Webasto Hier kümmert sich ein Inhaber

Werner Baier versteht es, Menschen für sich zu gewinnen. Als prägende Inhaberfigur des großen Autozulieferers Webasto überzeugt er seit 40 Jahren durch stille Beharrlichkeit. Er hat diese Mischung aus Besonnenheit und Mut - ein Unternehmer wie im Bilderbuch.
Von Cornelia Knust
Die Wettbewerber hinter sich gelassen: Durchsichtige Dächer für den Smart

Die Wettbewerber hinter sich gelassen: Durchsichtige Dächer für den Smart

Münchner - Im nächsten Winter werden früh um sieben die Webastolinis das Werksgelände in Stockdorf entern. Die 36 Kleinkinder sind Kunden der werkseigenen Kinderkrippe, die der Autozulieferer gerade für 1,5 Millionen Euro errichtet, knapp die Hälfte davon finanziert durch die beiden Eigentümerfamilien Baier und Mey.

Damit zeigen sich die Inhaber gewohnt nobel. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dürfte aber auch Pluspunkte bei der Bewerbersuche bringen - gerade im Großraum München, wo Arbeitskräfte knapp sind.

Die Geschäfte gehen aber auch so gut, dass man wohl Geld für solche Dinge übrig hat. Die Stimmung ist aufgrund der guten Autokonjunktur glänzend. Selbst beim Trendthema Energiewende prescht das Unternehmen vor: Auf der nahenden Branchenmesse IAA in Frankfurt im September wird man spleenige Ideen zeigen wie ein Leichtbau-Solardach oder eine mit Bio- Ethanol betriebene Standheizung.

Da die Webasto AG nicht börsennotiert ist, kratzt die Achterbahnfahrt an den Börsen wenig. Sicher, die Finanz- und Wirtschaftskrise ist nicht vergessen. Doch Werner Baier, 67, dürfte ein durchaus entspanntes Verhältnis zu ihr haben. Zwar hat sie seine Branche, die Autoindustrie, schwer gebeutelt. Doch dem Unternehmen, das ihm zur Hälfte gehört, das er selbst groß gemacht hat und dessen Aufsichtsrat er seit 16 Jahren vorsitzt, bescherte sie eine lang ersehnte Chance: Der Wettbewerber Edscha aus Remscheid war endlich zu haben.

Die Chance Edscha

Das einst stolze Familienunternehmen Eduard Scharwächter, kurz Edscha, war nach MBO, Börsengang und Verkauf an Finanzinvestoren in eine Liquiditätskrise geraten. Für angeblich nur 70 Millionen Euro, so Branchenkenner, konnte Webasto im August 2009 die Sparte für Cabrio-Stoffdächer aus der Insolvenz erwerben. Damit erfuhr das eigene Geschäft mit Cabrio-Dächern aus Stahl eine sinnvolle Erweiterung. Praktischerweise lagen die zugehörigen deutschen Werke auch noch in Bayern: in Regensburg und im niederbayerischen Hengersberg bei Deggendorf.

Dort in Hengersberg siedelte der Webasto-Vorstand unter Franz-Josef Kortüm die neue "Webasto Edscha Cabrio" an, und zwar unter Führung des Edscha-Managements. Das war aufgrund der Verhältnisse an Größe und Erfahrung beider Partner nachvollziehbar. Aber die Webasto-Mitarbeiter waren erst nicht so begeistert, wie Baier einräumt. Inzwischen habe sich das beruhigt.

"Die Edscha-Mitarbeiter haben gesagt, sie hätten nach fünf Jahren erstmals wieder einen Inhaber gesehen", erzählt Werner Baier von den Betriebsversammlungen im Januar in den beiden Edscha-Werken. Dort hatten sich die Inhaberfamilien Baier und Mey der Belegschaft vorgestellt, gemeinsam mit dem Webasto-Vorstand.

"Ich habe ihnen gesagt, dass der Zukauf keine kurzfristige Anlageentscheidung war, sondern dass wir das Cabrio-Geschäft auf Dauer betreiben wollen, und dass es deshalb eine stabile Zukunft für die Mitarbeiter gibt", berichtet Baier. "Ich habe ihnen auch gesagt, dass wir als Inhaber die Gewinne im Unternehmen lassen und uns keine Dividenden ausschütten." Familiensinn - der lasse sich auch wiedererwecken, erklärt Baier den Zweck dieses Auftritts. Ihm liegt daran.

Mit Risiken nüchtern umgegangen

Es gehört schon was dazu, mitten in einer beängstigenden Wirtschafts- und Branchenkrise eine solche Akquisition zu wagen, auch wenn der Preis günstig war und die Finanzierung machbar - angesichts einer immer um die 30 Prozent liegenden Eigenkapitalquote bei Webasto. Baier benennt die Risiken ganz nüchtern: "Wenn die Krise länger gedauert hätte, dann hätten auch wir über andere Maßnahmen als Kurzarbeit nachdenken müssen." Ebenso nüchtern fügt er hinzu: "Insgesamt kann man sagen, dass die Integration Dank professioneller Vorbereitung gut gelaufen ist."

Professionell vorbereitet wird auch die Nachfolge Kortüms. Er wird zwar an diesem Donnerstag erst 61 Jahre alt, und sein Vertrag läuft noch bis 2014. Doch schon jetzt steht fest, dass sein Nachfolger Holger Engelmann sein soll, zuletzt Webasto-Finanzchef, seit April 2010 im Vorstand zuständig für die Dachsparte und Kortüms Stellvertreter. Mit Matthias Rapp wurde eigens ein neuer Finanzvorstand gekürt; er war Mitte 2010 vom Automatisierungsspezialisten Kuka herübergekommen.

Baier hat schon mit dem Ex-Audi-Chef Kortüm Fortune bewiesen, der 1994 zu Webasto wechselte und 1998 dort Vorstandsvorsitzender wurde. Mit VW-Chef Ferdinand Piëch hatte Kortüm nicht harmoniert. Mit Baier ergab sich eine eigentümliche Balance zum Wohle der Firma. Und nun schickt sich also schon die nächste Generation familienfremder Manager an, die Geschäfte des Familienunternehmens zu führen.

Gewinner des Konzentrationsprozesses

Auch wenn es Baier nicht eigens betont, ist er doch Gewinner eines atemberaubenden Konzentrationsprozesses der Branche in Europa. Der kanadisch-österreichische Magna-Konzern kaufte 2005 einen anderen Autodach-Hersteller, die Porsche-Gründung CTS. 2009 rutschte der Traditionshersteller Karmann in Osnabrück in die Pleite. Magna zeigte Interesse, das Kartellamt Bedenken, am Ende schlug die finnische Valmet zu.

Aber vorher hatte sich Webasto schon das US-Geschäft von Karmann gesichert und die Karmann-Produktion in Ghia de México - zusammen ein Umsatzvolumen von rund 40 Millionen US-Dollar.

Kortüm sagt, man sei dem Ziel, der weltweit leistungsfähigste Cabriodach-Anbieter zu werden, entscheidend näher gekommen. So liefert Webasto etwa das Stoff-Faltdach des neuen VW-Cabriolet, das VW am alten Karmann-Standort in Osnabrück fertigt. Baier jedoch dämpft alle Euphorie. Die Wettbewerber in Japan und zunehmend auch in China seien sehr ernst zu nehmen. "Wir müssen ständig bei den Innovationen und der Qualität dranbleiben, den technischen Vorsprung ausbauen, sonst kann man ganz schnell die Marktführerschaft verlieren", sagt Baier.

Vom Leben als Zitrone

Auch permanente Rationalisierung ist für Autozulieferer eine Überlebensfrage, denn gegenüber ihren Kunden dürfen sie Preise nie erhöhen, nur senken. Zwar sagt Baier: "Die Krise hat den Herstellern gezeigt, dass sie die 'Zitrone' Zulieferer nicht noch weiter auspressen können". Doch auf Nachfrage räumt er ein, dass der Druck genauso groß ist wie zuvor. Und dass die Autohersteller bei Fusionen im Zulieferbereich nicht nur Beifall klatschen. "Es gibt natürlich ein Spannungsfeld zwischen dem Interesse der Hersteller an gesunden Zulieferunternehmen und der Verengung der Zahl der Anbieter", formuliert er feinsinnig zur Frage der Marktmacht.

Edscha, Karmann - auch sie gehörten einst stolzen Familien, nun nicht mehr. Auch Webasto hatte Krisen, damals, als das Aufkommen der Klimaanlage das Stammgeschäft Schiebedach zu vernichten drohte und man rasch auf Panoramadächer aus Glas umsteigen musste. Oder erst vor fünf Jahren, als Probleme mit den neuen Stahlklappdächern für Cabriolets und eine gescheiterte Kooperation mit der italienischen Pininfarina das Unternehmen in die Verlustzone drückten. Da musste sogar Personal abgebaut werden. Aber Webasto ist noch da.

Bedienung nur aus den Mieten der Immobilien

"Webasto soll unter allen Umständen ein Familienunternehmen bleiben", sagt Werner Baier. Eine gute Eigenkapitalquote nennt er als wichtige Voraussetzung dafür, weshalb sich die Familien ausschließlich aus den Gewinnen einer Immobilien KG bedienen, der die Werke in Stockdorf und Utting gehören. Ein Management, das "kapitalsparendes Wachstum" betreibe, nennt er ebenfalls und preist seinen langjährigen Vorstand Kortüm. Permanente Wachsamkeit und kritische Hinterfragung des eigenen Schaffens, auch das hält Baier für wichtig.

Zwei Töchter, die eine Erzieherin, die andere Mode-Journalistin, werden seine Rolle in der Gesellschafterversammlung einmal übernehmen und sind, wie Baier betont, auch darauf vorbereitet. Gerhard Mey, Urenkel von Wilhelm Baier II, dem ältesten Sohn des Firmengründers, gehört die andere Hälfte am Unternehmen; er ist im Aufsichtsrat vertreten. Mey, 55, hat keine leiblichen Kinder, die ihm einmal als Inhaber nachfolgen könnten. Fraglich ist, welches Modell die Familien wählen werden, um Kapital und Stimmrechte zusammenzuhalten und um ihre Philosophie des Verzichts auf Ausschüttungen beizubehalten. Offiziell ist bisher nur, dass Kortüm einmal Aufsichtsratsvorsitzender werden soll.

Die Eigentümer werden den Zeitpunkt bestimmen. Dabei weiß Baier vermutlich, dass er ein Glücksfall für sein Unternehmen ist und noch lange bleiben sollte: Einerseits kundig in der Sache - mit Maschinenbaudiplom, MBA und 25 Jahren Erfahrung als Chef des Unternehmens. Andererseits klug genug, rechtzeitig das Management an Fremde zu übergeben: 1995 erst an Rudi Noppen (von Porsche kommend), dann 1998 an Kortüm (von Mercedes und Audi).

Weil Baier in Österreich wohnt, in Zell am See, ist er weit genug weg. Weil er fast jede Woche einmal nach Stockdorf kommt, ist er auch nah genug dran. Als "äußerst informell" bezeichnet er seinen Kontakt mit dem Vorstand.

Wollte das Erbe gut verwalten

In dem 1901 von Wilhelm Baier gegründeten Unternehmen war es in der Generationenfolge nicht geradewegs auf ihn als Urenkel zugelaufen. 1943 von einer Österreicherin geboren, der deutsche Vater im Krieg vermisst, hat Werner Baier die ersten elf Jahre seines Lebens in Österreich verbracht, dann in Deutschland die Schule besucht, später in Wien und Fontainebleau studiert.

1970 habe ihn die Familie zusammen mit einigen Führungskräften bedrängt, gleich nach dem Studium ins Unternehmen Webasto einzutreten, erzählt er. Sein Onkel Walter Baier, ein Enkel des Firmengründers, war damals 63 Jahre alt und die Firma nicht ganz auf der Höhe. So habe er, Werner Baier, sich dazu entschlossen - aus dem Gefühl heraus, dass das Erbe einer solchen Unternehmerfamilie gut verwaltet werden sollte.

Aus den 38 Millionen DM Umsatz von damals sind 2 Milliarden Euro geworden - erwirtschaftet von 8500 Mitarbeitern. Die ehrgeizige Internationalisierung des Unternehmens betrieb er nicht über eigene Niederlassungen, sondern zunächst über Joint Ventures mit örtlichen Partnern - kapitalsparend eben. Aber er hat auch kräftig investiert.

In Neubrandenburg selbst Hand angelegt

In seine Ära fällt der Bau des Schiebedachwerks in Utting, die Umwandlung des Unternehmens in eine AG, ein neues Entwicklungszentrum in Schierling und nach dem Mauerfall die Übernahme des VEB Sirokko in Neubrandenburg. Dort legte er bei der Sanierung monatelang selbst Hand an und gewann bei der übernommenen Belegschaft - wieder einmal - Menschen für Webasto. Heute fertigen sie das gesamte Programm an Standheizungen für den Konzern. Und gerade fiel die Entscheidung, in den nächsten vier Jahren 20 Millionen Euro dort zu investieren, davon allein 8 Millionen in diesem Jahr für ein Logistikzentrum.

Daheim in Stockdorf spielte Baier früher in der Werksmannschaft Fußball und ging gerne zum Wandern. Kostspieligere Hobbys hat der Mann bis heute nicht. "Das Streben nach Reichtum ist nicht meine Motivation", sagt Baier. "Ich ziehe meine Befriedigung aus dem Erfolg des Unternehmens."

Sanierungsarbeit in der Holzwirtschaft

Ist er einer, der sich einfach gerne "kümmert"? Er nickt halb amüsiert, zuckt die Schultern und erzählt von der Holzwirtschaft, die er in Zell am See betreibt und die ihm auch einfach so zugewachsen sei: "Das war ein Betrieb meines Großvaters mütterlicherseits. In den achtziger Jahren geriet er in Schwierigkeiten. Da bin ich dann halt eingestiegen."

Baier war übrigens weder Österreicher noch Bayer. Webasto, ein Akronym aus "Wilhelm Baier Stockdorf", war zunächst Lieferant für die Fahrradindustrie, konzipierte aber schon in den dreißiger Jahren das erste Auto-Faltdach und die erste Auto-Frischluft-Heizung. Heute stehen Dach- und Cabriodachsysteme für Pkw neben Heiz-, Kühl- und Lüftungssystemen, wobei letztere vor allem lukratives Nachrüstgeschäft sind, auch für Nutzfahrzeuge.

Der Gründer war Handschuhmacher

Gegründet wurde das Unternehmen 1901 eigentlich als Esslinger Draht- und Eisenwarenfabrik Wilhelm Baier, wobei Baier gelernter Handschuhmacher war und sich erst im Alter von 54 Jahren auf geschnittene und gestanzte Metallteile verlegte. Bald wollte er seine über den Ort verstreuten Werkstätten zusammenlegen und weiter wachsen. Doch in Esslingen am Neckar fand sich kein geeignetes Grundstück, wie in der Firmenchronik nachzulesen ist.

Auf ein Sägewerk in einem bäuerlichen Vorort Münchens samt Wasserrecht am Flüsschen Würm fiel die Wahl des schwäbischen Unternehmers. Von dort aus wird noch heute der Konzern mit seinen rund 50 Standorten und Gesellschaften in aller Welt geführt.

Der Stolz der Bayern auf diesen "Weltmarktführer im Verborgenen", wie Webasto gerne bezeichnet wird, ist heute so groß, dass Wirtschaftsminister Martin Zeil bei der Edscha-Übernahme die nötige landespolitische Unterstützung bot. Ein syndiziertes Darlehen von 290 Millionen Euro traute sich der Mittelständler damals zu, besichert nur mit Covenants, also mit Verhaltensmaßregeln und Erfolgsmarken, die es nicht zu reißen gilt. Es sieht so aus, als sei auch in der Finanzwirtschaft das Vertrauen in Webastos glänzende Zukunft kaum zu erschüttern.