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Elektroautos: Welche E-Mobile zu den Händlern kommen

Elektroautos Der Stotterstart der Stromer

Es sollte das Jahr des Aufbruchs werden - doch bei den Elektroauto-Pionieren kehrt Ernüchterung ein. Die Verkaufszahlen der Stromer bleiben in Deutschland minimal. 2012 werden Kunden zwar deutlich mehr Auswahl an Modellen haben. Doch die größte Hürde bleibt.

Hamburg - Wenige Tage vor Weihnachten haben die Elektroauto-Befürworter noch einen prominenten Politiker zum emissionsfreien Fahren bekehrt - zumindest für einen Fototermin. Am Montag überreichte BMW feierlich einen Elektro-1er an Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Und der ließ es sich nicht nehmen, sich selbst kurz hinters Steuer des "ActiveE" genannten BMW-Kompaktautos zu klemmen.

Doch die Wandlung von Tillich zum Elektroauto-Piloten währte nur kurz: In den kommenden drei Monaten soll der ActiveE die Dienstwagenflotte der sächsischen Regierung ergänzen, hieß es danach. Tillichs Mitarbeiter können den Wagen als Selbstfahrer nutzen und so Alltagserfahrungen sammeln. Der Ministerpräsident selbst wird sich aber auch in den nächsten Wochen im Audi A8 zu seinen Terminen fahren lassen.

Das passt ins Bild, das der deutsche Markt für Elektroautos derzeit abgibt. So wie Sachsens Ministerpräsident scheuen auch Autokäufer den Umstieg auf ein Elektroauto, wie die Zulassungszahlen zeigen.

Dies liegt auch daran, dass in diesem Jahr nur sehr wenige Modelle im Handel verfügbar waren. Mitsubishi, Peugeot und Citroën bieten für rund 35.000 Euro einen baugleichen Pkw mit rund 150 Kilometer Reichweite an. Für rund 50.000 Euro haben Ford und Citroën seit einiger Zeit Elektrotransporter im Programm. Renault offeriert seit Anfang November den Elektro-Lieferwagen Kangoo Z.E. für knapp 24.000 Euro, dazu kommt noch eine monatliche Batterie-Leasingrate von 86 Euro.

Doch auch wenn man die sehr eingeschränkte Auswahl an Fahrzeugen berücksichtigt, bleiben die Absatzzahlen für die Stromer im homöopathischen Bereich - entgegen den Hoffnungen der Autohersteller.

83 Zulassungen im November - Bundesregierung will eine Million bis 2020

Ganze 83 Elektroautos wurden deutschlandweit im November neu zugelassen, zeigen die Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts. Seit Jahresanfang waren es exakt 1994 Stück. Zum Vergleich: Von Januar bis November kauften die Deutschen 2,91 Millionen Neuwagen mit Benzin- oder Dieselantrieb. Elektroautos kamen in diesem Jahr auf bisher nur 0,06 Prozent aller Neuwagen-Zulassungen.

Mit diesem schleppenden Start ins Elektroauto-Zeitalter ist auch der ehrgeizige Plan der Bundesregierung gefährdet, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu haben. Laut den Hochrechnungen der Nationalen Plattform Elektromobilität sollten in diesem Jahr bereits 10.000 Stromer auf Deutschlands Straßen herumkurven. Tatsächlich werden es weniger als die Hälfte sein.

Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen geht mit den Stromer-Verkaufszahlen hart ins Gericht. "Die bisherige Bilanz sieht ernüchternd aus", urteilt Dudenhöffer in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Zumal ein Großteil der Stromer-Zulassungen an der Masse der Autokäufer vorbeigeht. Ganze 101 Elektroautos wurden in elf Monaten von Privatkunden gekauft, weist Dudenhöffer nach.

Über 90 Prozent der wenigen Stromer in Deutschland sind auf Autohersteller, Händler und Unternehmen zugelassen. Nur 3 Prozent aller in diesem Jahr verkauften Elektroautos gingen an Vermieter. Damit sind Elektroautos in Deutschland außer in Werbespots "unsichtbar", kritisiert Dudenhöffer.

Elektroautos sind Privatkäufern noch zu teuer

In vielen anderen Ländern sei man bei Elektroautos deutlich schneller unterwegs als in Deutschland, meint Dudenhöffer. So wurden etwa in den USA in diesem Jahr zehnmal so viele Elektroautos verkauft wie in Deutschland, obwohl der US-Automarkt nur viermal größer ist. Eine der Hauptursachen für das Schneckentempo in Deutschland seien die Förderprogramme der Regierung, urteilt der Autoexperte. Es dauere sehr lange, bis Wettbewerbe definiert werden und Projekte genehmigt sind. Frankreich sei hier deutlich schneller, sagt Dudenhöffer. So werden allein in Paris bis zum Frühjahr 3000 Elektroautos im Carsharing eingesetzt werden - auf Betreiben von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy.

Gerade einmal 4 Prozent der deutschen Pkw-Besitzer können sich derzeit vorstellen, ein Elektroauto zu kaufen. Das zeigt eine Studie des Autozulieferers Continental, die vom Sozialforschungsinstitut Infas durchgeführt wurde. Bis 2020 werden rein batteriebetriebene Autos gerade mal einen Anteil von 3 Prozent am Neuwagenmarkt erreichen, sagen die Marktforscher voraus. Inklusive Hybridautos, die Elektroantrieb und Verbrennungsmotor an Bord haben, werden es voraussichtlich 11 Prozent am Gesamtmarkt sein.

Das Hauptproblem der meisten Elektroauto-Interessenten haben die Marktforscher ebenfalls ermittelt: Die Fahrzeuge sind potenziellen Privatkäufern einfach zu teuer. Bis zu 10.000 Euro beträgt der Aufpreis für einen reinen Elektroantrieb im Vergleich zu herkömmlichen Antrieben. Bis 2020 werden die Preise für Elektroautos zwar fallen, heißt es von Seiten aller großen Automobilhersteller. Doch mit einem drastischen Preisrutsch, wie er etwa bei Laptop-Akkus in den letzten Jahren eingesetzt hat, rechnet kaum einer.

Opel stoppt Auslieferung, Daimler kämpft mit Fertigungsproblemen

Potenzielle Elektroautointeressenten haben ein paar Meldungen der letzten Wochen zusätzlich verschreckt. So stoppte Opel fürs Erste die Auslieferung seines Elektroautos Ampera, das seit Anfang November bei den Händlern steht und kräftig beworben wird. Denn vor kurzem geriet ein Exemplar des Schwesterfahrzeugs Chevrolet Volt in den USA in Brand - drei Wochen nach einem Crashtest. Ursache war vermutlich der Stromfluss aus der nicht entladenen Batterie.

Für die ohnehin schwachen Volt-Verkäufe sind solche Hiobsbotschaften Gift. Die Absatzzahlen des GM-Hoffnungsträgers liegen ohnedies unter jenen 10.000 Exemplaren, die der US-Autoriese für dieses Jahr eingeplant hatte. Vor Abschluss der Untersuchungen durch die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHSTA will Opel nun keine Fahrzeuge des Volt-Schwestermodells Ampera an Privatleute abgeben.

Der Verkaufsstopp sei schlecht für das Image des Ampera, meint Franz Rudolf Esch, Marken- und Autoexperte der EBS Business School Wiesbaden. Und die Verschiebung der Auslieferung auf unbestimmte Zeit suggeriere, dass die Probleme größer seien als erwartet.

Probleme hat auch Daimler mit seinem Elektroauto Smart Electric Drive. Das Fahrzeug wird in Deutschland zwar wie geplant ab Juni 2012 an Endkunden ausgeliefert, doch in einigen Ländern verzögert sich die Markteinführung. Ein Lieferant von Daimlers Batteriezellen-Hersteller Li-Tec hat Probleme bei der Fertigstellung von Teilen, die für die Anlagen zur Akkuzellen-Serienproduktion benötigt werden. Mit den Batterien selbst gibt es keine Probleme, betont Daimler - doch die Verschiebung passt nicht so ganz ins Bild des als perfektionistisch bekannten Autoherstellers.

2012 bringt mehr Auswahl - doch die Skepsis bleibt

Immerhin wird es im kommenden Jahr in Deutschland deutlich mehr Auswahl an Elektroautos großer Hersteller geben: Renault bringt mit dem Fluence Z.E, dem Twizy und dem Zoe gleich drei neue Stromer nach Deutschland. Nissan verkauft sein Elektroauto Leaf ab April auch hierzulande - für 37.000 Euro. Die große Welle deutscher Elektroautos startet aber erst 2013, wenn BMW und Volkswagen ihre ersten rein batteriegetriebenen Fahrzeuge auf den Markt bringen werden.

Selbst Fachleute scheinen nicht zu glauben, dass Elektroautos in absehbarer Zeit durchstarten werden. "Die Zukunft ist elektrisch - aber wann ist die Zukunft?" fragte der Leiter von Boschs KFZ-Technik, Bernd Bohr, vor Kurzem ketzerisch.

Doch die Regierung hält eisern an ihrem Millionen-Ziel fest: Ende November bekräftigte Bundesverkehrsminister Ramsauer die Zahl erneut. Mindestens die Hälfte der Fahrzeuge sollte aus deutscher Produktion stammen, gab Ramsauer die Richtung vor.

Manche Fachleute sehen den Start etwas verhaltener. Dazu zählt Magna-Technikchef Burkhard Göschel, der auch der Nationalen Plattform Elektromobilität angehört. Im Interview mit manager magazin Online meinte er, dass es bis 2020 mehr Hybridantriebe und weniger Elektroautos geben werde als bislang vorausgesagt. Daimler-Technikchef Thomas Weber mahnt, dass die Politik in Deutschland Rahmenbedingungen schaffen müsse - von steuerlichen Anreizen bis hin zu einer ausgebauten Ladeinfrastruktur.

Zuschüsse zum Kaufpreis bringen nur wenig

Doch in den nächsten Monaten wird in Deutschland nicht ausgebaut, sondern zunächst mal fleißig getestet: Im März 2012 sollen dann drei bis fünf Regionen ausgewählt werden, die insgesamt 180 Millionen Förderung bekommen. Dort sollen dann umfassende Konzepte zur Elektroauto-Nutzung erprobt werden - vom Netz an Ladestationen bis hin zu eigenen E-Auto-Parkregelungen. Die Regierung lässt sich dabei offenbar eine Hintertüre offen: Der für Elektromobilität zuständige Staatssekretär Rainer Bomba betonte, dass verschiedene Wege zu Mobilität weiterhin parallel geprüft werden sollen - etwa Wasserstoffantriebe.

Eines schließt die Regierung aber nach wie vor aus: Direkte Förderungen für den Kauf von Elektroautos wird es auch künftig nicht geben. Damit scheint die Regierung richtig zu liegen. Denn staatliche Subventionen für den Kauf von Elektroautos haben in Europa kaum Auswirkungen auf die Kaufentscheidungen, zeigt eine Analyse des internationalen Marktbeobachters Jato Dynamics.

So bietet etwa Dänemark Steuervorteile bis zu 20.000 Euro pro Elektrofahrzeug - trotzdem wurden bei dem nördlichen Nachbarn im ersten Halbjahr nur 283 Neuanmeldungen registriert. In Norwegen waren im ersten Halbjahr 1,23 Prozent aller neu zugelassenen Fahrzeuge Elektroautos - ein europäischer Rekordwert.

Die Jato-Forscher führen das auf eine Reihe von Maßnahmen zurück. So können norwegische Elektroauto-Piloten Busspuren nutzen und kostenlos in der Innenstadt von Oslo parken. Für Elektroauto-Pioniere scheint also der Preis weniger eine Rolle zu spielen als das Gesamtpaket an Vorteilen im Straßenverkehr. Vielleicht sollte die deutsche Regierung bei solchen Maßnahmen bald einen Schritt nach vorne wagen.

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