Deutsche Autobauer Die (beinahe) Unbesiegbaren

Starke Produkte, globale Strategie: Die deutschen Autobauer bekommen von der Krisenstimmung in Europa bislang wenig mit. Noch boomen die Verkäufe - doch spätestens 2012 müssen wohl auch VW, BMW, Porsche und Daimler der Euro-Krise Tribut zollen.
Montage des VW Passat im neuen US-Werk in Chattanooga: Volkswagen erzielt einen Großteil seiner Erfolge im Ausland - wie andere Hersteller auch

Montage des VW Passat im neuen US-Werk in Chattanooga: Volkswagen erzielt einen Großteil seiner Erfolge im Ausland - wie andere Hersteller auch

Foto: Volkswagen

Hamburg - Es gibt die Euro-Schuldenkrise, es gibt Sorgen um ein Abflauen der Konjunktur, es gibt Stimmen, die eine neue Rezession für Teile Europas heraufbeschwören - und es gibt bei aller Schwarzmalerei anscheinend eine Insel der Glückseligen: die deutsche Autoindustrie.

Jedenfalls die börsennotierten Premiumhersteller, also Volkswagen inklusive Audi, BMW , Daimler  und Porsche . Während die Wolken über der Wirtschaft immer dunkler werden, gehen diese Firmen unverdrossen ihrem Tagewerk nach: Sie verkaufen höchst erfolgreich Autos und verdienen viel Geld damit.

Ein Blick auf die Ergebnisse des jüngst abgelaufenen dritten Geschäftsquartals macht das deutlich: Daimler und Porsche erzielten Absatzrekorde, Volkswagen meldete einen Gewinnsprung von fast 50 Prozent und BMW blickt auf das erfolgreichste Vierteljahr seiner Unternehmensgeschichte zurück.

Auch zum Auftakt des Schlussquartals erreichten die Verkaufszahlen neue Höchststände. Schon jetzt dürfte daher feststehen, dass 2011 wiederum ein Jahr der Autobauer wird, mit vielen neuen Rekorden. Kein Zufall also, dass das manager magazin gerade Norbert Reithofer zum "Manager des Jahres" kürte - den BMW-Chef, einen Automann also.

Und die Autokäufer in Deutschland? Sie vergeben an die heimischen Autohersteller Spitzenplätze im Verkaufsranking - zumindest was Neuwagen angeht (siehe Überblick).

Cadillac, Volvo, Saab und Alfa Romeo verdrängt

Fachleute verwundert dieser Erfolg der Branche kaum. Sie erklären ihn vor allem mit zweierlei: Einerseits verfügen insbesondere BMW, Mercedes, Audi und Porsche über Produkte, die der Konkurrenz im gehobenen Segment schlicht überlegen sind. "Fast alle deutschen Premiumhersteller haben ihre Marktanteile weltweit in den vergangenen Jahren gesteigert", sagt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. "Sie sind also auf Kosten der internationalen Wettbewerber gewachsen."

Marken wie Cadillac, Volvo , Saab oder Alfa Romeo, die vor 20 Jahren noch gleichauf waren, wurden auf diese Weise abgehängt, so der Experte. "Die Deutschen haben konsequent auf Qualität gesetzt, die auch das vergleichsweise hohe Preisniveau rechtfertigt", sagt er. "Design, Fahrverhalten, Technologie und Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen einfach."

Pieper erklärt das auch mit der Qualität der Mitarbeiter. "Befragungen ergeben immer wieder, dass die Autobauer hierzulande zu den beliebtesten Arbeitgebern zählen", sagt er. "Sie ziehen daher die besten Leute an, was in anderen Ländern nicht immer der Fall ist."

Der zweite Punkt: Die hiesigen Automanager haben in der Vergangenheit viele richtige Entscheidungen getroffen. So wurde zum Beispiel die vergangene Wirtschaftskrise von vielen konsequent genutzt um Kosten zu senken. Das zahlt sich jetzt aus.

Erste Schwächen bei Premiumherstellern

Goldrichtig lagen die Hersteller zudem schon viel früher, als sie ihre Expansion über die deutschen Grenzen hinaus trieben, auf wichtige Märkte wie die USA oder die Schwellenländer in Fernost und Südamerika. Durch die starke Position in diesen Regionen können die Unternehmen derzeit Absatzschwächen in Europa mehr als ausgleichen.

"Volkswagen wird 2011 in China erstmals mehr als zwei Millionen Autos verkaufen", unterstreicht Frank Schwope, Autoanalyst bei der NordLB. "Für BMW wird China im kommenden Jahr wohl der wichtigste Markt weltweit werden."

Ähnlich bedeutsam ist auch das Geschäft in Nordamerika. Volkswagen  zum Beispiel baut dort im neuen Werk in Chattanooga seit kurzem den US-Passat, mit dem der Konkurrenz vor allem von Toyota  Marktanteile abgejagt werden sollen. Auch Daimler plant gemeinsam mit dem Kooperationspartner Nissan  ein neues Werk in Mexiko, für den US-amerikanischen Markt.

Argumente, die auch am Finanzmarkt gut ankommen. "BMW, Mercedes, VW und Porsche sind globale Marken", sagt Jürgen Meyer, Fondsmanager bei SEB Asset Management. "Es gibt daher keine Abhängigkeit von einzelnen Märkten. Man verkauft einfach dorthin, wo gerade die Musik spielt." Und Olivier Huet, Fondsmanager der französischen Edmond de Rothschild Asset Management, ergänzt: "Deutsche Autobauer profitieren auf einzigartige Weise von ihrem guten Ruf in Bezug auf Qualität und Markenstärke. Auf diese beiden Kriterien legen besonders wohlhabende Menschen bei Statusprodukten viel Wert."

Erste Anzeichen eines Abschwungs

Soweit erscheint das Bild also makellos: Die deutschen Autobauer, trotz Euro-Schuldenkrise und Konjunktursorgen eine Phalanx der Unbesiegbaren. Doch ganz so einfach ist es nicht. Auch in der Autoindustrie machen sich erste Anzeichen eines Abschwungs bemerkbar. Und Experten sind sich einig: Früher oder später werden das auch die deutschen Premiummarken zu spüren bekommen.

Die Indizien dafür häufen sich bereits. Der französische Hersteller Peugeot etwa will Gewerkschaftsangaben zufolge demnächst 5000 Jobs in Frankreich streichen. Auch der deutsche Konkurrent Opel merkt schon die nachlassende Nachfrage. Auf einem Kongress Anfang November prophezeite Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke der gesamten Autobranche europaweit eine "empfindliche Abkühlung".

"2012 wird ein Jahr der Stagnation im weltweiten Automarkt", schätzt Analyst Schwope. Er verweist jedoch darauf, dass die deutschen Hersteller derzeit zumindest noch volle Auftragsbücher haben.

Metzler-Analyst Pieper nennt Zahlen: "Ich erwarte 2012 auch für die Premiumhersteller die Rückkehr in ein normales bis schwieriges Umfeld mit einem weltweiten Wachstum zwischen null und 3 Prozent", sagt er. Zum Vergleich: 2010 legte der Weltautomarkt erstmals seit Jahrzehnten zweistellig zu. "Die Jahre 2010 und 2011 waren Ausnahmejahre für die Branche", so Pieper.

Schließlich: Wer genau hinsieht, erkennt auch bei den starken deutschen Herstellern schon einige Anzeichen der Schwäche. Die Quartalsbilanz von Daimler beispielsweise wurde getrübt durch Sondereffekte wie hohe Materialkosten und Wechselkursschwankungen. Trotz des Absatzrekords verzeichneten die Stuttgarter ein Minus beim operativen Gewinn von 15 Prozent.

Auch in Wolfsburg herrscht keineswegs nur eitel Freude und Sonnenschein. VW-Chef Martin Winterkorn warnte bei der Vorlage der Quartalsbilanz angesichts der zunehmenden Konjunkturrisiken vor allzu großer Euphorie. Die Euro-Schuldenkrise werde die Nachfrage in vielen Märkten Westeuropas im vierten Quartal beeinträchtigen, so Winterkorn. Ganz so unbesiegbar, wie es aussieht, sind die großen deutschen Autobauer eben doch nicht.

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