Verschmelzung Porsche und VW treten auf die Bremse

VW und Porsche werden in diesem Jahr nicht mehr verschmelzen. Die rechtlichen Risiken seien zu groß. Hintergrund sind laufende Klagen in den USA gegen Ex-Manager von Porsche. In der Bewertung der Risiken sind sich die Konzerne allerdings uneins. Porsche-Aktien fallen zweistellig. 
Keine Fusion in diesem Jahr: Porsche und VW sind uneins, wie die Altlasten bei einer Fusion zu bewerten sind. An den Plänen halten die Autobauer aber fest

Keine Fusion in diesem Jahr: Porsche und VW sind uneins, wie die Altlasten bei einer Fusion zu bewerten sind. An den Plänen halten die Autobauer aber fest

Foto: Peter Steffen/ picture alliance / dpa

Hamburg/Stuttgart - Volkswagen  und Porsche  schieben ihre geplante Fusion wegen rechtlicher und steuerlicher Risiken auf die lange Bank. VW teilte am Donnerstagabend mit, der Vorstand sei nach Gesprächen mit der Porsche Automobil Holding zu der Überzeugung gelangt, dass die angestrebte Verschmelzung nicht innerhalb des vorgesehenen Zeitraums bis Jahresende umzusetzen sei. Am Ziel eines integrierten Automobilkonzerns hielten die beiden Unternehmen jedoch fest.

Als Grund für die Verschiebung nannten VW und Porsche rechtliche Hürden. Die wirtschaftlichen Risiken einer Verschmelzung könnten nicht genau eingeschätzt werden, damit sei eine Bewertung der Porsche-Aktien für die Ermittlung eines Umtauschverhältnisses in VW-Papiere zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich.

An der Börse reagierten die Aktien der beiden Autobauer unterschiedlich. Die Vorzüge von Volkswagen  legten zu Handelsbeginn moderat um 0,23 Prozent zu, Porsche dagegen sackten in der Spitze um bis zu 11 Prozent ab. Hintergrund ist die nun anstehende Neubewertung von Optionen, die sich negativ auf das Porsche-Ergebnis auswirken werden.

Die Unsicherheiten ergeben sich vor allem aus milliardenschweren Schadensersatzklagen von mehreren Investmentfonds in den USA, die dem früheren Porsche-Management um Vorstandschef Wendelin Wiedeking Marktmanipulation vorwerfen.

Zwei Gerichte prüfen seit Monaten, ob Porsche und seine ehemaligen Spitzenkräfte überhaupt in den USA belangt werden können. Auch in Deutschland stehen Fonds in den Startblöcken, zögern aber wegen hoher Gerichtsvorschüsse noch mit einer Milliardenkage.

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Wiedeking und seinen damaligen Finanzchef Holger Härter wegen des Verdachts, ob beide Manager am Kapitalmarkt im Zuge der geplanten VW-Übernahme mit geschickten Börsentransaktionen getäuscht haben. Einen Zwischenstand wollen die Ermittler erst Anfang 2012 vorlegen, VW und Porsche wollten ihre Aktionäre jedoch bereits Ende Dezember über die Verschmelzung abstimmen lassen. Die Ermittlungen der Strafverfolger richten sich zwar gegen die Manager als Privatpersonen, die Erkenntnisse könnten aber auch für die klagenden Investmentfonds interessant sein.

VW kann sich Rest des Sportwagengeschäfts ohnehin einverleiben

VW und Porsche  hatten in einem Burgfrieden vor zwei Jahren einen Fahrplan vereinbart, um bis Ende 2011 die Weichen für eine Fusion zu stellen. Für den Fall, dass die Verschmelzung platzt, hatten sich VW und Porsche 2009 vorsorglich gegenseitig Kauf- und Verkaufsoptionen auf die Anteile am Fahrzeuggeschäft eingeräumt. Dadurch kann sich der Wolfsburger Konzern erstmals im November 2012 den Rest des Sportwagengeschäfts einverleiben.

Volkswagen  besitzt bereits knapp die Hälfte des Porsche-Fahrzeuggeschäfts. In der Porsche Holding sind die Anteile am Fahrzeuggeschäft und am Volkswagen-Konzern gebündelt.

Das Friedensabkommen war im Sommer 2009 geschlossen worden, nachdem das Porsche-Management um Wiedeking mit dem Versuch gescheitert war, den viel größeren VW-Konzern zu übernehmen und Porsche unter den Schulden zusammenzubrechen drohte.

Neue Bewertung der Optionen wird Porsche-Ergebnis belasten

VW teilte mit, die Verschiebung der für die Fusion nötigen Hauptversammlungsbeschlüsse führe dazu, dass eine neue Bewertung der Kauf- und Verkaufsoptionen voraussichtlich zu einem deutlich positiven Ertrag im Finanzergebnis des Wolfsburger Konzerns führen werde. In den kommenden Wochen wolle der Vorstand entscheiden, ob neben den Kauf- beziehungsweise Verkaufsoptionen weitere Handlungsmöglichkeiten bestünden. Die Ergebnisse sollten dem Aufsichtsrat noch in diesem Jahr erläutert werden.

Bei Porsche wird die Neubewertung der mit 3,9 Milliarden Euro veranschlagten Optionen hingegen negativ zu Buche schlagen. Trotz der "weiterhin positiven Entwicklung" des Fahrzeuggeschäfts sei daher für den Neun-Monatszeitraum dieses Jahres ein negatives Konzernergebnis zu erwarten. In der ersten Jahreshälfte hatte die Porsche SE nach Steuern 149 Millionen Euro Gewinn erzielt.

Streit über die Bewertung der Vorwürfe

Aus Porsche-Kreisen verlautete, zwischen Wolfsburg und Stuttgart habe bis zuletzt keine Einigkeit über die möglichen negativen Auswirkungen der Rechts- und Steuerstreitigkeiten erzielt werden können. Während Porsche die erhobenen Vorwürfe wegen Marktmanipulation weiterhin für unbegründet halte, habe VW darin eine unüberwindbare Hürde zu einer Unternehmensbewertung gesehen.

Um Interessenkonflikten aus dem Weg zu gehen, hätten sich VW-Chef Martin Winterkorn und Finanzchef Hans Dieter Pötsch bei den jüngsten Vorstandsbeschlüssen zur Absage der Verschmelzung in beiden Unternehmen enthalten. Winterkorn und Pötsch leiten in Personalunion sowohl VW als auch die Porsche SE. Für Porsche drängt die Zeit: Denn zum Jahresende läuft eine milliardenschwere Kredittranche aus, die allerdings unter bestimmten Bedingungen um ein Jahr verlängert werden kann.

rei/reuters