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Elektroautopionier: Wie Tesla erwachsen werden will

Elektroautopionier Teslas waghalsige Zukunftswette

Mit seinem Roadster hat Tesla Motors der Autobranche gezeigt, dass das Fahren in einem Elektroauto richtig Spaß machen kann. Ein Elektroviertürer und ein E-SUV sollen den Daimler-Partner profitabel machen. Die Pläne sind ehrgeizig - doch Tesla baut sich still ein zweites Standbein auf.

Hamburg - Tesla Motors hat in diesem Jahr keinen Stand auf der weltgrößten Automobilmesse IAA - obwohl der Start seines neuen Hoffnungsträgers bevorsteht. Seine Fahrzeuge präsentiert der kalifornische Autohersteller in luxuriös ausgestatteten Innenstadtläden - obwohl er weltweit weniger als 2000 Autos verkauft hat. Seine Fabrik hat Tesla von zwei Autoriesen erworben - obwohl der kleine Autohersteller die Produktionskapazitäten seines neuen Werks niemals ausschöpfen wird.

Normale Maßstäbe scheinen für den Autohersteller aus dem Silicon Valley nicht zu gelten. Seit dem Jahr 2003 gibt es die kleine kalifornische Autoschmiede, die sich vom belächelten Startup in den Liebling der US-Prominenz verwandelt hat. Mit dem Tesla Roadster, der seine Kraft aus rund 7000 Laptop-Batteriezellen zieht, hat Tesla den etablierten Autobauern gezeigt, dass Elektroauto fahren eine Menge Spaß machen kann. Schauspieler wie George Clooney oder Brad Pitt gehören zum exklusiven Kreis der Tesla-Eigner, die für ihr Fahrzeug mindestens 100.000 Dollar auf den Tisch legen müssen.

Doch die Fertigung des auf dem Lotus Elise basierenden Elektro-Roadster, von dem bisher rund 1800 Stück weltweit verkauft wurden, läuft aus. Bis Ende des Jahres fertigt Tesla noch einige Restmodelle, doch nach 2500 Elektrosportwagen ist endgültig Schluss. Tesla will nun vom Kleinserienanbieter zum ernst zu nehmenden Hersteller reifen. Den Sprung in die Liga der Autokonzerne wollen die Kalifornier mit einem aufsehenerregenden Elektroauto schaffen: Einem Model S getauften Viertürer, der mit einer Batterieladung mindestens 250 Kilometer weit kommen soll. Mit der stärksten Akkuvariante sind sogar 480 Kilometer Reichweite drin.

Zwischen 57.500 und 77.500 Dollar soll der Tesla S je nach gewünschter Batterieleistung kosten. Das ist zwar noch immer eine Menge Geld. Doch in einem entscheidenden Punkt übertrumpft Tesla, an dem Toyota  und Daimler  Anteile halten, die bislang angekündigten E-Mobile etablierter Hersteller deutlich. Renault , Daimler und Co. begnügen sich bei ihren Elektroauto-Serienmodellen mit Reichweiten unter 200 Kilometern. Noch existieren nur Prototypen des Tesla-Hoffnungsträgers, die derzeit ausgiebig Probe gefahren werden. Sieben Sitze soll der Viertürer im Inneren bekommen, der Kofferraum wird normal groß sein. Aufladen lässt sich das Auto an der Steckdose.

Von Grund auf neu konzipiertes Auto

Gebaut wird das Model S in einer Automobilfabrik im kalifornischen Fremont, die ursprünglich den Autoriesen Toyota und General Motors  gemeinsam gehörte. Mit seinen 1400 Mitarbeitern belegt Tesla aber nur einen Teil des riesigen Autowerks, das auf eine Jahreskapazität von 140.000 Autos ausgelegt ist.

Tesla hat das gesamte Auto von Grund auf neu konzipiert - im Gegensatz zu den etablierten Autoherstellern, die ihre E-Mobile auf der Basis bereits existierender Modelle bauen wollen. "Das ist eine brandneue Plattform. Wir formen das gesamte Chassis aus Aluminium, wir machen unsere eigenen Stanzungen", sagt Jérôme Guillen zu manager magazin Online. Der ehemalige Daimler-Manager hat Stuttgart vor einem Jahr Richtung Kalifornien verlassen und ist bei Tesla nun Baureihenleiter für das Model S.

Teslas Batterie habe die beste Energiedichte weltweit, meint Guillen. Doch das Gewicht des Akkus bleibt trotzdem hoch. Deshalb muss Tesla den Energieverbrauch des Autos minimieren, um so die Reichweite nach oben zu schrauben. Die Elektromotoren und die Kraftübertragung soll "supereffizient" werden, kündigt Guillen an. Zudem werde die Aerodynamik des Fahrzeugs sehr gut sein - auch deshalb, weil die Batteriebauweise des Model S einen völlig flachen Unterboden ermögliche.

Trotzdem wird der kalifornische Autobauer seinen Prototypen nicht auf der weltgrößten Automobilmesse IAA vorstellen, die am 15. September in Frankfurt startet. Derzeit sei seine Mannschaft vollauf mit den Vorbereitungen für das Model S ausgelastet, sagt Guillen entschuldigend. Zudem will Tesla seine Fahrzeuge erst bei einem eigenen Event im Herbst vorstellen. Am 1. Oktober lädt der kalifornische Elektroautobauer künftige Kunden zu Prototypen-Testfahrten in sein kalifornisches Werk ein.

Zahlungskräftige Elektroautofans aus Europa müssen sich aber noch länger gedulden, bevor sie in Teslas neuestem Modell Platz nehmen können. Bislang sind keine Model-S-Testfahrten in Europa geplant, obwohl Deutschland Teslas zweitgrößter Markt nach den USA ist. Doch Guillen meint, dass sich dies 2012 wohl ändern wird - und auch Europäer im Beta-Prototypen Platz nehmen können.

Ehrgeizige Auslieferungspläne ab 2012

Insgesamt 5600 Tesla-Fans haben das Model S bereits vorbestellt und eine Anzahlung von 5000 oder sogar 40.000 Dollar für eine limitierte Auflage geleistet.

Spätestens Ende 2012 will Tesla die ersten Fahrzeuge an die Kunden liefern, im kommenden Jahr sollen 5000 Fahrzeuge aus dem Tesla-Werk im kalifornischen Fremont rollen. Ab 2013 will Tesla dann 20.000 Model-S-Elektroautos pro Jahr fertigen - und Gewinne schreiben. Wegen der teuren Model-S-Entwicklung schrieb Tesla zuletzt rote Zahlen: Im ersten Halbjahr 2011 häufte Tesla einen Verlust von 107 Millionen Dollar an. Von April bis Juni dieses Jahres steht ein Fehlbetrag von 59 Millionen Dollar in den Büchern, bei einem Umsatz von knapp 58 Millionen.

Das soll sich im Jahr 2013 ändern. "Bei 13.000 verkauften Fahrzeugen kommen wir in die schwarzen Zahlen", sagt der für die weltweite Kommunikation zuständige Tesla-Vorstand Ricardo Reyes zu manager magazin Online. Über ausreichend Bares verfügt Tesla fürs Erste: Mitte 2010 gingen die Kalifornier an die Börse und erlösten so 230 Millionen Dollar. Im Mai dieses Jahres sammelte Tesla nochmals 215 Millionen Dollar bei einer Kapitalerhöhung ein. Der deutsche Autobauer Daimler, der an Tesla 8 Prozent hält, hat bei der Kapitalspritze voll mitgezogen.

Pläne für Elektro-SUV und Fernwartung via Internet

Das Geld aus der jüngsten Kapitalrunde steckt Tesla nun in die Entwicklung des nächsten Modells. Das Model X genannte Fahrzeug soll eine Art Geländewagen werden - mit einigen Besonderheiten. "Wir versuchen ein Fahrzeug zu bauen, das wie ein SUV aussieht, aber innen die Funktionalität eines Minivans besitzt", verrät Reyes. Das sei aufgrund des Antriebskonzepts möglich. Die Batterie werde wie bei dem Model S in der Bodenplatte sitzen, die Elektromotoren sind relativ klein. Dadurch kann Tesla deutlich mehr Platz für die Passagiere schaffen, sagt Reyes, der in dem Auto drei vollwertige Sitzreihen unterbringen will.

Das Model X wird auf der Fahrzeugarchitektur aufbauen, die gerade für das Model S entwickelt wird - und deutlich windschlüpfriger sein als viele Konkurrenten, kündigt Reyes an. In fernerer Zukunft will Tesla weitere Modelle anbieten. Die Kalifornier denken etwa über einen neuen Roadster nach - und wollen zudem in einigen Jahren ein deutlich preisgünstigeres Elektroauto anbieten, das zwischen 30.000 und 40.000 Dollar kosten soll.

Innovativ will Tesla aber nicht nur bei der Art der Fahrzeuge sein, auch den Verkauf will Tesla anders als die Konkurrenz gestalten. In München betreibt Tesla in bester Innenstadtlage einen Verkaufsraum, der eher einem Laden der Kultmarke Apple  als einem Autohaus ähnelt. Seit Kurzem bietet Tesla auch eine deutsche Version seiner Website an - die künftig noch deutlich ausgebaut werden soll. Tesla werde zwar weiterhin lokale Veranstaltungen organisieren, bei denen Leute die Autos kennenlernen können, sagt Reyes. Aber die Kalifornier überlegen auch, die Fahrzeuge selbst über ihre Website zu verkaufen - und das Internet auch für die Wartung der Autos einzusetzen.

Elektroauto haben gegenüber herkömmlichen Fahrzeugen einen entscheidenden Vorteil, meint Reyes: Sie müssen nur selten in die Werkstatt, da es keine Ölwechsel oder ein zu wartendes Getriebe gibt. "Mit entsprechender Software können wir mögliche Probleme des Fahrzeugs erkennen und möglicherweise durch Updates lösen", so Reyes. Das mache es möglich, die Wartung der Fahrzeuge direkt am Wohnort oder Arbeitsplatz der Kunden durchzuführen.

Zulieferer-Geschäft als zweites Standbein

Ob Tesla sich mit seinen teuren Autos tatsächlich am Markt durchsetzt, ist aber noch unsicher. Immerhin hat sich Tesla mit Daimler und Toyota zwei sehr bekannte Autobauer als Investoren ins Boot geholt - und die Beziehungen zu den beiden Branchengrößen sind ziemlich eng.

Für Toyota entwickelt Tesla etwa den Antriebsstrang und die Batterie für eine Elektroversion des Geländewagens RAV4, die 2012 auf den Markt kommen soll. Das lässt sich Tesla mit 100 Millionen Dollar vergüten. An Daimler hat Tesla bis vor Kurzem Batterien für den Elektro-Smart geliefert. Doch für die kürzlich gestartete Massenproduktion des E-Smarts verwendet Daimler Batterien, die aus einem Joint Venture der Stuttgarter mit dem Chemiekonzern Evonik stammen. Immerhin setzt Daimler weiterhin Tesla-Akkus in den Elektroautoprototypen der A-Klasse ein.

"Mit Daimler haben wir eine tief gehende Partnerschaft", sagt Reyes. Der bei Daimler für E-Mobilität zuständige Herbert Kohler ist Mitglied im Tesla-Aufsichtsrat - und es gibt wohl noch einige weitere Vereinbarungen, über die Reyes mit Verweis auf Regelungen der US-Börsenaufsicht SEC nicht sprechen wollte.

Tesla-Technologie ist offenbar gefragt

Die Vereinbarungen mit Toyota und Daimler werden für Tesla künftig noch deutlich wichtiger werden. "Wir erzielen bereits ein beträchtliches Einkommen aus dem Zuliefergeschäft", gibt Reyes zu. Ein Blick in die Bilanz stützt Reyes' Aussage: Im zweiten Quartal dieses Jahres entfiel ein Drittel des Tesla-Umsatzes von 58 Millionen Dollar auf den Bereich Development Services. Ein Jahr zuvor machten die Entwicklungsleistungen gerade mal ein Siebtel des Umsatzes aus.

Das Ziel von Tesla ist es nicht, so viele Autos wie möglich zu verkaufen, erklärt Reyes dazu. Tesla wolle die Art und Weise verändern, wie die Menschen Auto fahren. Sein Unternehmen verfüge über die weltweit am weitesten entwickelte Technologie für den elektrischen Antriebsstrang, betont Reyes immer wieder.

Für Tesla sei es deshalb auch in Ordnung, anderen Herstellern Technologien zur Elektrifizierung der Fahrzeugflotten anzubieten. "Wenn wir ihnen dabei helfen können und dabei mehr Partnerschaften und Zulieferverträge bekommen, ist das für uns auch bestens", formuliert es Reyes. Voraussagen zum möglichen Anteil des Zuliefergeschäfts am Tesla-Umsatz will Reyes keine nennen. Aber seine Aussagen deuten darauf hin, dass Tesla wohl deutlich mehr Geschäft im Zulieferbereich erwartet.

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