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Absatz: Wie VW in den USA angreift

Absatz US-Boom für deutsche Autofirmen

35 Prozent Absatzplus für Volkswagen, 19 Prozent für Mercedes: Deutsche Autobauer feiern in den USA Rekordergebnisse. Dies hat nicht nur mit neuen Modellen, dem Popstar Katy Perry und Problemen der Konkurrenz zu tun - auch ein Umdenken der US-Bürger stützt den Boom.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Die deutschen Autoschmieden feiern auf einem schwachen US-Markt serienweise Rekordergebnisse. Mit einer gut gefüllten Modell-Pipeline, dem Ausbau ihrer Präsenz, aggressiven Preisangeboten sowie wachsender Nachfrage für Dieselfahrzeuge legen die hiesigen Hersteller auf der anderen Seite des Atlantiks durch die Bank deutlich besser zu als der Gesamtmarkt.

Volkswagen konnte den Absatz seiner Fahrzeuge im Juni gegenüber dem Vorjahr um 35 Prozent steigern. Die Wolfsburger schließen mit verkauften 154.100 PKW ihr bestes erstes Halbjahr in den USA seit 2002 ab.

Zwar wird der eigens für den US-Markt entwickelte Passat, der seit drei Monaten in Chattanooga vom Fließband rollt, erst im September in die Verkaufsräume gestellt. Doch dafür räumt seit Monaten schon der Jetta kräftig ab. Der Jetta-Absatz hob im Juni mit einem Plus von 88 Prozent regelrecht ab.

Auch die zum Konzern gehörende Marke Audi feiert Rekordzahlen zwischen New York und Los Angeles. Im Jahresvergleich nahm der Juni-Absatz um 16,9 Prozent zu, auf 10.051 Fahrzeuge. Das ist der sechste Rekordmonat in Folge in diesem Jahr und der beste Juni, an den sich Manager bei Audi in den USA erinnern können. Geholfen hat vor allem, dass der neue A7 in den USA sehr gut angenommen wird.

BMW: Siegeszug des Mini und des X3

Dicke Erfolge verzeichnet auch BMW  . Die Juni-Verkäufe stiegen bei den Münchnern in den USA um 15 Prozent. Als Verkaufsschlager entpuppen sich dabei der SUV X3 und der Mini, der in ganz Nordamerika seinen Siegeszug fortsetzt.

Auch der Erzrivale Mercedes in Stuttgart kann bei den US-Kunden kräftige Erfolge verbuchen. Der PkW-Absatz stieg im Juni um 19 Prozent. Vor allem in der neuen E-Klasse und der M-Klasse wurden mit 19 Prozent und 45 Prozent satte Zuwächse verzeichnet.

BMW kann seine Spitzenposition am US-Markt für Luxuswagen weiter ausbauen. Erstmals seit 11 Jahren schaffen es die Münchener - wenn man den Verkaufszahlen im ersten Halbjahr glaubt - den Erzrivalen Lexus von Toyota abzuhängen. "Die liegen schon zu weit zurück, um noch aufzuholen", sagt selbstbewusst Jim O'Donnell, der CEO von BMW im Nordamerika.

So satte Zuwachsraten konnten die meisten Mitstreiter am US-Automarkt im Juni nicht melden. Und das hat mehrere wichtige Gründe.

Lieferketten-Infarkt: Toyota und Honda leiden weiter

Anhaltend gestörte Lieferketten nach dem verheerenden Erdbeben in Japan im März ließen die Verkaufszahlen der japanischen Autoschmieden teilweise drastisch einbrechen. Toyota und Honda meldeten 21 Prozent weniger Verkäufe im Juni. Das Problem: Die US-Produktion der japanischen Hersteller wird nicht so schnell wieder hochgefahren wie ursprünglich erwartet. Honda wird seine gesamte Produktion in Amerika erst im August wieder so auslasten wie vor der Naturkatastrophe.

Nur 8 von 12 US-Fabriken bei Toyota fertigen schon wieder so viel wie vor der Krise. Beide großen Hersteller produzieren für den Verkauf an US-Kunden ganz überwiegend in den USA. Honda produziert lediglich 13 Prozent der in den USA verkauften PkW in Fernost. Toyota steuert seit Juni mit deutlichen Preisnachlässen gegen die Flaute. Die Lockangebote begannen, nachdem der Besucherverkehr in den amerikanischen Verkaufsräumen fast zum Erliegen kam.

"Im März und April lief es an sich ganz gut, und dann traf uns der Infarkt in den Lieferketten mit voller Wucht", erklärt Earl Stewart, Toyota-Händler in North Palm Beach, Florida. Stewart verkaufte im März 88 Prius, im Juni nur noch magere 12.

Von den stockenden Lieferketten ihrer japanischen Mitstreiter konnten vor allem die US-Konkurrenten profitieren. Doch trotz dieses Vorteils überzeugten die Monatsergebnisse der Firmen aus Detroit nicht ganz. Während der Autoabsatz im Gesamtmarkt um 7 Prozent auf 1,05 Mio. Fahrzeuge zulegte, berichtete General Motors eine Zunahme um 10 Prozent, Ford registrierte eine Zunahme um 13 Prozent.

Schon nach wenigen Stunden verkauft

Die US-Hersteller bekamen auch Schützenhilfe von anderer Seite. Die kräftige Korrektur der Energienotierungen ließ die Benzinpreise zumindest so weit zurückgehen, dass sich das Geschäft mit den PS-starken Klein-Trucks zuletzt wieder belebte.

Mehr noch: Die Nachschubprobleme der japanischen Konkurrenz trieben viele US-Kunden auf der Suche nach benzinsparenden Kleinwagen in die Showräume amerikanischer Hersteller. Der Kleinwagen Ford Focus zum Beispiel wurde bei vielen Händlern nur Stunden nach der Auslieferung vom Werk verkauft. 60 Tage Vorrat sind sonst die Regel. Und der Ford Fiesta konnte im Jahresvergleich sogar 438 Prozent zulegen. Das ist der Grund, warum die US-Hersteller erstmals seit der Finanzkrise zusammen wieder auf mehr als 50 Prozent Marktanteil kommen. Im Juni waren es 50,2 Prozent.

Was deutschen Herstellern in den USA derzeit hilft, ist nicht nur die steigende Präsenz. Vor allem VW mit dem neuen Werk in Chattanooga und der flankierenden PR-Offensive kann viel Aufmerksamkeit erregen. Der Werbestreifen für den neuen Passat zur Super Bowl wurde im Internet 40,5 Millionen Mal abgerufen. Auch die Kampagne der Pop-Ikone Katy Perry, die dem Jetta 2011 mit einem Konzert am New Yorker Times Square vor 13 Monaten zu einem sensationellen Debüt verhalf, trägt zur gestiegenen Wahrnehmung bei. Die Bilder der rassigen Sängerin in ihrem knappen Kleid auf der Motorhaube des Jetta tauchen stets mit auf, wenn Katy Perry gegoogelt wird.

Was den deutschen Herstellern ebenfalls hilft, ist der wachsende Zuspruch für Dieselfahrzeuge. Benzin kostet in den USA trotz der jüngsten Korrektur immer noch einen Dollar je Gallone mehr als vor einem Jahr. Hinzu kommt die Knappheit bei den Hybridfahrzeugen aus japanischer Produktion. Die Zuwächse finden auf sehr kleiner Bassis statt, aber sie sind rasant.

Flottenanteil bei Diesel-Fahrzeugen soll sich bis 2017 verdoppeln

Die US-Autofahrer haben im Mai 9000 Dieselfahrzeuge gekauft. Das waren 34 Prozent als im selben Vorjahresmonat. Laut dem Research-Unternehmen JD Power & Associates soll der Flottenanteil von Dieselmodellen in den USA sich bis zum Jahr 2017 auf 7,4 Prozent mehr als verdoppeln. Das spielt Volkswagen in die Hände, denn in Tennessee soll jeder vierte Passat einen Dieselantrieb haben. Keiner seiner Konkurrenten in den USA wird als Diesel angeboten.

Dieselfahrzeuge hatten in den USA nach einem Fehlstart lange Zeit einen schlechten Ruf. Doch das ändert sich bei hohen Benzinpreise. "Das überrascht selbst die Hersteller", sagt der Geschäftsführer Jeremy Anwyl bei der Beratungsgesellschaft Edmunds.com.

Bei VW drückt man auch in Sachen Preise aufs Gaspedal. Die Grundversion des neuen Passat, der in Tennessee gefertigt wird, kostet 7.000 Dollar weniger als das Vorgängermodell in Europa. "Die haben eine sehr aggressive Preisstrategie", erklärt der Autoanalyst George Magliano bei IHS Automotive über den Passat, "und das scheint sich auszuzahlen". Kritiker halten Volkswagen  vor, es verzichte für bessere Preise in den USA auf viele Zutaten. Doch das Magazin Motor Trend bewertet den Jetta in dieser Hinsicht besser als die Mitstreiter Toyota Corolla, den Chevrolet Cruze und den Ford Focus.

Viele Beobachter befürchten am US-Markt eine weitere Eintrübung. Der Mai und Juni waren sehr schwach. Die aufs Jahr hoch gerechnete Verkaufszahl lag mit 12 Millionen Fahrzeugen 1 Million unter dem Wert der Vormonate. Im Mai stieg die Arbeitslosigkeit wieder auf 9,1 Prozent an. Obendrein gab das Konsumentenvertrauen nach. Und die Reallöhne sinken. Die Preise von Wohnhäusern verlieren zudem noch immer jeden Monat 1 Prozent an Wert. "Es ist um einiges ruhiger, als ich es erwartet hatte", sagt Tammy Darvish Vizepräsident bei Darcars, eine große Händlerkette in Silver Spring im Bundesstaat Maryland. "Die Leute verstecken sich regelrecht", bestätigt Nick DePasquale, Direktor bei Fairview Ford in San Bernardino.

BMW und Mercedes setzen auf neue Versionen

Die ersten Manager und Analysten senken bereits ihre Verkaufsprognosen für 2011. Don Johnson, für den Verkauf zuständiger Vizepräsident bei General Motors in den USA, erwartet für das laufende Jahr jetzt nur noch etwa 13 Millionen verkaufte PKW. Zu Jahresbeginn lag seine Schätzung bei bis zu 13,5 Millionen. Und bei JD Power wurde die Vorhersage gerade auf 12,9 Millionen gestutzt.

Doch nicht wenige in der Branche sagen für das zweite Halbjahr eine Belebung vorher. Erstens, weil mehr Kleinwagen verkauft werden dürften, wenn die Zulieferungen aus Japan wieder reibungslos funktionieren. Zweitens, weil die Zuückhaltung der Autofahrer in den USA einen veralteten Fuhrpark erzeugt hat. Das Durchschnittsalter der PKW auf US-Straßen liegt laut Ford jetzt bei 11 Jahren. Hinzu kommt, das japanische Hersteller versuchen werden, über großzügigere Rabatte verlorene Marktanteile zurück zu erobern.

Auch die deutschen Hersteller machen sich Hoffnungen auf ein beschleunigtes zweites Halbjahr. Bei VW ist es vor allem der neue Passat aus Chattanooga, der in den nächsten Wochen an die 580 US-Händler von VW ausgeliefert wird. Er ist das Schlüsselprodukt in der Strategie der Wolfsburger, durch eine starke Expansion auf dem US-Markt bis 2018 Toyota die Spitzenposition am Weltmarkt streitig zu machen. Bis 2018 sollen in den USA jährlich 800.000 Fahrzeuge der Marke VW und weitere 200.000 Audi-Modelle abgesetzt werden.

Im vergangenen Jahr hat der Konzern dort knapp 360.000 Autos verkauft, 100.000 kamen von Audi. Der Marktanteil von VW, 2009 noch bei mageren 2 Prozent, ist im Juni bereits auf knapp 4 Prozent angestiegen. Neue Versionen und Modelle sollen auch bei anderen deutschen Herstellern den US-Absatz im zweiten Halbjahr zusätzlich beflügeln.

Gewerkschaften könnten deutsche Autobauer ausbremsen

BMW will eine weitere Version der 5er-Serie einführen, den 528i xDrive. Mercedes bringt im September eine upgedatete Version der C-Klasse. "Das wird uns gute Verkaufszahlen bescheren", meint Ernst Lieb, der Chef von Mercedes in den USA.

Für Volkswagen  werden sich mit der wachsenden Präsenz in den USA auch neue Herausforderungen ergeben. Mit der Einführung des neuen Jetta wurde im vorigen Jahr die Latte hoch aufgelegt. Ob der neue Passat so bravourös starten kann, muss sich erst zeigen.

Mehr noch: Der starke Ausbau der Aktivität in Amerika ruft auch die Gewerkschaften auf den Plan. Die United Auto Workers verrieten der Nachrichtenagentur Associated Press vor wenigen Tagen, dass sie erste Gespräche mit Beschäftigten von VW in Chattanooga führen. Obwohl Volkswagen öffentlich betont, gewerkschaftliche Betätigung sei Sache der Angestellten, könnte dies brisant werden. Der Reiz von US-Südstaaten wie Tennessee, Georgia und South Carolina besteht für internationale Investoren bislang vor allem darin, dass die Landpreise niedrig und die Beschäftigten nicht organisiert sind.

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