Insolvenzantrag GM beerdigt Saabs letzte Hoffnung

Mit Saabs Insolvenzantrag ist das Schicksal der schwedischen Automarke besiegelt. Wie hart GM mit ehemaligen Töchtern umspringt, hat bereits der gescheiterte Opel-Verkauf gezeigt. Nun werden die seltsamen Geschäfte des Saab-Chefs für Schlagzeilen sorgen.
Rostiger Saab bei einem Autoverwerter: Dem Unternehmen droht ein ähnliches Schicksal

Rostiger Saab bei einem Autoverwerter: Dem Unternehmen droht ein ähnliches Schicksal

Foto: Christian Charisius/ dpa

Hamburg - Wenn es darum geht, Optimismus zu verbreiten, ist Saab-Chef Victor Muller nicht zu schlagen. Ende Oktober zog der niederländische Millionär, der über sein Unternehmen Swedish Automobile N.V. die Mehrheit an Saab hält, seinen letzten vermeintlichen Trumpf im Überlebenskampf des schwedischen Autobauers: Der Einstieg der chinesischen Autohersteller Youngman Lotus und Pang Da sollte den klammen Schweden 100 Millionen Euro in die Kassen spülen. "Das bringt Stabilität und neues Kapital", erklärte Muller damals vollmundig. "Nun können wir stolz sagen, wir haben es geschafft".

Doch Muller hatte wie schon so oft zuvor die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Und das ist in diesem Fall die ehemalige Konzernmutter General Motors (GM), die nach wie vor Anteile an ihrer ehemaligen Tochter hält und damit ein Veto gegen etwaige Verkäufe einlegen kann.

Saabs Fahrzeuge basieren nach wie vor auf Fahrzeugarchitekturen, die von GM entwickelt wurden. Die Autos der Schweden enthalten Bauteile, die zumindest in Grundzügen aus dem GM-Fundus stammen. Und sie verwenden Patente, die GM gehören. Diese Technologien will der Autoriese nicht aus der Hand geben - schon gar nicht an einen chinesischen Autohersteller, der GM dann in seinem größten Hoffnungsmarkt China damit Konkurrenz machen könnte.

GM hat sich bereits mehrfach gegen Saab-Investoren quergelegt, die dem Autoriesen in seinen Wachstumsmärkten gefährlich werden könnten. Zuerst wollte Muller bei Saab den russischen Investor Wladimir Antonow an Bord holen, der bereits Mullers Luxusautoschmiede Spyker jahrelang im Hintergrund finanziert hatte. Doch ein Einstieg von Antonow bei Saab scheiterte auch am Widerstand von GM. Antonow wurden Mafia-Kontakte nachgesagt, die der 36-Jährige stets bestritt. Doch viel mehr noch dürfte die GM-Führung die Nationalität des umtriebigen Russen und seine guten Verbindungen zu russischen Autoherstellern gestört haben.

Gescheiterter Opel-Verkauf als Blaupause?

Als sich abzeichnete, dass ein Antonow-Einstieg nicht gelingen würde, intensivierte Muller Gespräche mit möglichen Investoren aus China. Bereits seit Mai dieses Jahres verhandelt Muller mit diversen chinesischen Autoherstellern. Zuerst war es die eher unbekannte Hawtai Motor Group, danach sollte der Autohersteller Great Wall bei den Schweden einsteigen. Und als letztes Aufgebot präsentierte Muller nun die Kombination aus dem Autohersteller Youngman Lotus und dem Autohändler Pang Da.

Im Hintergrund lehnte GM wohl alle China-Investoren ab. Kurz nach Mullers optmimistischer Erklärung Ende Oktober machte GM dann unmissverständlich klar, was Saab bei einem Einstieg der beiden Autobauer erwarten würde. Sollten sich die Besitzverhältnisse wie geplant ändern, werde GM "die bestehenden Technologielizenzen nicht verlängern", sagte ein GM-Sprecher Anfang November. Danach versuchte Muller, die Struktur des China-Deals nochmals abzuändern, indem er noch die Bank of China in den Saab-Deal einbeziehen wollte. Doch er hatte mit einem chinesischen Investor keine Chance, wie sich nun endgültig zeigt.

Wie hart GM bei den sensiblen Patentfragen reagiert, hat der Konzern vor zwei Jahren auch in Deutschland gezeigt - beim hiesigen Krisenfall Opel. Monatelang hatte die damalige Opel-Führungsmannschaft versucht, einen Investor für Opel zu finden. Doch der Autozulieferer Magna hatte den aus GM-Sicht falschen Partner mit ins Boot geholt: Die russische Sberbank. Letztlich scheiterte der Opel-Verkauf an derselben Konstellation wie der Saab-Deal. GM hatte Angst, dass seine Technologien in die Hände von Konkurrenten in seinen eigenen Wachstumsmärkten gelangen.

Die seltsamen Geschäftspartner des Mr. Muller

Jetzt bleibt dem trickreichen Victor Muller wohl kein Ausweg mehr - und seine seltsamen Geschäftsdeals der letzten Monate werden in Schweden noch lange für Diskussionen sorgen. Ende September etwa hat Muller den Sportwagenhersteller Spyker, den er vor rund zehn Jahren gegründet hatte, für 32 Millionen Dollar an den US-Hedgefonds North Street Capital verkauft.

Der Fonds weist aber viele Merkwürdigkeiten auf, wie Recherchen von manager magazin Online zeigen. Laut Eintragung in einem US-Ranking ist North Street Capital gerade mal ein Jahr alt ist und residiert in einem Mietbüro von Regus. Der Chef des Fonds, Alex Mascioli, war vor seinem plötzlichen Einstieg in die Private-Equity-Branche in der Haustierbedarfsbranche tätig.

Es ist denkbar, dass Mascioli als Strohmann für den russischen Investor Antonow diente. Denn Antonow deutete immer wieder an, dass er weiterhin bei Saab ein wichtiges Wort mitzureden habe - obwohl er offiziell nicht an dem schwedischen Autohersteller beteiligt war.

Doch derzeit hat Antonow wohl einige andere Probleme zu lösen. Der autofanatische Russe, dem unter anderem den britischen Fußballclub Portsmouth gehört, wurde vor wenigen Wochen in London verhaftet. Seiner Festsetzung waren die Zusammenbrüche einer litauischen und einer lettischen Bank vorausgegangen, an denen Antonow die Mehrheit hält.

Doppeltes Gehalt für den Saab-Chef

Antonow kam gegen Zahlung einer Kaution von 75.000 Pfund wieder frei, muss aber demnächst wieder vor Gericht erscheinen. Die Behörden wollen herausfinden, wohin die 1,6 Milliarden Dollar geflossen sind, die in den Kassen der beiden Banken fehlen.

Antonow könnte Muller also demnächst als Geldgeber fürs Erste abhanden kommen - und Schwedens Saab-Fans hat Muller mit einer ungeschickten Geste verärgert. Wie aus offiziellen Dokumenten hervorgeht, verdoppelte Muller sein Gehalt als Saab-Chef im Jahr 2010 auf 600.000 Euro.

Solche Gehaltssprünge kommen bei den Angestellten eines Autoherstellers, der um sein Überleben kämpft, nicht besonders gut an. Der Gehaltsreport des Saab-Eigners Swedish Automobile für 2011 ist noch nicht fertig - doch klar ist, dass auch Victor Muller ein heißer Start ins kommende Jahr bevorsteht.

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