Donnerstag, 12. Dezember 2019

Handelsgeschick Der effektvolle Argentino-Tango von VW

Die Schotten dicht: Wie BMW & Co. an Lateinamerika abprallen
REUTERS

Weil Exporteure in Südamerika mit neuen Einfuhrbarrieren zu kämpfen haben, brauchen sie beste Drähte zu den Behörden - wenn sie dennoch dort gute Geschäfte machen wollen. Den Balanceakt zwischen Beziehungspflege und gefährlichem Klüngel beherrscht keiner so wie VW-Südamerika-Chef Viktor Klima.

Buenos Aires - Terrorwarnungen, Bankenkrise, der 11. September 2007 ist für Angela Merkel Stress pur. Zuerst Tagesgeschäft, dann am Nachmittag im Kanzleramt ein Treffen mit Ben Bernanke. Gegen vier rauscht der US-Notenbankchef an. Es steht viel auf dem Spiel. Doch er muss in einem Nebenzimmer warten.

Denn Merkels Stab hat den Empfang einer aufgebrezelten Dame in schillernd-violettem Kostüm in den Terminplan der Kanzlerin gequetscht: Die argentinische Präsidentschaftskandidatin Cristina Fernandez de Kirchner bekommt 20 Minuten von Merkels knapper Zeit, Handshake zum Abknipsen obendrauf.

Für Kirchner, einen Monat später zur Staatschefin Argentiniens gewählt, war der Empfang als Bewerberin eine unschätzbare Wahlkampfhilfe. Für Viktor Klima, den Chef von Volkswagen Börsen-Chart zeigen in Südamerika und ehemaligen österreichischen Bundeskanzler, war er schlicht ein voller Erfolg. Er hatte den medienwirksamen Auftritt Kirchners in Berlin eingefädelt, zum Dank wird der VW-Manager heute direkt zur Präsidentin durchgestellt.

"Einzige Ausnahme Volkswagen", kabelt der amerikanische Botschafter später in einem Dossier über die Probleme ausländischer Unternehmen in Argentinien an seine Dienstherren in Washington.

Abschottung gegen Billigimporte

Das Privileg kann Klima derzeit gut gebrauchen. Denn die Boomländer Südamerikas schotten ihre vom Dollarverfall bedrohte Wirtschaft verstärkt gegen billige Importe ab. "Wir müssen unsere Industrie und Arbeitnehmer im Währungskrieg schützen", sagte die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff unlängst - und kündigte Exportsubventionen, Buy-Brazil-Klauseln und schärfere Einfuhrkontrollen an.

Bei einem Treffen der südamerikanischen Union Unasur in Buenos Aires einigten sich die Regierungen Anfang des Monats darauf, die Binnenwertschöpfung des Kontinents zu stärken und so den Handel in die Region umzuleiten. Argentinien verlangt seit Jahresbeginn, dass Autohersteller genauso viel exportieren wie importieren, um die Handelsbilanz nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.

Und was sich offiziell als "härteres Vorgehen gegen Dumping" liest, wird im Einzelfall zur Schikane, die eine ganze Produktion lahmlegt, weil Komponenten im Zoll festhängen. Mal fehlt eine Unterschrift, mal ist der Zuständige im Urlaub. Wer jetzt nicht beste Beziehungen zu den lokalen Behörden hat, dessen Waren drohen in den Häfen zu vergammeln oder zu verrosten.

So wie die knapp 800 BMWs, die im Frühjahr im Hafen von Zárate nördlich von Buenos Aires anlandeten - und seitdem dort stehen. Und stehen. Ein Fünftel des in Argentinien geplanten Jahresabsatzes, überwiegend schon verkauft oder angezahlt. Kunden bekommen ihr Geld zurück oder lassen sich vertrösten. Nicht einmal Ersatzteile lässt der Zoll noch durch. Engpässe in Werkstätten drohen. Bei BMW Börsen-Chart zeigen werden schon Sicherheitsprobleme befürchtet, wenn Kunden trotz Bremsenverschleiß demnächst zurück auf die Straße geschickt werden müssen.

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