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Die Schotten dicht: Wie BMW & Co. an Lateinamerika abprallen

Foto: PILAR CAPURRO/ ASSOCIATED PRESS

Handelsgeschick Der effektvolle Argentino-Tango von VW

Weil Exporteure in Südamerika mit neuen Einfuhrbarrieren zu kämpfen haben, brauchen sie beste Drähte zu den Behörden - wenn sie dennoch dort gute Geschäfte machen wollen. Den Balanceakt zwischen Beziehungspflege und gefährlichem Klüngel beherrscht keiner so wie VW-Südamerika-Chef Viktor Klima.
Von Stefan Biskamp

Buenos Aires - Terrorwarnungen, Bankenkrise, der 11. September 2007 ist für Angela Merkel Stress pur. Zuerst Tagesgeschäft, dann am Nachmittag im Kanzleramt ein Treffen mit Ben Bernanke. Gegen vier rauscht der US-Notenbankchef an. Es steht viel auf dem Spiel. Doch er muss in einem Nebenzimmer warten.

Denn Merkels Stab hat den Empfang einer aufgebrezelten Dame in schillernd-violettem Kostüm in den Terminplan der Kanzlerin gequetscht: Die argentinische Präsidentschaftskandidatin Cristina Fernandez de Kirchner bekommt 20 Minuten von Merkels knapper Zeit, Handshake zum Abknipsen obendrauf.

Für Kirchner, einen Monat später zur Staatschefin Argentiniens gewählt, war der Empfang als Bewerberin eine unschätzbare Wahlkampfhilfe. Für Viktor Klima, den Chef von Volkswagen (Kurswerte anzeigen) in Südamerika und ehemaligen österreichischen Bundeskanzler, war er schlicht ein voller Erfolg. Er hatte den medienwirksamen Auftritt Kirchners in Berlin eingefädelt, zum Dank wird der VW-Manager heute direkt zur Präsidentin durchgestellt.

"Einzige Ausnahme Volkswagen", kabelt der amerikanische Botschafter später in einem Dossier über die Probleme ausländischer Unternehmen in Argentinien an seine Dienstherren in Washington.

Abschottung gegen Billigimporte

Das Privileg kann Klima derzeit gut gebrauchen. Denn die Boomländer Südamerikas schotten ihre vom Dollarverfall bedrohte Wirtschaft verstärkt gegen billige Importe ab. "Wir müssen unsere Industrie und Arbeitnehmer im Währungskrieg schützen", sagte die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff unlängst - und kündigte Exportsubventionen, Buy-Brazil-Klauseln und schärfere Einfuhrkontrollen an.

Bei einem Treffen der südamerikanischen Union Unasur in Buenos Aires einigten sich die Regierungen Anfang des Monats darauf, die Binnenwertschöpfung des Kontinents zu stärken und so den Handel in die Region umzuleiten. Argentinien verlangt seit Jahresbeginn, dass Autohersteller genauso viel exportieren wie importieren, um die Handelsbilanz nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.

Und was sich offiziell als "härteres Vorgehen gegen Dumping" liest, wird im Einzelfall zur Schikane, die eine ganze Produktion lahmlegt, weil Komponenten im Zoll festhängen. Mal fehlt eine Unterschrift, mal ist der Zuständige im Urlaub. Wer jetzt nicht beste Beziehungen zu den lokalen Behörden hat, dessen Waren drohen in den Häfen zu vergammeln oder zu verrosten.

So wie die knapp 800 BMWs, die im Frühjahr im Hafen von Zárate nördlich von Buenos Aires anlandeten - und seitdem dort stehen. Und stehen. Ein Fünftel des in Argentinien geplanten Jahresabsatzes, überwiegend schon verkauft oder angezahlt. Kunden bekommen ihr Geld zurück oder lassen sich vertrösten. Nicht einmal Ersatzteile lässt der Zoll noch durch. Engpässe in Werkstätten drohen. Bei BMW  werden schon Sicherheitsprobleme befürchtet, wenn Kunden trotz Bremsenverschleiß demnächst zurück auf die Straße geschickt werden müssen.

Wein und Mineralwasser statt Autos

BMW ist der letzte Autohersteller, der noch mit der argentinischen Regierung verhandelt, wie er seine Importe durch Ausfuhren kompensiert. Die anderen stocken, wenn sie können, die Produktion im Land auf. Aber BMW ist reiner Importeur, und Export-Aufträge an örtliche Zulieferer zu vergeben, ist kurzfristig aussichtslos, da die Branche in Argentinien am Kapazitätslimit fährt.

So geht es vielen, sie müssen auf den Weiterverkauf anderer argentinischer Spezialitäten zurückgreifen, um ihre Auto-Ausfuhren nach Argentinien auszugleichen: Nissan  wird seine Exportquote unter anderem durch die Ausfuhr von Sojaöl und Biodiesel erfüllen, Porsche  tritt als Weinhändler auf, Mitsubishi  führt argentinisches Premium-Mineralwasser aus.

Auch BMW  präsentierte im Mai einen Plan, der die Ausfuhr etwa von Sojabohnen und Leder für Autositze vorsah. Regierungsvertreter bezeichneten das Angebot jedoch als zu "vage" und verlangten Nachbesserungen. Im Unternehmen heißt es dagegen, die Regierung habe kurzfristig mitgeteilt, die Ausfuhr von Soja als Kompensation nicht mehr zu akzeptieren. "Aber wenn Soja nicht mehr geht, wird es richtig schwer", sagt ein argentinischer BMW-Manager, "es gibt einfach nicht so furchtbar viele argentinische Produkte, die sich wettbewerbsfähig im Ausland verkaufen lassen."

Sich über diese Taschenspielertricks zu mokieren, mit dem Argentinien seine Handelsbilanz hübscht, hilft nichts. Die Regierung kann BMW am langen Arm verhungern lassen. Ein Treffen mit Industrieministerin Débora Giorgi in der vergangenen Woche brachte keine Einigung. "Es wird eine geben, aber wir wissen nicht wann", sagt der Manager und verspricht: "Wir werden alle Konditionen erfüllen." Die Einschiffung weiterer Autos hat BMW bis dahin eingestellt.

Volkswagen verschafft sich Spielraum

Doch die Episode hat für BMW noch eine bittere Pointe: Auch der direkte Konkurrent Audi musste eine Einfuhrblockade hinnehmen. Aber Klima, als VW-Statthalter für die Konzernmarke Audi  verantwortlich, einigte sich schon am 17. März als erster mit der Regierung. VW stoppt den Verkauf der kränkelnden Marke Seat, weitet den Export des in Argentinien produzierten Pickups Amarok aus und schafft nebenbei Spielraum für Audi.

Präsidentin Kirchner rief extra ihren Finanzminister an, der an dem Tag vor Wirtschaftsvertretern sprach, und bat ihn, dort den Handel mit VW zu präsentieren. "Was beklagt ihr euch? Es geht doch", war die Botschaft.

Für Kirchner ist es - wie beim Berlin-Besuch vor Beginn ihrer ersten Amtszeit - direkte Wahlkampfhilfe, wenn der größte Autohersteller im Land auf ihre Initiative hin im kommenden Jahr unter dem Strich für eine halbe Milliarde Dollar exportiert. Denn im vergangenen hat er noch für 800 Millionen Dollar importiert.

VW tut der Deal nicht weh. Während BMW blockiert ist, kann Audi billig Kunden abgreifen; und Probleme, ihre Pickups abzusetzen haben die Wolfsburger in Südamerika nicht: Der Kontinent ist neben China und Indien ihr wichtigster Wachstumsmarkt.

Furcht vor der Deindustrialisierung Brasiliens

So wie für andere auch. Mitte November lässt der neue baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Die Grünen) auf seiner ersten Auslandstour rund 120 Unternehmer und Manager den "kometenhaften Aufstieg" Argentiniens und Brasiliens bewundern. Für die Botschaft in Buenos Aires ist es, so heißt es, die größte Delegation, die sie je unterbringen musste. General-Electric-Chef Jeffrey Immelt bejubelte kürzlich die "fantastischen" Wachstumschancen in Brasilien. Er rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von 30 Prozent im dortigen Gesundheitswesen, Energie-, Infrastruktur- und Transportsektor.

Doch für Südamerika hat der Boom eine Kehrseite. Mit Ausnahme des argentinischen Peso sind alle führenden Währungen des Kontinents seit Jahren hoch bewertet. Der brasilianische Real stieg allein in diesem Jahr um rund 7 Prozent zum Dollar. Das liegt zum Einen an den lange Zeit steigenden Rohstoffpreisen und der Exportstärke der Länder; zweitens an den hohen Zinsen, mit denen sie die Inflation bekämpfen - in Brasilien liegt der Basiszins derzeit bei 12,5 Prozent.

Das ist vor allem dann ein Geschenk für Investoren wenn, und das ist ein dritter Grund für die Stärke der Währungen, Notenbanken in den USA und in Europa die Märkte mit billigen Dollars oder Euros fluten.

Die mit Konjunkturprogrammen gepäppelte Wirtschaft der Industrieländer überschwemmt die Wachstumsregion Südamerika nun regelrecht. Die Importquote aller in Brasilien verkauften Konsum- und Investitionsgüter stieg in den vergangenen Monaten auf 22,9 Prozent, den höchsten Stand seit Beginn der Messungen 1997. Schon greift die Furcht vor einer "Deindustrialisierung" Brasiliens und Argentiniens um sich.

Brasilien zieht die Notbremse

Im sich abzeichnenden weltweiten Abschwung sinken nun auch noch die Rohstoffpreise. Das Wirtschaftswachstum der südamerikanischen Länder lag 2010 im Schnitt noch bei rund 6 Prozent, für dieses Jahr rechnen die Ökonomen von Morgan Stanley nur noch mit 4, für das nächste mit 3,6 Prozent. Die brasilianische Regierung hat ihre Prognose für 2011 gerade von 4,5 auf unter 4 Prozent gesenkt.

Damit sind die Länder weit von einer Rezession entfernt, und die Absatzchancen für Importeure ändern sich zunächst kaum. Aber das Entwicklungsmodell Südamerikas gerät aus den Fugen. Denn es fußt auf dem durch den Rohstoffverkauf finanzierten Aufbau einer eigenen Wertschöpfung.

Ob Brasilien, Mexiko, Peru und Chile, die südamerikanischen Boomländer nutzten in den vergangenen Quartalen fast das gesamte Arsenal geldpolitischer und finanzmarkttechnischer Waffen, um ihre Währungen zu schwächen: Transaktionssteuern für ausländische Investoren, höhere Mindestreservepflichten für Banken beim Verkauf von Devisen und den Aufkauf von Dollarbeständen.

Es half nichts. Als kontinentaler Vorreiter hat Brasilien nun die Notbremse gezogen. Die wichtigsten Exportbranchen bekommen Steuernachlässe von umgerechnet rund elf Milliarden Euro. Bei öffentlichen Aufträgen wird eine Mindestquote von 25 Prozent an heimischer Wertschöpfung zur Pflicht. Banken sind angehalten, Projekte mit brasilianischer Beteiligung bevorzugt zu finanzieren. Anti-Dumping-Kontrollen werden verschärft. Eine Vielzahl unbefristeter Importlizenzen wird durch zeitlich begrenzte ersetzt, hunderte von Branchen verlieren das Privileg ermäßigter Zölle.

"Unsere Herausforderung ist, dabei nicht in den Protektionismus zu verfallen, der uns so oft vorgeworfen wird, und den wir so sehr kritisieren", sagte Präsidentin Rousseff.

Nicht protektionistischer als Europa

Das ist nach dem protektionistischen Feuerwerk keine unkomische Ansage - jedoch nicht aus der Luft gegriffen. Erhebungen der auf Handelsbarrieren spezialisierten Beratung Global Trade Alert zufolge ist Südamerika im Schnitt nicht mehr dem Protektionismus zugeneigt als die Industrienationen. Der unter Rousseffs Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva eingeleitete Aufschwung beruhte auf einer guten Portion Freihandel; nach anfänglichem Fremdeln stieg der frühere Gewerkschafter zum Liebling der Manager auf.

Hinzukommt, dass die USA und Europa die Militärdiktaturen in den 60er bis 80er Jahren nutzten, um neoliberale Wirtschaftspolitik in Südamerika zu verankern. In Chile haben daran selbst die linksgerichteten Nachfolgeregierungen wenig geändert, was der Hauptgrund für die gegenwärtigen Studentenproteste ist.

Südamerika holt auf. Eben auch im Protektionismus. Der direkte Draht in die Ministerien wird dabei für Manager und Unternehmer noch wichtiger. Ein Balanceakt zwischen guten Beziehungen und Korruption.

Beim schillernden Auftritt Kirchners 2007 in Berlin war VW-Mann Klima nicht der alleinige Ausrichter. Der damalige Siemens-Vorstand Uriel Sharif hofierte die Dame und führte ihr die Turbinenfabrik vor. Gegen ihn wurde vor Kurzem im Rahmen des Siemens-Korruptionsskandals Anklage erhoben. Die Affäre hatte in den 90er Jahren in Argentinien ihren Anfang genommen. Siemens bestach, so viel ist aktenkundig, den damaligen Präsidenten Carlos Menem um einen Staatsauftrag zu ergattern.

Das war plump. So weit bekannt ist, hat Klima das nicht nötig.

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