Fotostrecke

Neue Beweglichkeit: Teilen, Vermieten, Planen - die neue Welt der Autobauer

Neue Mobilitätskonzepte Warum Autohersteller zu Vermietern werden

Großstädter und junge Menschen verlieren die Lust am Autobesitz. Das zwingt die  Autohersteller dazu, neue Wege zu gehen. Daimler, BMW und Peugeot versuchen sich als hippe Autovermieter, Citroën gibt den Mobilitätsberater. Die Pioniere müssen aber einen langen Atem beweisen.

Hamburg - Sie sind weiß, schwarz und braun lackiert. Über den Hinterrädern prangt eine Zeichnung, die an ein Straßennetz erinnert. Und eine passende App für's iPhone gibt es natürlich auch. Seit Mitte Juni bietet der Autohersteller BMW 300 Kleinwagen zur Kurzzeit-Miete in München an. "Drive Now" heißt das Carsharing-Konzept, das der Luxusautobauer gemeinsam mit dem Autovermieter Sixt gestartet hat.

Für 29 Cent pro Minute können die Drive-Now-Kunden quasi im Vorbeigehen einen 1er-BMW oder einen Mini mieten - und ihn dann innerhalb des mittleren Münchner Ringes auf öffentlichen Parkplätzen zurücklassen. Rund 2000 Nutzer haben sich in den ersten zwei Wochen für das "Premium Car Sharing" angemeldet, wie es BMW  nennt. "Bisher läuft es überraschend gut", sagt Drive Now-Pressesprecher Michael Fischer.

BMW hegt ehrgeizige Pläne mit seiner Auto-Kurzzeitleihe: In der zweiten Jahreshälfte wollen BMW und sein Vermietpartner Sixt  mit insgesamt 500 Fahrzeugen in Berlin starten. Pro Jahr sollen zwei bis drei Großstädte in Westeuropa und Nordamerika hinzukommen. Eine Million Kunden will der Autohersteller bis 2020 für sein Angebot begeistern - ein stolzes Ziel.

Mit seinen hochfliegenden Zielen für Autoteilen im 21. Jahrhundert ist der bayerische Autohersteller nicht alleine: Erzkonkurrent Daimler , der sich mit Car2Go als Carsharing-Pionier unter den großen Autoherstellern vorgewagt hat, hat seine aus dem Kleinstauto Smart bestehende Flotte bereits in Ulm, Austin, Hamburg und Vancouver stationiert. In diesem Jahr soll Car2Go mit 300 Elektroautos in Amsterdam an den Start gehen, zwei weitere Städte in Europa und Nordamerika sollen noch 2011 hinzukommen.

Statussymbol Auto hat bei Jungen und Großstädtern ausgedient

Peugeot  ist mit seinem Mobilitätskonzept "Mu" bereits in vier deutschen Städten präsent. In diesem Jahr eröffnet Peugeot Mu-Stationen in Saarbrücken und dem Großraum Köln-Bonn. Volkswagen  will in diesem Jahr ein Carsharing-Pilotprojekt in Hannover starten - und der französische Autobauer Citroën bringt seinen Online-Reiseberatungsdienst Multicity noch in diesem Jahr nach Deutschland.

Autohersteller als Vermieter oder Reisedienstleister- wie passt das zusammen? In den letzten Jahren bahnen sich in der Gesellschaft Entwicklungen an, die den Autoherstellern Sorge bereiten. Junge potenzielle Kunden kaufen sich lieber ein iPhone, als auf ein eigenes Auto zu sparen. Großstädter wollen sich kein eigenes Auto leisten, weil Parkplätze rar sind. Metropolen drängen die Fahrzeuge mit teuren Parkgebühren und immer weniger Stellflächen aus den Innenstädten.

Die Folge: In den Millionenstädten Hamburg und Berlin verzichtet bereits heute fast die Hälfte aller Haushalte auf einen eigenen fahrbaren Untersatz. "Das Auto als Statussymbol hat bei vielen jungen Leuten an Wichtigkeit verloren", stellt Peugeot-Pressesprecher Ulrich zum Winkel nüchtern fest. "Das sind Trends, vor denen wir die Augen nicht verschließen wollen", sagt Car2Go-Sprecher Andreas Leo.

Autohersteller verpassen Carsharing frisches Image

Carsharing legt hingegen kräftig zu. Im vergangenen Jahr haben 190.000 Bundesbürger ihre Fahrzeuge mit anderen Nutzern geteilt, zeigen die Zahlen des Bundesverbands Carsharing. Das waren um ein Fünftel mehr als noch im Jahr zuvor. Seit dem Jahr 2005 hat sich die Zahl der Carsharing-Fahrzeuge auf 5.000 verdoppelt. Die Zuwachsraten klingt beachtlich. Doch der gesamte Pkw-Bestand in Deutschland liegt bei 43 Millionen Fahrzeugen. Das Autoteilen ist also noch weit davon entfernt, zum Massenphänomen zu werden.

Einige schreckt wohl auch das dröge Image des Autoteilens ab. Carsharing galt bisher eher als Spielwiese für Bildungsbürger mit Weltverbesserungsanspruch. Und die Nutzung klassischer Carsharing-Angebote ist eher kompliziert. Anbieter wie Cambio oder Stadtmobil verlangen von ihren Kunden üblicherweise Geld für die genutzte Zeit und pro gefahrenem Kilometer. Fahrzeuge müssen per Internet oder Telefon vorreserviert werden, die Stellplätze befinden sich meist in Garagen. Nutzer müssen angeben, wie lange sie die Autos voraussichtlich benötigen. Und sie müssen die Fahrzeuge oft auch zu jenem Ort zurückbringen, an dem sie ausgeliehen wurden.

Die Carsharing-Konzepte von Daimler und BMW sollen diese Einschränkungen überwinden - und gehen deshalb einen völlig anderen Weg. Fixe Standplätze gibt es nur vereinzelt in Innenstadt-Garagen, üblicherweise stehen die Fahrzeuge auf öffentlichen Parkplätzen. Via Internet oder per Smartphone können Kunden sehen, wo gerade ein Fahrzeug in ihrer Nähe ist. Denn jedes Fahrzeug ist mit einem GPS-Empfänger ausgerüstet und damit genau ortbar.

Mit dem herkömmlichem Autoteilen hat das nicht mehr viel zu tun, sagt Mobilitätsexperte Matthias Bentenrieder von der Unternehmensberatung Oliver Wyman: "Sie steigen ein, fahren weg, und stellen es wieder hin, ohne dass Sie sich groß kümmern müssen. Für junge Leute ist Carsharing damit ganz anders positioniert".

Die neue Einfachheit des Autoteilens

Car2Go und Drive Now machen ihren Kunden die Autoleihe leicht. Nach der Registrierung via Internet und einer Anmeldegebühr von einmalig 29 Euro erhalten die Kunden einen Chip auf ihren Führerschein aufgeklebt. Dieser öffnet die Leihfahrzeuge, in denen sich bereits der Autoschlüssel befindet. Nun müssen sie nur noch einen Code eingeben, dann haben sie das Fahrzeug gemietet und können losfahren.

Beendet ist die Miete dann, wenn sie ihr Fahrzeug auf einem öffentlichen Parkplatz innerhalb des von Daimler und BMW definierten Geschäftsgebiets stehen lassen und auschecken. Im Preis von 29 Cent pro Minute, den Car2Go-Kunden in Hamburg und Drive-Now-Nutzer in München zahlen, sind Tank- und Parkgebühren bereits enthalten.

Das macht es möglich, die Fahrzeuge auch nur für einen Weg zu benutzen. Auch die Städte haben etwas davon, und zwar regelmäßige Einnahmen. "Die anfallenden Parkgebühren überweisen wir in Hamburg 1:1 an die Stadt", sagt Car2Go-Sprecher Leo.

Doch das Konzept hat nicht nur Fans. "Car2Go ist nicht Carsharing in unserem Sinn. Wir haben Vorbehalte, ob das wirklich zur CO2-Entlastung führt", meint etwa Willi Loose, Chef des Bundesverbands Carsharing. Und selbst Unternehmensberater Bentenrieder meint, dass diese Art des Carsharing unter Umständen Kunden von der Bahn auf die Straße zieht. Eine echte Verkehrsentlastung für die Innenstädte sei erst dann möglich, wenn der Innenstadtverkehr noch stärker reguliert wird, meint er.

Experimente mit sehr unterschiedlichen Ansätzen

An solchen Einwänden scheinen sich die Kunden bislang nicht zu stoßen. Car2Go seit März 2009 in Ulm 21.000 registrierte Kunden gewonnen, rund 12 Prozent der Stadtbevölkerung. Mit den beiden neuen Städten Hamburg und Vancouver haben sich nun 40.000 Car2Go-Nutzer registriert. Sie alle fahren in weiß lackierten Smarts mit dem blauen Car2Go-Logo durch die Innenstädte. Zwischen 4 und 8 Mal pro Tag werden die 300 Car2Go-Smarts in Ulm benutzt, pro Miete legen sie zwischen 5 und 8 Kilometer je Miete zurück.

An eine Ausweitung der Flotte auf andere Modelle denkt Leo nicht. "Größere Fahrzeuge werden von Kunden überhaupt nicht gefordert", meint er. In einigen Jahren soll Car2Go auch Profite abwerfen. Doch als interne Konkurrenz zum Autoverkauf taugt das Vermietgeschäft nicht. "Car2Go ist ein zusätzliches Geschäftsmodell, es soll aber nicht das Kerngeschäft ablösen", sagt Leo.

Einen ganz anderen Ansatz versucht Citroën. In Frankreich hat der zur Peugeot-Gruppe gehörende Autobauer ein Online-Reiseinformationssystem namens Multicity gestartet. Kunden geben ihren Ausgangspunkt und ihr Reiseziel ein, die Website listet sämtliche Reisemöglichkeiten per Bahn, Flugzeug, Auto, Leihfahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln auf. Mit wenigen Mausklicks können Nutzer Tickets für ihre Route buchen und Autos vorbestellen.

Das Ungewohnte dabei: Citroën tritt als Vermittler von Reiseangeboten auf. Autos können Kunden auf der Seite natürlich auch mieten - auch wenn diese nicht unbedingt aus dem Hause Citroën stammen müssen. Einen besonderen Service bietet Citroën aber. Für 14 Euro Aufpreis wird das gemietete Fahrzeug direkt an die Haustüre geliefert.

Im September will der Autobauer das Angebot für Deutschland präsentieren, noch in diesem Jahr soll Multicity starten, sagt Citroën-Pressesprecher Lützenkirchen zu manager magazin Online. Derzeit verhandelt Citroën in Deutschland mit den verschiedenen Verkehrsträgern, um deren Reiseinformationen auf einer Seite bündeln zu können. Ziel des Angebots ist es unter anderem, potenzielle Kunden auf Citroën aufmerksam zu machen.

Peugeot macht Autohändler zu Mobilitätsvermietern

Das will der Mutterkonzern Peugeot mit seinem Mobilitätsangebot namens "Mu" auch - allerdings auf herkömmlichem Weg. Peugeot macht dabei die Autohändler zu Vermietern. Mu-Kunden können Fahrräder, Motorroller, Cabrios oder auch Peugeot-Transporter tageweise mieten, zu vergleichsweise günstigen Konditionen: Maximal 65 Euro pro Tag werden dafür fällig, bezahlt wird per Prepaid-Karte. Im Sommer gibt es spezielle Tarife, das Cabrio 207 CC kostet etwa 86 Euro für ein ganzes Wochenende.

Bislang gibt es nur sechs Autohäuser in Berlin, Hamburg und München, die daran teilnehmen - und sie alle liegen nicht gerade im Zentrum der jeweiligen Metropolen. Rund 100 Fahrzeuge, vom Motorroller über Elektroautos bis hin zum Nutzfahrzeug, sind deutschlandweit verfügbar, Bisher haben sich laut Angaben von Peugeot 1700 Kunden registriert. "Wir wollen damit umweltbewusste Nutzer auch zusätzlich auf unsere umwelteffizienten Fahrzeuge aufmerksam machen", sagt Peugeot-Sprecher Ulrich zum Winkel. Das System soll kontinuierlich weiter ausgebaut werden, verspricht er.

Wirklich global sind die Carsharing- und Vermietkonzepte aber noch nicht. Deutsche Car2Go-Kunden können etwa noch nicht Fahrzeuge in Vancouver mieten, auch Peugeots Mu-Angebot ist noch nicht international vernetzt. "Diese Themen köcheln noch auf relativ kleiner Flamme. Doch der Markt wird schon heute aufgeteilt", sagt Unternehmensberater Bentenrieder. Die Kooperationen, die nun geknüpft werden, bestimmen die Zukunft. Mittel- bis langfristig wird sich das Geschäft für die Autohersteller radikal verändern, meint Bentenrieder.

Die Pioniere unter den Autokonzernen schaffen sich heute schon eine gute Ausgangsposition. Denn die Konkurrenz wächst. In den USA hat die Carsharing-Plattform Zipcar etwa bereits 560.000 Mitglieder und einen Fuhrpark von 8000 Autos. In Deutschland zeigen Online-Mitfahrzentralen wie das Startup Flinc.org auf dem Smartphone mögliche Mitfahrgelegenheiten samt Fahrerprofil an. Zudem lässt sich die Bereitschaft zur Mitnahme von Fahrgästen auf einem Navigationssystem freischalten. Daimler erprobt mit seiner Mitfahr-Plattform Car2Gether ein ähnliches Konzept. Auf Websites wie Nachbarschaftsauto.de oder Tamyca.de verleihen Privatpersonen ihre eigenen Autos zum Carsharing. Die großen Autohersteller könnten also bald Konkurrenz von ungewohnter Seite bekommen.

Mehr lesen über