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Investitionsdrang: Wo Daimler Milliarden investiert

Foto: Bernd Weissbrod/ dpa

Autohersteller Daimler drängt mit Milliarden ins Ausland

Die Mercedes-Verkäufe in China boomen, Daimlers Lkw-Geschäft brummt: Kein Wunder, dass der Stuttgarter Autokonzern kräftig in den Ausbau seiner Werke investiert. Doch die Milliarden wandern vor allem in Produktionsstätten außerhalb Deutschlands - aus nachvollziehbaren Gründen.

Hamburg - So angenehm war Dieter Zetsches Job schon lange nicht mehr. Die Autoabsatzkrise hat Daimler längst hinter sich gelassen, nun kommt der Stuttgarter Autohersteller kaum mehr mit den Auslieferungen nach. Rekord um Rekord kündigt der Daimler-Chef derzeit an. Die Jahresprognose hat Zetsche angehoben, in diesem Jahr soll Daimler mehr als 100 Milliarden Euro umsetzen. Und Zetsche fühlt sich siegessicher. "Wir fahren noch nicht im höchsten Gang. Wir können noch mehr", sagte er heute bei der Präsentation der Halbjahreszahlen.

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen "Spar-Kommissar" Rainer Schmückle die Daimler-Belegschaft mit harten Kostensenkungsprogrammen aufschreckte. Jetzt, so macht Zetsche bei jeder Gelegenheit deutlich, wird bei Daimler  wieder investiert.

Doch das Geld wird überwiegend in Werke außerhalb Europas wandern. In China will Zetsche "entschlossen auf Angriff schalten". Den Nutzfahrzeugabsatz in der Türkei will er "weiter deutlich steigern". In Indien soll eine neue Daimler-Billigmarke den Lkw-Markt aufrollen. Milliarden investiert Daimler in die Erweiterung seiner US-Fertigung in Tuscaloosa, Alabama, um die "Erfolgsgeschichte des Werks fortzuschreiben" - und vom Wachstum des nordamerikanischen Marktes zu profitieren.

"In der Automobilindustrie wird die Produktion künftig stärker in den Ländern stattfinden, die am stärksten wachsen", sagt Wolfgang Bernhart, Automobilexperte bei Roland Berger. Die Produktion vor Ort ist nicht nur billiger - sie gleicht auch Währungsschwankungen aus. Noch stammen rund 61 Prozent der Fahrzeuge deutscher Autohersteller aus Europa. In sechs Jahren sinkt dieser Anteil aber auf 54 Prozent, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung PwC.

Auch bei Daimler ist dieser Drang ins Ausland unübersehbar, wie die Recherchen von manager magazin Online zeigen. Viel Geld steckt der Konzern in den Ausbau seiner chinesischen Jointventures - aber auch in den USA und in Indien will Daimler künftig punkten. Die Expansionspläne von Daimler im Detail:

China: Milliardeninvestitionen und ehrgeizige Absatzziele

Einer Studie des Beratungsunternehmens AlixPartners zufolge werden in China in diesem Jahr 18,8 Millionen Fahrzeuge verkauft, nach 17 Millionen im Jahr 2010. Das Land ist damit der größte Automarkt der Welt, bis 2015 soll der Absatz nochmals deutlich auf 25,1 Millionen Fahrzeuge zulegen.

Von diesem Boom will Daimler - wie seine Konkurrenten - kräftig profitieren. In den nächsten zwei Jahren steckt Daimler zwei Milliarden Euro in die Erweiterung seiner Pkw-Produktion in Peking und in den Bau eines Motorenwerks. Bereits jetzt fertigt Daimler die Mercedes-Benz C-Klasse und die Langversion der E-Klasse in seinem Werk in Peking, das die Stuttgarter gemeinsam mit der Beijing Automotive Industry Corporation (BAIC) betreiben. Noch in diesem Jahr soll der Geländewagen GLK in China gebaut werden.

Ab 2013 kommen drei Baureihen der neuen Mercedes-Benz-Kompaktklasse nach China, das Motorenwerk liefert Vierzylinder-Ottomotoren für die lokal gefertigten PKW und Transporter. Derzeit verlassen jährlich rund 80.000 Fahrzeuge das Pekinger Werk, hieß es auf Anfrage von manager magazin Online. In vier Jahren will Daimler jährlich 300.000 Fahrzeuge in China absetzen, davon sollen zwei Drittel aus lokaler Fertigung stammen. Die S-Klasselimousinen für den chinesischen Markt importiert Daimler aber weiter aus Deutschland.

Eigenes Designzentrum in China, Lkw-Billigmarke für Indien

Auf die automobilen Vorlieben der Chinesen will Daimler künftig stärker eingehen. Um die Trends in dem Riesenland besser zu verstehen, hat Daimler vor wenigen Tagen hat Daimler in Peking sein weltweit fünftes Designzentrum eröffnet. Experten halten das für den richtigen Schritt. "Es macht Sinn, näher am Markt zu sein. Bei der Entwicklung neuer Modelle ist es wichtig, den kulturellen Hintergrund des jeweiligen Landes zu kennen", meint Branchenexperte Bernhart von Roland Berger. Die Chinesen haben etwa eine sehr ausgeprägte Präferenz für Unterhaltungselektronik und Entertainment im Fahrzeug. Wer solche Unterschiede bei der Ausstattung seiner Modelle berücksichtigt, gewinnt leichter Kunden.

Ab 2013 will Daimler gemeinsam mit seinem chinesischen Partner Build Your Dreams (BYD) ein Elektroauto auf den chinesischen Markt bringen. Doch um das Projekt ist es in den letzten Monaten still geworden - wohl auch deshalb, weil BYD derzeit nicht so recht vom Fleck kommt und Verkaufseinbrüche meldet.

Auch im Nutzfahrzeugbereich will Daimler in China punkten - und künftig auch mittelschwere und schwere Lastwagen im Land herstellen. Der Jointventure-Vertrag mit dem chinesischen Partner Foton ist unterzeichnet, nur die Produktionslizenz der chinesischen Regierung fehlt noch. Daimler rechnet damit, diese in der zweiten Jahreshälfte zu erhalten. Beide Partner sind zu jeweils der Hälfte an dem Jointventure beteiligt. Insgesamt sollen 720 Millionen Euro in das Gemeinschaftsunternehmen fließen - wobei Foton die Produktionsstätten einbringt und Daimler die Barmittel. Die gemeinsame Kapazität soll bei 160.000 Fahrzeugen liegen.

Seit etwas mehr als einem Jahr stellt Daimler im Gemeinschaftsunternehmen Fujian Daimler Automotive Mercedes-Benz-Transporter her. Derzeit laufen dort 40.000 Vitos und Vianos jährlich von den Bändern, künftig soll auch noch der Transporter Sprinter gefertigt werden.

Indien: Billig-Lkw-Marke aus Chennai

Auch im zweiten Auto-Hoffnungsmarkt in Asien investiert Daimler - allerdings nur im Bereich Nutzfahrzeuge. Bis Anfang 2012 steckt Daimler 700 Millionen Euro in den Aufbau einer Lkw-Fertigung in Chennai. Diese soll für den lokalen Markt günstige Lkws bauen, die unter der Marke BharatBenz laufen werden.

Anfänglich sollen 30.000 bis 35.000 Lkws pro Jahr gebaut werden, Daimler will die Produktion bei entsprechender Nachfrage bis auf 70.000 Fahrzeuge pro Jahr erhöhen.

Russland: Jointventure mit Kamaz

Rund 250 Millionen Dollar hat Daimler in Russland investiert. Gemeinsam mit der europäischen Entwicklungsbank EBRD halten die Stuttgarter nun 15 Prozent an Kamaz, Russlands Marktführer für schwere Lastwagen. Daimler arbeitet in zwei Gemeinschaftsunternehmen mit Kamaz zusammen, die Werke wurden im März eröffnet. Künftig will Daimler eine hohe fünfstellige Zahl an schweren Lkws in Russland produzieren, bislang importierte die russische Daimler-Tochter jährlich gerade einmal 2500 schwere Lastwagen.

Ende 2010 hat Daimler eine Absichtserklärung mit dem russischen Fahrzeughersteller Gaz über den Bau von jährlich 24.000 Transportern des Typs Sprinter unterzeichnet. 100 Millionen Euro will Daimler dafür lockermachen, doch bislang liegt nicht mehr als die Absichtserklärung vor.

Eine eigene Pkw-Fertigung in Russland plant Daimler laut Auskunft der Pressestelle derzeit nicht. "Wir sind momentan zufrieden mit den Verkaufszahlen und können das über Importe gut bewältigen", sagt ein Sprecher.

Milliarden für den Ausbau der US-Fertigung, Millionen für Europa

Die mageren Jahre haben die USA zumindest bei den Autoverkäufen hinter sich gelassen. Volkswagen will den US-Markt nun mit eigenen Modellen aufrollen, BMW erweitert sein Werk in Spartanburg - und auch Daimler macht Geld für den Ausbau seiner US-Produktionsanlagen locker.

In den nächsten Jahren investiert Daimler 2 Milliarden Dollar, umgerechnet 1,4 Milliarden Euro, in sein Werk in Tuscaloosa im südlichen Bundesstaat Alabama. Damit bleibt Daimler seiner SUV-Produktion in den USA treu. Das US-Werk produziert künftig die neue M-Klasse und die Nachfolgegeneration der GL-Klasse. Ab 2014 rollen auch kleinere Fahrzeuge von den US-Bändern: Als einer von vier Standorten fertigt Tuscaloosa die Nachfolgegeneration der C-Klasse.

Derzeit hat das US-Werk eine Kapazität von 160.000 Fahrzeugen pro Jahr, heißt es bei Daimler. Wie stark dieser Wert durch die Milliardeninvestition steigen soll, wollte Daimler auf Anfrage von manager magazin Online allerdings nicht verraten.

Europa: Neues Werk für Mercedes-Kompaktklasse in Ungarn

Rund 800 Millionen Euro steckt Daimler derzeit in den Neubau seines Pkw-Werks in Kecskemet. Die ungarische Fabrik wird eines der beiden Hauptwerke für die Nachfolger der A- und B-Klasse werden, die ab 2012 verkauft werden. Die Hallen stehen bereits, ab Herbst laufen die Produktionstests. Künftig will Daimler mehr als 100.000 Kompaktwagen in Ungarn herstellen- das zweite Werk für die neue Daimler-Kompaktklasse steht im deutschen Rastatt.

Etwas Geld nimmt Daimler aber auch für seine deutschen Pkw-Werke in die Hand: In Sindelfingen investiert der Autokonzern über fünf Jahre insgesamt 230 Millionen Euro, unter anderem in einen neuen Fahrsimulator, einen Klima- und einen Akustik-Windkanal.

In der Türkei fertigt Daimler in Aksaray Lkws für den osteuropäischen Raum. Auch hier will Daimler die Kapazitäten erweitern: In den nächsten fünf Jahren wollen die Stuttgarter 130 Millionen Euro in den Ausbau des Werkes stecken. Im Jahr 2010 verkaufte Daimler 12.000 Lkw in der Türkei. Damit ist die Türkei für Mercedes-Benz Lkw nach Deutschland und Brasilien der drittgrößte Markt. Laut Eigenangaben hält Daimler bei einem Marktanteil von 38 Prozent.

Südafrika und Südamerika: Umrüstung statt Expansion

Rund 200 Millionen Euro steckt Daimler bis 2014 in sein südafrikanisches Werk in East London. Damit bereiten die Stuttgarter das Werk auf die Produktion der neuen C-Klasse vor, die auch in Bremen, China und dem US-Werk in Tuscaloosa gefertigt wird.

Bis vor kurzem hat Daimler sein Coupé CLC auch in einem Werk in Brasilien gefertigt. Doch der Standort Juiz de Fora wurde nun zum Nutzfahrzeugwerk umgerüstet, um den zusätzlichen Bedarf der Lkw-Sparte zu decken. Die Kosten der Umrüstung konnte Daimler auf Anfrage nicht exakt beziffern, bislang produziert Daimler in Brasilien 75.000 Busse und Lkws pro Jahr für den südamerikanischen Markt.

Allein in Brasilien werden jährlich rund 163.000 Lkws verkauft, bis 2020 soll diese Zahl laut Daimler-Prognosen auf über 200.000 wachsen. Die Wachstumsprognosen für Nutzfahrzeuge in Indien und China ist zwar deutlich höher - doch diese Märkte bergen mehr Risiken. Brasilien gilt innerhalb des Daimler-Konzerns hingegen bereits als reifer und durchaus lukrativer Markt.

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