Wilfried Eckl-Dorna

Verschobene Fusion mit Volkswagen Porsche ist zum Wachstum verdammt

Volkswagen gibt nun endlich zu, was sich seit Monaten abgezeichnet hat: Die Verschmelzung mit Porsche lässt noch auf sich warten. Zeitlich war die Bekanntgabe so knapp vor der IAA zwar klug geplant. Doch Porsche-Chef Matthias Müller kommt die Verschiebung teuer zu stehen.
Porsche 911: Die Neuauflage der Sportwagenikone wird Porsche auf der IAA viel Aufmerksamkeit bescheren - und von den Fusionsproblemen ablenken

Porsche 911: Die Neuauflage der Sportwagenikone wird Porsche auf der IAA viel Aufmerksamkeit bescheren - und von den Fusionsproblemen ablenken

Hamburg - Eines muss man Porsche-Chef Matthias Müller lassen: Der langjährige Weggefährte von VW-Chef Martin Winterkorn versteht sich darauf, schlechte Nachrichten strategisch und zeitlich geschickt zu platzieren.

Seit Wochen rührt Porsche  lautstark die Werbetrommel für die Neuauflage seiner Sportwagenikone. In wenigen Tagen präsentieren die Zuffenhausener ihren rundum erneuerten 911er auf der Frankfurter Automobilmesse IAA. Müller hat in mehreren Interviews ehrgeizige Ziele ausgegeben: Er will Ferrari mit einem Luxus-Porsche Konkurrenz machen, die Anzahl seiner Baureihen von vier auf demnächst sieben steigern und in den kommenden Jahren seinen Absatz auf 200.000 Fahrzeuge jährlich verdoppeln.

Bei so viel Wachstumsfantasie fällt eine schlechte Nachricht kaum ins Gewicht, spekulieren die Strategen bei Porsche offenbar. Ganz knapp vor dem Start der IAA haben Porsche und sein künftiger Eigentümer Volkswagen  nun vermeldet, dass Volkswagen seinen Zeitplan für die Porsche-Fusion nun doch nicht einhalten kann. Damit wollten sich beide Autohersteller wohl auch unangenehme Nachfragen auf der Automesse ersparen. Doch mit einer Wahrheit wollen beide nicht so recht herausrücken: Porsche kommt das bange Warten auf die Fusion teuer zu stehen.

Verschiebung zeichnet sich seit Monaten ab

Dass die geplante Vereinigung von Volkswagen und Porsche wohl handfeste rechtliche Schwierigkeiten bereitet, zeichnet sich bereits seit Monaten ab. Wie es um die Fusionspläne wirklich steht, ließ sich bereits Ende vergangenen Jahres erahnen. Mitte November luden Volkswagen und Porsche eine handverlesene Schar von Journalisten recht unvermittelt zum Abendessen ein.

Im gediegenen Restaurant Christophorus oberhalb des Porsche-Museums servierte Volkswagen dann harte Kost zu perfekt gebratenen amerikanischen Steaks. Eine knappe Stunde benötigte VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch, um der versammelten Runde die juristischen Feinheiten der geplanten Porsche-Übernahme nahezubringen. Pötschs Botschaft an diesem denkwürdigen Abend war eindeutig: Die drohenden Anlegerklagen gegen Porsche in den USA und Deutschland erschweren die Bewertung der Porsche SE - und gefährden deshalb die Verschmelzung zwischen Volkswagen und Porsches Finanzholding.

Man halte weiterhin am Zeitplan fest, die beiden Unternehmen noch im Jahr 2011 zu vereinigen, betonte Pötsch damals. Aber falls dieser wegen der Unsicherheiten aufgrund der Schadensersatzklagen scheitere, habe Volkswagen einen Plan B: Die Wolfsburger und Porsche haben sich gegenseitig Optionsrechte eingeräumt, um die restlichen Anteile an Porsche zu übernehmen. Das sei allerdings teurer als die Verschmelzung, gab Pötsch damals zu - weil bis zu eine Milliarde Euro an Steuern anfallen würden. Ab Mitte 2014 sind aber das Ausüben der Optionsrechte steuerfrei.

Klagewelle hat viele unangenehme Nebeneffekte

An der grundsätzlichen Situation hat sich seit damals nichts geändert. In den USA haben 46 Anleger Porsche wegen angeblicher Marktmanipulation auf zwei Milliarden Dollar Schadensersatz verklagt. Ende 2010 hat ein US-Bundesgericht die Klage zwar abgewiesen, doch die Berufung der Kläger läuft noch. Zudem haben einige von ihnen mit einer ähnlichen Argumentation eine weitere Klage über eine Milliarde Dollar vor einem Landesgericht in Manhattan eingebracht. Beide Verfahren werden erst im Sommer 2012 endgültig abgeschlossen sein.

In Deutschland bereitet das Münchener Anwaltsbüro CLLB seit Monaten eine Klage vor, mit der Fonds und institutionelle Investoren rund zwei Milliarden Euro Schadensersatz von dem Sportwagenbauer fordern wollen. Laut einem Bericht der "WirtschaftsWoche" hat CLLB nun eine Klage über 1,1 Milliarden Euro bei dem Landesgericht Braunschweig eingereicht, bei der 41 Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften Schadenersatzansprüche geltend machen. Volkswagen weist den Bericht zurück und erklärte heute, eine solche Klage sei dem Autohersteller noch nicht gerichtlich zugestellt worden. "Das war nicht der Auslöser für unsere Mitteilung", sagte ein Volkswagen-Sprecher heute.

Porsche stehen also sowohl in den USA als auch in Deutschland mühsame Monate bevor, die eine Heerschar von Anwälten in Zuffenhausen, Wolfsburg und New York gut beschäftigen werden. Solange nicht geklärt ist, ob die Klagen zugelassen werden, lassen sich wohl auch die wirtschaftlichen Risiken der Verschmelzung nicht bewerten. Damit erscheint auch ein Zusammengehen beider Autohersteller im nächsten Jahr schwierig.

Negatives Neunmonatsergebnis - trotz Traumabsatzzahlen

Die Fusionsverschiebung hat für Porsche aber bereits in diesem Jahr unangenehme Nebeneffekte. Weil nun Optionsrechte über 3,9 Milliarden Euro neu bewertet werden müssen, wird Porsche in den ersten neun Monaten dieses Jahres ein negatives Konzernergebnis verbuchen müssen - trotz der anhaltend guten Absatzzahlen. In den nächsten Monaten und Jahren wird Porsche zudem viel Geld für Anwälte ausgeben und eventuell Rückstellungen für die Klagen bilden müssen. Dazu kommt noch die steuerliche Mehrbelastung, falls Volkswagen Porsche über die gesicherten Put- und Call-Optionen übernimmt.

Investoren haben die Nachricht jedenfalls nicht gerade freudig aufgenommen: Die Porsche-Aktien sind seit Bekanntwerden der Verschiebung zweistellig gefallen. Porsche-Chef Müller spekuliert mit gutem Grund darauf, dass ein glanzvoller IAA-Auftritt die Investoren gnädig stimmt. Mit Wachstumsrhetorik wird Müller nicht geizen - es bleibt ihm kaum etwas anderes übrig. Denn nur mit einer starken Absatzausweitung kann er die Belastungen aus der Ära seines Vorgängers Wendelin Wiedeking tilgen. Kein Wunder, dass Müller lieber heute als morgen auf die Überholspur wechseln will.