Mittwoch, 20. November 2019

Handelsgeschick Der effektvolle Argentino-Tango von VW

Die Schotten dicht: Wie BMW & Co. an Lateinamerika abprallen
REUTERS

3. Teil: Furcht vor der Deindustrialisierung Brasiliens

So wie für andere auch. Mitte November lässt der neue baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Die Grünen) auf seiner ersten Auslandstour rund 120 Unternehmer und Manager den "kometenhaften Aufstieg" Argentiniens und Brasiliens bewundern. Für die Botschaft in Buenos Aires ist es, so heißt es, die größte Delegation, die sie je unterbringen musste. General-Electric-Chef Jeffrey Immelt bejubelte kürzlich die "fantastischen" Wachstumschancen in Brasilien. Er rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von 30 Prozent im dortigen Gesundheitswesen, Energie-, Infrastruktur- und Transportsektor.

Doch für Südamerika hat der Boom eine Kehrseite. Mit Ausnahme des argentinischen Peso sind alle führenden Währungen des Kontinents seit Jahren hoch bewertet. Der brasilianische Real stieg allein in diesem Jahr um rund 7 Prozent zum Dollar. Das liegt zum Einen an den lange Zeit steigenden Rohstoffpreisen und der Exportstärke der Länder; zweitens an den hohen Zinsen, mit denen sie die Inflation bekämpfen - in Brasilien liegt der Basiszins derzeit bei 12,5 Prozent.

Das ist vor allem dann ein Geschenk für Investoren wenn, und das ist ein dritter Grund für die Stärke der Währungen, Notenbanken in den USA und in Europa die Märkte mit billigen Dollars oder Euros fluten.

Die mit Konjunkturprogrammen gepäppelte Wirtschaft der Industrieländer überschwemmt die Wachstumsregion Südamerika nun regelrecht. Die Importquote aller in Brasilien verkauften Konsum- und Investitionsgüter stieg in den vergangenen Monaten auf 22,9 Prozent, den höchsten Stand seit Beginn der Messungen 1997. Schon greift die Furcht vor einer "Deindustrialisierung" Brasiliens und Argentiniens um sich.

Brasilien zieht die Notbremse

Im sich abzeichnenden weltweiten Abschwung sinken nun auch noch die Rohstoffpreise. Das Wirtschaftswachstum der südamerikanischen Länder lag 2010 im Schnitt noch bei rund 6 Prozent, für dieses Jahr rechnen die Ökonomen von Morgan Stanley nur noch mit 4, für das nächste mit 3,6 Prozent. Die brasilianische Regierung hat ihre Prognose für 2011 gerade von 4,5 auf unter 4 Prozent gesenkt.

Damit sind die Länder weit von einer Rezession entfernt, und die Absatzchancen für Importeure ändern sich zunächst kaum. Aber das Entwicklungsmodell Südamerikas gerät aus den Fugen. Denn es fußt auf dem durch den Rohstoffverkauf finanzierten Aufbau einer eigenen Wertschöpfung.

Ob Brasilien, Mexiko, Peru und Chile, die südamerikanischen Boomländer nutzten in den vergangenen Quartalen fast das gesamte Arsenal geldpolitischer und finanzmarkttechnischer Waffen, um ihre Währungen zu schwächen: Transaktionssteuern für ausländische Investoren, höhere Mindestreservepflichten für Banken beim Verkauf von Devisen und den Aufkauf von Dollarbeständen.

Es half nichts. Als kontinentaler Vorreiter hat Brasilien nun die Notbremse gezogen. Die wichtigsten Exportbranchen bekommen Steuernachlässe von umgerechnet rund elf Milliarden Euro. Bei öffentlichen Aufträgen wird eine Mindestquote von 25 Prozent an heimischer Wertschöpfung zur Pflicht. Banken sind angehalten, Projekte mit brasilianischer Beteiligung bevorzugt zu finanzieren. Anti-Dumping-Kontrollen werden verschärft. Eine Vielzahl unbefristeter Importlizenzen wird durch zeitlich begrenzte ersetzt, hunderte von Branchen verlieren das Privileg ermäßigter Zölle.

"Unsere Herausforderung ist, dabei nicht in den Protektionismus zu verfallen, der uns so oft vorgeworfen wird, und den wir so sehr kritisieren", sagte Präsidentin Rousseff.

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