Fotostrecke

Im US-Fieber: Wie deutsche Autobauer in Amerika Gas geben

Foto:

DPA

Autoindustrie Deutsche Autobauer im US-Fieber

Die deutschen Autoschmieden fahren in den USA auf der Überholspur. 2011 sind sie mit einem Absatzplus von 24 Prozent doppelt so schnell gewachsen wie der US-Markt. Auch 2012 ruhen die Hoffnungen der Weltautobranche auf den USA - auch jene der deutschen Hersteller.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Die Amerikaner haben enormen Nachholbedarf beim Neuwagenkauf. Volkswagen  hat im Mai in der neuen Fabrik in Chattanooga - Tennessee - die Serienfertigung des auf Amerika zugeschnittenen Passat begonnen. Seitdem steigert der Konzern seinen Absatz im Jahresvergleich um über 22 Prozent. BMW  konnte die Produktion nach einem 750 Millionen Dollar umfassenden Ausbau seiner Kapazität im Werk Spartanburg um satte 80 Prozent hochschrauben.

Mercedes und BMW machen gemeinsam dem japanischen Konkurrenten Toyota  die Krone im Luxuswagen-Segment streitig. Audi  hat schon an Thanksgiving im November den US-Absatz des Vorjahres übertroffen und plant bekanntlich eine Fabrik in Nordamerika. Die Hinweise verdichten sich auf einen Standort im Süden der USA, während der Hersteller sich offiziell erst noch zwischen den USA und Mexiko entscheiden muss. Die lokale Fertigung auf dem Kontinent wird dann irgendwann ab 2015 beginnen.

Die US-Autoverkäufe haben im November um 14 Prozent zugenommen. Aufs Jahr hochgerechnet konnten sie mit einem Absatzvolumen von 13,6 Millionen Fahrzeugen den besten Wert seit dem August 2009 erzielen. Damals brachte die US-Version der Abwrackprämie - das "Cash for clunkers"-Programm - die US-Branche mit staatlicher Nachhilfe auf Hochtouren.

Dass sich die Verkäufe so gut entwickeln, obwohl die Rabattschlachten der Hersteller nicht ganz so heiß wogen wie vor einem Jahr, ist ein gutes Zeichen. "Das Momentum im Markt ist echt", sagt der Vizepräsident für Marketing und Verkauf bei Ford  in den USA, Ken Czubay.

Großer Nachholbedarf am US-Automarkt

Mehr noch. Der US-Markt hat auch einigen Nachholbedarf. Die US-Konsumenten haben seit der Finanzkrise ungezählte Neuwagenkäufe zurückgestellt. Das sieht man an der enorm niedrigen Verschrottungsrate. Sie liegt für gebrauchte Pkw deutlich unter dem langjährigen Schnitt. Das Durchschnittsalter des US-Fuhrparks hat daher bereits elf Jahre erreicht.

Vor Ausbruch der großen Rezession waren die Fahrzeuge im Schnitt zwei Jahre jünger gewesen. Der Autoanalyst Carlos Gomes bei der kanadischen Scotiabank sagt dem US-Markt für 2012 eine Zunahme der Pkw-Verkäufe auf 13,5 Millionen Einheiten vorher. Das wäre der höchste Wert seit 2007. Auch Gomes sieht als wichtigsten Treiber des Marktes aufgeschobene Ersatzanschaffungen.

Beim Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) erwartet man für den US-Markt ein Wachstum von 5 Prozent, im Vergleich zu den 4 Prozent Zuwachs, die global angepeilt werden. "Jeder achte neu registrierte Pkw in den USA stammt von einem deutschen Hersteller", freut sich VDA-Präsident Matthias Wissmann.

Damit übernimmt der nach China größte Pkw-Markt der Welt für das kommende Jahr noch mehr als im laufenden Jahr die Rolle eines Zugpferdes. Dass das auch in diesem Jahr schon so war, zeigt das Beispiel Volkswagen. Die Wolfsburger konnten ihren Absatz bis einschließlich November im US-Markt um 22,5 Prozent steigern. Das ist sogar mehr als der Zuwachs in Asien-Pazifik, wo VW im selben Zeitraum ein Plus von 18,3 Prozent verzeichnete.

Volkswagen beweist perfektes Timing

Die US-Zahlen klingen gut für die Wolfsburger. Doch ihre Ziele für den US-Markt sind ehrgeizig. Soll das angepeilte Volumen von 800.000 verkauften Pkw der Marke VW bis 2018 erreicht werden, muss der Absatz in den nächsten sieben Jahren verdoppelt werden. Bis in zwei Jahren will der Konzern in den USA wieder Gewinne einfahren. Nachdem Volkswagen Ende der 80er Jahre seine Produktion in den USA eingestellt hatte, kämpfte das Unternehmen lange um Marktanteile, hatte Probleme mit der Markenpositionierung und verlor Geld.

Seit Mai fertigt in Chattanooga die weltweit 62. Fabrik des Volkswagen-Konzerns den auf Amerika zugeschnittenen neuen Passat. In einer Zangenbewegung, mit der wahrscheinlich schon im laufenden Jahr dem japanischen Erzrivalen Toyota die globale Autokrone entrissen wird, sind die USA neben China der Schlüsselmarkt zum Erfolg.

"Erfolg in den USA ist ein wichtiger Bestandteil unserer globalen Strategie, bis 2018 Weltmarktführer zu werden", sagt der US-Chef bei VW, Jonathan Browning. "Der beste Beweis dafür ist in Chattanooga." Bei der Rückkehr mit einer lokalen Produktion in die USA, beweist VW perfektes Timing. Sie kommt in einer Phase, in der sich der Markt nach der großen Rezession neu belebt. Zuvor, in der Rezession, hatte Volkswagen das Glück, dank geringer Marktanteile wenig unter dem Einbruch der Nachfrage zu leiden.

Im Jahr 2009 wurden in den USA weniger Pkw verkauft als in den 27 Jahren zuvor. Mit welchem Schwung der Konzern in den USA ins neue Jahr geht, zeigen die Verkaufszahlen vom November. Sie schossen auf Jahresbasis um 41 Prozent in die Höhe.

Wo baut Audi die neue Fabrik?

Ähnlich ehrgeizig sind die Pläne bei Audi. Die Ingolstädter haben im jüngsten Monat erstmals mehr Autos verkauft als Mercedes. Damit steigen sie zur Nummer zwei der deutschen Premiumhersteller auf. In Nordamerika plant der Konzern bekanntlich ein neues Werk für lokale Fertigung. In den USA kursierten in der Woche vor Weihnachten heftige Spekulationen, die neue Audi-Fabrik könne in Huntsville in Alabama angesiedelt werden.

Der Herausgeber des Southern Business & Development-Magazins in Alabama, Mike Randle, hat mit einem lokalen Landbesitzer gesprochen, der von entsprechenden Verhandlungen über ein Grundstück für Audi berichtet. Zwischen Huntsville und Chattanooga besteht eine Eisenbahnverbindung. Audi und VW könnten viele Zulieferer vor Ort gemeinsam beschäftigen.

Schon im November hatte Audi in den USA mehr als 100.000 Autos für das Jahr verkauft und damit den Rekord von 2010 gebrochen. In den USA haben die Ingolstädter gegenüber BMW, Mercedes und den Japanern noch einiges aufzuholen. Der Amerika-Präsident bei dem Unternehmen, Johan de Nysschen, erwartet in diesem Jahr einen US-Absatz von 117.000 Fahrzeugen. Vermutlich hätten es mehr sein können, denn das Unternehmen kommt mit der Lieferung kaum nach. Statt der branchenüblichen 60 Tage in der Versorgungspipeline schafft es der Q5 derzeit auf nur 14 Tage.

Auf allen Zylindern brummt auch Mercedes in Tuscaloosa, Alabama. Im November verbuchten die Stuttgarter Autobauer in den USA auf Jahresbasis ein sattes Plus von 47 Prozent. Die Schlagzahl ist so hoch, dass zum zweiten Mal hintereinander die Konkurrenz aus München abgehängt wurde. Mercedes konnte im November 5000 Fahrzeuge mehr absetzen als BMW und liegt jetzt für das Jahr gesehen nur noch 1600 Autos hinter den Münchnern.

BMW lässt es krachen

Beide deutschen Hersteller wollen in den USA 2011 endlich den seit elf Jahren regierenden Lexus im Luxuswagensegment beerben. Der Absatz der Japaner ging nach dem Erdbeben im März im Jahresvergleich um 14 Prozent zurück. "Das wird ein äußerst knappes Rennen", sagt Jesse Toprak, ein Industrieanalyst bei TrueCar.com, einer Webseite, die Autoverkäufe aufzeichnet. "Geht es nach dem aktuellen Momentum", sagt Toprak, "hat Mercedes gute Chancen, das Rennen in diesem Jahr zu gewinnen".

Die Vorbereitungen und Umbauten in Tuscaloosa für die Fertigung der C-Klasse ab 2014 beginnen in diesen Tagen. Sie sind Teil einer zwei Milliarden Dollar umfassenden Expansion der Stuttgarter in den USA. Die Automotive News Europa hat Anfang Dezember berichtet, dass Daimler  seinen Ausstoß in Tuscaloosa im kommenden Jahr mit einer dritten Schicht um gut 30 Prozent ausbauen könnte.

Die Fertigung soll demnach von geschätzten 143.000 Fahrzeugen in 2011 auf 185.900 im kommenden Jahr steigen. Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte im Juli nach einem Besuch in Tuscaloosa dem Werk eine blühende Zukunft und zusätzliche Aktivitäten in Aussicht gestellt. Das nährte Spekulationen, dass ab 2015 in Alabama auch ein M-Klasse Coupé gebaut werden könnte.

Vielversprechendes Geschäftsklima

Richtig krachen ließ es 2011 in den USA die Konkurrenz aus München. BMW hat in Spartanburg im laufenden Jahr die Produktion bereits über 80 Prozent gesteigert und das angepeilte Ziel von 270.000 Fahrzeugen in Reichweite. Es dürfte vor Weihnachten bereits übertroffen worden sein.

Vor dem Abschluss der Erweiterung in Spartanburg Ende 2010 waren 150.000 Fahrzeuge gefertigt worden. BMW exportiert etwa 70 Prozent der lokalen Produktion von South Carolina aus in über 130 Länder. BMW konnte seine Verkäufe in den USA im laufenden Jahr bis November um 12 Prozent auf 221.000 Fahrzeuge steigern. US-Chef Ludwig Willisch will "mittelfristig einen Absatz von 300.000 Einheiten erreichen".

Das Geschäftsklima in den USA scheint aus deutscher Sicht für 2012 vielversprechend zu sein. Die Deutsch-Amerikanischen Handelskammern haben in der jüngsten Umfrage "German American Business Outlook" ermittelt, dass deutsche Firmen im kommenden Jahr in den USA schneller als die Konjunktur wachsen wollen.

Die Erholung nach der großen Rezession habe sich 2011 weiter intensiviert, bei einer anhaltenden Erholung der Preise. Satte 72 Prozent der deutschen Firmen in den USA haben demnach im laufenden Jahr einen "besseren" oder "viel besseren" Umsatz erzielt. Die Beschäftigung habe 7 Prozent zugenommen, im Autosektor sogar fast 10 Prozent. Im neuen Jahr wollen 67 Prozent der Firmen ihre Beschäftigung auf der anderen Seite des Atlantiks ausbauen, heißt es bei den Kammern.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.