mindestens ein gutes Jahr unter Kuratel der Amerikaner leben. Dabei ist es die Belegschaft längst leid. "Kein Geschäft der Welt ist es wert, gültige Gesetze, Regeln und ethische Normen zu verletzen", hat Zetsche ihnen mit auf den Weg gegeben - und tatsächlich kostet die Sauberkeitsoffensive Daimler regelmäßig mögliche Geschäfte.

Zum Beispiel berichten Manager immer wieder, die Compliance-Abteilung lasse Vertriebsanfragen mitunter so lange unbeantwortet, dass der Auftrag an Konkurrenten gehe.

Unter den Verkäufern ist die Verunsicherung am stärksten: was dürfen sie noch verschenken, was annehmen, was ist nach den Ethikregeln nicht mehr erlaubt? Es gibt zwar immer wieder Schulungen zu solchen Themen, es gibt auch dicke Ordner mit Regieanweisungen; aber bevor sie nachschlagen, wählen viele Daimler-Leute mittlerweile lieber die radikale Variante: Sie nehmen gar nichts mehr an.

Ombudsmann soll helfen

Umso häufiger wählen sie allerdings die Nummer einer internen Telefonhotline. "Tell us", also "erzähl' es uns", haben die Compliance-Chefs diese Linie genannt. Hier soll jeder anrufen - auch anonym, wenn er möchte - dem Kollegen aufgefallen sind, die sich nicht an die Regeln halten. Die Zahl der Anrufer und anonymen Briefschreiber ist so hoch, dass das Unternehmen mit dem Abarbeiten nicht mehr nachkommt und einen Ombudsmann berufen will.

Der neutrale Helfer, im Gespräch sind prominente Arbeitsrechtler, soll die Meldungen frühzeitig trennen: welche müssen verfolgt werden, welche sind von vornherein als absurd zu erkennen.

Der Plan allerdings ist schon wieder etliche Monate alt, der Ombudsmann nach Informationen aus Daimler-Kreisen auch schon vor einiger Zeit ausgewählt worden. Offiziell berufen jedoch ist er noch nicht. Aber nach sieben Jahren Compliance-Stress kommt es jetzt wohl auf ein paar Wochen mehr oder weniger nicht mehr an.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.